Wien. Die Zeiten, als die Wiener Ringstraße der Treffpunkt der feinen Gesellschaft war, sind zwar vorbei. Ein bisschen von dem Flair, der dort vor mehr als hundert Jahren herrschte, kehrt langsam, aber sicher wieder. „Schuld“ daran sind in erster Linie hochklassige Hotels, wie etwa das kürzlich eröffnete Ritz-Carlton am Schubertring, die durch ihre Präsenz – inklusive der Restaurants, die auch von Wienern frequentiert werden – die Umgebung aufwerten.
„In den letzten Jahren gab es am Ring eine positive Entwicklung. Der Glamour, der schon ein bisschen verlorengegangen ist, kommt jetzt wieder“, sagt dazu Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner. Er geht davon aus, dass das Palais Hansen, in dem im kommenden Frühling das Kempinski-Hotel eröffnen soll, zu einer weiteren Belebung führen wird. Auch der Möbelcluster, der sich zwischen Stubenring und Oper mit verschiedenen Möbelgeschäften gebildet hat, wertet die Straße auf.
Grand Cafés dank feiner Damen
Allerdings kann die Ringstraße allein durch die Verkehrssituation und den Fleckerlteppich aus Fuß- und Radwegen nicht mehr so schnell an die einstigen Hochzeiten der Straße anknüpfen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Ringstraße der Treffpunkt der feinen Gesellschaft. Wer etwas auf sich hielt, flanierte hier regelmäßig. Hotspot war das einstige Sirk-Eck beim Bristol, das seinen Namen dem damaligen Lederwarengeschäft Sirk verdankte.
Zu Spitzenzeiten gab es am Ring 27 Cafés, an deren Entstehung die feinen Damen der Gesellschaft nicht ganz unbeteiligt waren. „Die Hochblüte der Cafés war um 1900. Das hat mit dem aufstrebenden Bürgertum zu tun, das sich Palais baute, die es – im Gegensatz zum Adel – noch nicht hatte. Und mit der Öffnung der Gesellschaft“, sagt Berndt Querfeld, Cafetier und Wirtschaftsbund-Obmann der Fachgruppe Kaffeehäuser. Die feinen Damen, die sich in der Gesellschaft zeigten, brauchten also auch angemessene Orte, um dort zu konsumieren. „Das war die wahre Geburtsstunde der Grand Cafés und somit auch der Ringstraßencafés“, so Querfeld. Während in der Zwischenkriegszeit noch der eine oder andere Cafetier in seine Gaststätte investierte, ging es vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg bergab. Statt Cafés, die auch durch die damals angesagten Espressi verdrängt wurden, eröffneten am Ring Autosalons und Banken.
Heute sind nur noch drei Ringstraßencafés über: das Café Landtmann, das Café Schwarzenberg und dass Café Prückel. Das Café Schottenring hat mit Anfang August den Betrieb eingestellt – ob vorübergehend oder nicht, ist noch offen. Bis Anfang 2014 wird das denkmalgeschützte Haus, in dem das 130 Jahre alte Kaffeehaus untergebracht ist, renoviert. Der einstige Pächter Manfred Szabo wird voraussichtlich nicht mehr den Betrieb aufnehmen. Er wurde vom Hauseigentümer abgefunden. „Wir suchen einen neuen Betreiber, das ist aber derzeit nicht so einfach“, sagt dazu Architekt Manfred Schwanzer, der die Hauseigentümer vertritt. Die Erhaltung des Cafés sei ihnen aber ein Anliegen.
Café Votivpark sucht Käufer
Nicht ganz uninteressiert zeigt sich zumindest Berndt Querfeld, mit dem Gespräche laufen. „Natürlich würde es zu uns passen, ich wüsste auch, wie es geht. Aber die Frage ist, ob nicht irgendwann genug ist“, sagt Querfeld, der mit seiner Familie neben dem Café Landtmann auch noch die Cafés Museum und Mozart sowie das Parkcafé betreibt. Dass der Standort unattraktiv wäre, glaubt er nicht. „Sonst hätte es nicht mehr als 100 Jahre funktioniert.“ Immerhin gibt es ab 2013 mit dem gegenüberliegenden Hotel Kempinski (potenzielle) Gäste.
Einen neuen Betreiber sucht übrigens auch das ringnahe Cafe Votivpark in der Kolingasse. Im Dezember will die Familie Karrer den Betrieb einstellen – der Sohn, der das Café vom verstorbenen Vater übernommen hat, beginnt dann seinen Zivildienst. Ein Käufer wird gesucht.
Ob der Ring durch die Neuerungen wieder mehr Fußgänger anlockt, wie es sich Kettner wünscht, bleibt offen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)
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