Wien. Klar, Wien ist sicher. Kaum ein Viertel, in dem Frauen nicht jederzeit allein spazieren können, fürchten müssten, in eine Ecke gezerrt zu werden. Aber doch, sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum scheint ein Problem zu sein, ergab ein Forschungsprojekt des Instituts für Verkehrswesen der Boku („Die Presse“ berichtete). Beim Frauennotruf der Stadt melden sich regelmäßig Frauen, die man in der Öffentlichkeit belästigte. Denen beim Verlassen eines Lokales jemand nachging, die bedrängt wurden. „Manchmal geht es ums Anmachen, um unerwünschtes Nahekommen, auch in öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagt Marion Gebhart, die Leiterin der Frauenabteilung der Stadt (MA 57).
Viele Frauen rufen an, nachdem sie einige Male belästigt wurden und sagen: „Jetzt reicht's!“ Und bitten um Tipps für solche Situationen. „Wichtig ist, klar und laut zu sagen, was nicht in Ordnung ist. Viele gehen weg und bleiben unauffällig. In der U-Bahn sollte man laut sagen: ,Nehmen Sie Ihre Hand von meinem Oberschenkel!‘“, rät Gebhart. Wehrt das Täter nicht ab, solle die Frau andere Fahrgäste laut und direkt ansprechen und bitten, die Polizei zu rufen. Mehrmals pro Monat, so Gebhart, melden sich Frauen beim Notruf, die in der Öffentlichkeit von Fremden belästigt werden. Freilich deckt das nicht die Mehrzahl der Beschwerden ab, die meisten Anruferinnen sind Opfer massiverer Gewalt. Und in neun von zehn Fällen sexueller Gewalt kennen einander Opfer und Täter. Beim Notruf melden sich die meisten, „wenn es ernst wird“. Aber wann ist es ernst? Wo liegt die Grenze zwischen Annäherungsversuchen und Belästigung? „Wir sagen Frauen, sie sollen auf ihr Bauchgefühl hören.“ Gehe es um Grabschen in der U-Bahn „ist für uns klar: Das ist Gewalt.“
Das Unrechtsbewusstsein, so Gebhart, wachse aber. Vor allem bei jungen Frauen, bei älteren Frauen beobachte sie eher Unsicherheit. Klar ist: Werde man auf der Straße bedrängt, im Taxi belästigt, ist man auch bei der Polizei richtig, so Polizeisprecher Johann Golob. Diese kläre, um welches Delikt es sich handle, forsche auch Täter aus und vermittle – wenn nötig – psychologische Betreuung. Unter der Annahme, „harmlose“ Übergriffe würden nicht ernst genommen, solle man den Gang zur Polizei nicht scheuen. „Viele Polizisten nehmen sich dieser Fälle sehr ausführlich an“, berichtet Gebhart.
Offenbar nicht alle Stellen sensibilisiert
Aber nicht alle Stellen scheinen für die Thematik Belästigung sensibilisiert. Eine Leserin berichtet, sie sei mit dem Versuch, sich nach verbaler sexueller Belästigung durch einen Taxilenker zu beschweren, gescheitert. Telefonisch habe man sie bei der Innung gebeten, den Fall schriftlich zu schildern und inklusive Rechnung an die Beschwerde-E-Mail-Adresse zu schicken. Von dort habe sie, auch nach der Bitte um eine Empfangsbestätigung, nie gehört. Die Taxiinnung der WKW war dazu für keine Stellungnahme bereit.
Gebhart rät besorgten Frauen, eine Taxilenkerin anzufordern oder in Situationen, in denen man sich unsicher fühlt, zu telefonieren und durchzusagen, wo man sei und vorzugeben, man werde erwartet. Eine Sprecherin der Wiener Linien rät, sich bei öffentlichen Verkehrsmitteln in die Nähe des Fahrers zu setzen oder sich per Notrufstelle (in U-Bahnen oder auf Bahnsteigen) mit Fahrer oder der Zentrale in Verbindung zu setzen.
Tipps und Hilfe erhalten Frauen, die in der Öffentlichkeit bedrängt wurden, etwa beim Frauennotruf der Stadt unter 01/1 71 71 9 oder per E-Mail unter frauennotruf@wien.at.
Wer von einem Taxilenker belästigt oder bedrängt wurde, kann sich bei der Taxiinnung der Wiener Wirtschaftskammer unter 01/514 50 3617 oder taxi.mietwagen@wkw.at melden. Die Wiener Linien raten Fahrgästen, die sich bedrängt fühlen, den Notruf in den U-Bahnen oder in den Stationen zu betätigen oder sich an die Fahrer zu wenden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2012)
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