Wien. Sonntag, 13 Uhr, am Wiener Burjanplatz im 15. Bezirk, und die Bäume sehen noch aus, wie sie um diese Jahreszeit auszusehen haben. Dunkelbrauner Stamm, die Blätter sind schon gelb, ein paar Männer sitzen plauschend auf der Parkbank.
Doch das wird in wenigen Stunden vorbei sein. Schon jetzt hat es sich eine kleine Gruppe von Frauen auf Holzsesseln vor der kleinen Buchhandlung „Buchkontor“ am Rand des Platzes gemütlich gemacht. In der Hand halten sie Strick- und Häkelnadeln, Wolle und Garn, aus denen sie kleine Wollherzchen, -sterne und Stoffgirlanden erschaffen. Alles dafür gemacht, um im Lauf des Nachmittags damit Bäume, Brunnen, Baustelle und die faden Blumenkistchen vor Ort zu verschönern.
Auf dem Burjanplatz findet an diesem Tag ein Guerilla Knitting statt. Angezettelt hat die Aktion „Strickoma“ Elisabeth Wetsch. Die 55-Jährige ist im Vorjahr mit ihren Strickvideos auf YouTube bekannt geworden. Ihre Seite Nadelspiel.com ist die meistbesuchte Handarbeitsseite im deutschsprachigen Raum. Mit der Strickerei will sie ihre beiden Bücher „Häkeln lernen mit eliZZZa“ und „Stricken lernen mit eliZZZa“ bewerben, die dieser Tage in der bekannten „Perlen-Reihe“ erscheinen.
„Ich habe mir selbst schon längst einmal gedacht, dass ich die Stadt verschönen will“, erklärt die 32-jährige Iris dann auch gleich, warum sie hergekommen ist, während sie an einem dottergelben Herzen herumhäkelt. Zum Handarbeiten und den Videos von eliZZZa hat sie eher zufällig gefunden. „Ich war eine Zeitlang arbeitslos. Da hat man zwar kein Geld, aber Wolle liegt schon daheim herum.“ Nachdem sie Arbeit gefunden hat, ist das Handarbeiten geblieben. „Es entspannt mich einfach sehr.“ Ähnlich wie Iris scheint es auch den andere Frauen zu gehen, die im Schatten der Buchhandlung an Vierecken, Herzchen, Schals, kleinen Blumen häkeln und stricken. Sie sind auf den Handarbeitstrend aufgesprungen. Jetzt häkeln und stricken sie sich mit großer Leidenschaft durch Muster für Pullover, Socken, Kinderkleidchen, Comic-Figuren. „Ich bin eine, die nicht einfach so herumliegen kann. Beim Handarbeiten kann ich mich entspannen, weil meine Hände und mein Kopf gleichzeitig arbeiten“, sagt Monika Koch, Ernährungsberaterin und Mutter von drei Söhnen.
Internationale Community
Die Wienerin Wetsch ist so etwas wie die Anführerin dieser Community, die es mit viel Geschick geschafft hat, diese Leute zusammenzuführen. Ihre Facebook-Gruppe umfasst 5000 Mitglieder, ihre Videos wurden mittlerweile 27 Millionen Mal angeklickt. Zu ihren Stricktreffen kommen Hunderte von Schäfchen, wie die Mitglieder ihrer Community heißen, viele davon sind aus Deutschland.
Und die haben für das angekündigte Guerilla Knitting auch tätkräftig Unterstützung zugesagt. „Weil viele keine Zeit haben, haben sie vorab Sachen geschickt“, erzählt etwa Ulla Harms, Besitzerin des Buchkontor, und eine der wenigen, die nicht mit einer Stricknadeln ausgestattet ist. Vor ihr stehen große Plastikbecher voll mit Selbstgestricktem. Marienkäfer, kleinen Strickbienen, schachtelweise Girlanden, die die Absender mit handschriftlich verfassten Briefen geschickt haben. „Für zwei Bäume reicht das schon“, sagt Harms und macht ein neues Päckchen auf. Auf die Hilfe von anderen sind die Leute vor Ort auch angewiesen. Denn noch tummeln sich nur zehn Frauen mittleren Alters (die 32-jährige Iris ist da eine Ausnahme) vor der kleinen Buchhandlung. Die ersten Girlanden und Sternchen werden schon auf Bäumen und Sträuchern aufgehängt. Ein Schal schafft es um das Straßenschild.
In Texas, wo alles begann
Als richtiges Guerilla Knitting will Elisabeth Wetsch die Aktion trotzdem nicht verstanden wissen. „Wir protestieren ja gegen nichts.“ Guerilla Knitting wird nämlich meist als friedlicher, aber politischer Protest verstanden. Wer im Internet googelt, findet eingestrickte Busse, Telefonzellen, sogar Panzer in rosa Wolle. Das erste Guerilla Knitting fand angeblich 2005 in Houston, Texas, statt. In Österreich griffen Aktivisten erstmals 2011 im Rahmen des Frauentages zu den Nadeln. Auch Wetsch war damals dabei. Und war entsetzt, dass all das Gestrickte auf der Ringstraße am nächsten Tag von der Müllabfuhr weggeschmissen wurde.
Das Wort „Urban Knitting“ gefällt Wetsch besser. Das Ganze soll bis heute, Montagabend, 18 Uhr, weiterlaufen. Um Erlaubnis wird niemand gefragt. „Solange Sprayer in der Stadt sind, dürfen wir ja wohl etwas bestricken“, sagt Harms und lächelt vergnügt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2012)
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