Wien. Die junge Wiener Kreativszene meldet sich aus dem Sommerloch zurück. Denn kaum sind die Herbstjacken ausgepackt und die Gastgärten mit Heizpilzen und Sturmschildern ausgestattet, erwacht auch so manches Grätzel zum Leben. So zum Beispiel die Burggasse, die in den vergangenen Jahren eher mit billigen Shops und starkem Verkehr auf sich aufmerksam gemacht hat. Nun entwickelt sich ebendort aber so etwas wie ein Galeriegrätzel.
Neben den Streetart-Anlaufstellen „Inoperable“ und dem Zentrum für Fotografie namens „Zebra“ eröffnen mit „Cimmic Art“ und „Eigensinnig“ jetzt zwei neue Häuser für Fotoliebhaber. Das „Cimmic Art“ von Betreiber Pawel Gruszkiewicz war fünf Jahre lang ein Online-Shop, bis es sich nun erst am vergangenen Mittwoch offiziell in der Burggasse 43–45 materialisiert hat. Der Fotogalerie-Shop zeigt Bilder von modernen und unbekannten Fotografen, (teurere) Vintageprints, aber auch (günstigere) Arbeiten von jungen österreichischen Künstlern.
Mit dem „Eigensinnig“ eröffnet am 19.Oktober dann die erste Galerie nur für Street Photography auf dem Sankt-Ulrichs-Platz (nähe Burggasse). Eigensinnig ist auch das Konzept. Der Schauraum ist sowohl Galerie als auch Modeshop in einem. Ausgestellt werden die Arbeiten von heimischen und internationalen Fotografen – unter ständiger Beschallung mit Musik. „Wir möchten damit die Hemmschwelle senken. In Galerien ist es ja immer so still“, sagt Betreiber Toni Tramezzini, der im vergangenen Jahr das temporäre Kreativzentrum „Fox House“ gegründet hat und sich nach dessen Ende nun gemeinsam mit Modedesignerin Stefanie Hofer ganz dem ersten eigenen Schauraum widmet. Anders ist auch der Modeshop im Raum gleich neben der Galerie. Dort wird nämlich nur Mode in Schwarz, Grau und Weiß verkauft. Die Mode kommt ausschließlich von internationalen Labels, etwa aus Deutschland, England und den USA, die in Österreich bisher nicht erhältlich waren.
Die Grünen wollen auch ein Stadtfest
Neues gibt es aber nicht nur rund um die Burggasse, sondern auch im Wiener Kultur- und Ausgehleben. Die „Wien-Woche“ zum Beispiel. Von den Rathaus-Grünen als Konkurrenzveranstaltung zum roten Donauinselfest und schwarzen Stadtfest geplant, wurde die „Wien-Woche“ gestern, Freitag, im Ostarrichipark am Alsergrund eröffnet. Die Bezeichnung „Woche“ täuscht übrigens: Das Festival dauert 17 Tage und bietet 70 Veranstaltungen an 40 Orten.
Während die „Wien-Woche“ Premiere feiert, hat eine Wiener Institution am Ring bereits einen großen Runden zu feiern. Das Burgkino begeht noch bis zum 27.September sein 100-jähriges Jubiläum mit der Vorführung von Filmen aus den „ersten 100 Jahren“. In der Nacht auf morgen, Sonntag, etwa entscheidet das Publikum nach dem letzten auf dem Programm stehenden Film, welcher Film (aus einer Auswahl) als Nächstes gezeigt wird. Der Abend endet, wenn der letzte Gast das Kino verlässt.
Da junge Kreative nicht nur mit alten Filmen zu begeistern sind, wird man sie wohl auch heute, Samstag, vor der Ottakringer Brauerei treffen. Dort findet auf dem frisch renovierten Vorplatz ein Flohmarkt statt, allerdings einer aus dem Kaffeehaus. Kaffeesieder – vom Café Hummel bis Ritter oder Schwarzenberg – bieten Geschirr feil, Besucher können auch Kaffeehaussessel oder alte Kaffeemaschinen kaufen.
Mit dem richtigen Retro-Outfit und Schallplatten decken sich Hipster und andere Vertreter der jungen, urbanen Mittelschicht dann am Sonntag (von elf bis 18 Uhr) im Gartenbaukino ein. Beim sogenannten „Lieblingsflohmarkt“, der zuletzt in der Grellen Forelle stattgefunden hat, werden Vintage-Brillen, Schuhe, Accessoires, Kleider, Bücher oder eben Schallplatten verkauft.
Spätestens dann ist man wohl chic genug, um die Vienna Design Week zu besuchen, die von 28.September bis 7.Oktober in Wien über die Bühne geht. Besonders im Blickpunkt stehen heuer die Bezirke Ottakring und Hernals. Dort, im Hernalser Gschwandner, der diesjährigen Festivalzentrale, entsteht im großen Ballsaal des früheren Etablissements das Design-Week-Pop-up-Café, inklusive Kaffeehausatmosphäre mit Thonet-Einrichtung.
Gin Tonic auf der Ersatzbank
Ein weiterer Szenetreffpunkt wird im Rahmen der noch bis Sonntag stattfindenden Vienna Fair bespielt: eine Guerilla-Bar namens „Ersatzbank“. Bereits während der Fußball-EM im Juni wurde das Lokal auf dem Bauernmarkt, wo sich bis vor Kurzem noch der Modeshop Sternlite befand, zu einer temporären Bar umfunktioniert. Auch während der Kunstmesse dient die Ersatzbank als eine Art inoffizielle Festivalzentrale.
Wer dann noch Energie hat, geht zu einer der zahlreichen Retropartys, im Stile der 1920er- bis 1960er-Jahre. Am 6.Oktober tanzt man etwa bei „Swing out Wide“ Charleston im Gartenbaukino. Sieht so aus, als gäbe es für die Wiener auch im Herbst genug zu tun, um wie im Sommer zu schwitzen.
Neueröffnungen im 7. Bezirk:„Cimmic Art“: Burggasse 43–45, www.cimmic.com. „Eigensinnig“: Sankt-Ulrichs-Platz 4/2, (ab 19.Okt.), www.facebook.com/EigensinnigWien.
Flohmärkte: Kaffee: Sa, 22.9., Ottakringer Brauerei, www.kaffeehausflohmarkt.at. Lieblingsflohmarkt: So, 23.9., Gartenbaukino.
Swingparty: „Swing out Wide“, Sa, 6.10., Gartenbaukino, Parkring 12, 1010 Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)
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