Villach/Wien. Helga D. hat den wohl schlimmsten Albtraum aller Eltern erlebt – ihre fünfjährige Tochter war 24 Stunden lang spurlos verschwunden. „Meine inneren Tal- und Bergfahrten möchte ich gar nicht beschreiben. So etwas ist eine extreme Grenzerfahrung, die ihre Spuren hinterlassen wird“, berichtet D. am Mittwochabend der „Presse“, fast einen Tag, nachdem Franca unversehrt gefunden wurde. Zuvor hat die Künstlerin aus Nötsch im Gailtal „die schlimmsten Stunden meines Lebens“ verbracht. Das Mädchen war indes allein unterwegs, während 250 offizielle Einsatzkräfte, 40 Hunde, 50 Freiwillige und zuletzt 100 Soldaten das Gelände durchkämmten.
„Die Franca ist heute ziemlich angeschlagen und braucht Ruhe“, schreibt ihre Mutter per E-Mail der „Presse“, mittlerweile habe sie den Stecker vom Festnetz gezogen, „weil es unerträglich ist“. Am Mittwochvormittag hatte sie auf Bitten der Polizei eine zehnminütige Pressekonferenz im eigenen Garten abgehalten. Dort hinterließ das Mädchen, das während eines Spaziergangs mit seinem Großvater in einem unbeobachteten Moment verschwunden war, einen lebhaften Eindruck. „Als ich Franca gestern Abend das erste Mal sah, war sie sehr aufgekratzt und redselig.“ Nun brauche sie aber Ruhe. Sie sei stolz auf ihre Tochter, die sich in der Natur zurechtgefunden hat, indem sie etwa Wasser aus Bächen getrunken habe. Franca hat ihr vom Ende ihrer Odyssee berichtet: „Als sie wieder auf einen asphaltierten Weg stieß, traf sie auf zwei Radfahrer, denen sie aufgefallen ist. Sie hat ihnen ihren Namen und ihre Adresse genannt. Und hat heute zu mir gesagt: ,Mama, ich war so glücklich mit den zwei Radfahrern!‘“ Nach Meinung der Ärzte sei Franca nicht traumatisiert, erzählt ihre Mutter.
„Tief beeindruckt von Helfern“
Als die Nachricht vom Auffinden des Kindes gekommen ist, habe die Mutter „ein Gefühl gehabt, das kann man gar nicht beschreiben“. Grenzenlose Euphorie habe die drückende Angst abgelöst. „Ich bin nur glücklich, dass mein Kind das Ganze unbescholten überstanden hat und danke jedem, der uns mental oder durch Gebete unterstützt hat. Es ist, als ob meine Tochter ein zweites Mal geboren wäre.“ An erster Stelle stehe der Dank an jene, die unermüdlich gesucht haben. „Das ganze Dorf war auf den Beinen, Leute aus ganz Kärnten sind gekommen. Es war eine ungeheure Erfahrung für mich, wie viele Menschen auf eine sehr emphatische Weise für mein Kind gekämpft haben und alles gegeben haben. Ich war und bin es immer noch: Tief beeindruckt von den menschlichen Qualitäten der Helfertrupps.“
Sie selbst hatte sich ebenfalls an der Suche beteiligt. „Ich bin mit einem Spürhund zirka um ein Uhr Früh ganz in der Nähe des damaligen Aufenthaltsorts meines Kindes gewesen. Dieser Waldweg, den meine Tochter gegangen war, hört plötzlich auf und dann muss man ein leeres Bachbett überqueren, das an dieser Stelle aus grobem Schotter und Felsblöcken besteht. Warum auch immer hat der Hund vor dem Bachbett einen Hohlweg Richtung Tal eingeschlagen“, berichtet Helga D. Die Hundeführer hätten es aber für ziemlich ausgeschlossen gehalten, dass das Kind diese Stelle passieren könnte.
Franca spricht nicht über Nacht
„Doch sie hat! Und sie wird nicht weit davon ihre Nacht verbracht haben.“ Wie genau Franca diese Nacht überstanden hat, ist nicht bekannt. Franca wollte über die Nacht vorerst nicht reden. Spricht man sie darauf an, fange sie an zu weinen, so die Mutter. Die Polizei will das Thema mit dem Mädchen vorsichtig in kleinen Schritten aufarbeiten, hieß es. Grundsätzlich wisse man ja, was vorgefallen sei. In den kommenden Tagen sollen letzte Details geklärt werden.
Vermisst, gefunden: Die 5-jährige Franca wurde am Montag in der kleinen Ortschaft Saak in der Gemeinde Nötsch im Kärntner Gailtal (Bezirk Villach-Land) abgängig gemeldet. Eine große Suchaktion startete mit Bundesheer-Hilfe. Dienstagabend wurde sie von zwei Radfahrern gesund gefunden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)
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