Wien. Manche Meilensteine der Geschichte muss man suchen. In der Ottakringer Hasnerstraße, zum Beispiel. „Wir schreiben heute Radgeschichte", hat Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou (G) am Donnerstag stolz verkündet. Am Tag darauf muss man genau schauen, um das Hinweisschild auf Wiens erster „fahrradfreundlichen Straße" zu entdecken. Viele Radfahrer, die gab es in der Hasnerstraße schon zuvor.
Der Vorrang, den Radler gegenüber querenden Autos nun haben sollten, wird mitunter noch ignoriert. Einer aber hat sich schon voll auf die zweirädrige Kundschaft eingestellt. „Radlertreff beim Peppi" hat der Metzger auf ein Plakat geschrieben und wirbt für Leberkäse.
Ein paar Kilometer weiter östlich ist es an diesem Freitagmorgen deutlicher zu sehen, dass sich die Radfahrer ausbreiten. Martin Blum, der Radbeauftragte der Stadt, steht mit einem Team vor der Urania auf dem Franz-Josephs-Kai. Schaltet die Ampel auf Rot, treten zwei junge Frauen mit einem Transparent „Danke für Ihre Achtsamkeit" vor die Autos, zwei weitere reichen kleine Packerln Mannerschnitten samt einem Flyer, auf dem den Autofahrern im Namen der Radfahrer Wiens für deren Vorsicht gedankt wird, durchs Fenster. Manch einer rümpft die Nase, die meisten reagieren erstaunt, freuen sich doch.
„Das ist schon in Ordnung", sagt einer, „ich hab kein Problem mit Radfahrern", meint ein anderer zum Zusammenleben auf den Straßen. „Ziel ist, dass sich noch mehr Menschen beim Radfahren sicher fühlen", sagt Blum. Dazu sei ein Miteinander nötig. Vielleicht sollen die Schnitten die Autofahrer auch beschwichtigen, schließlich wird heute, Samstag, die Ringstraße zwischen Opern- und Renner-Ring im Rahmen des EU-weiten „autofreien Tags" zur Picknick- und Kinderspielwiese. Auch unzählige Einkaufsstraßen sind heute autofreie Zone: Dort findet das Wiener Einkaufsstraßenfestival statt.
Für Österreichs Radfahrer können ohnehin bald ganz neue Zeiten anbrechen. Wie in einem Großteil der Freitagsausgabe berichtet, hat Ministerin Doris Bures (SP) eine Novelle der StVO angekündigt. Diese, sollte der Koalitionspartner mitspielen, könnte im Frühjahr 2013 in Kraft treten.
Fahrradstraßen und Handyverbot
Neu wären etwa Fahrradstraßen, Begegnungszonen, die Option, die Radweg-Benutzungspflicht stellenweise aufzuheben, oder ein Handyverbot auf dem Rad. Das, so Bures, sei notwendig, weil immer mehr Österreicher ihre Wege mit dem Rad zurücklegen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit begrüßt das Paket, spricht sich aber dafür aus, auch die Alkoholgrenzen für Radfahrer von 0,8 auf 0,5 Promille zu senken. Bures hat das noch nicht vorgesehen, diese Entscheidung sei aber nicht in Stein gemeißelt.
Und was meinen die Autofahrer zum Zusammenleben mit den Radlern? „Ich hab kein Problem, das passt eh", sagt einer, nachdem Blum ihm Süßes gereicht hat. „Großteils. Es gibt halt Verrückte, die keine Ampeln kennen." Lacht, zuckt mit den Schultern, „aber Verrückte gibt's immer".
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