Wien. Zu fett, zu viel, zu salzig und zu süß lautet die gängige Antwort auf die Frage nach den (angeblich schlechten) Ernährungsgewohnheiten der Österreicher. Das stimmt aber nur bedingt, wie der aktuelle Ernährungsbericht des Gesundheitsministeriums zeigt. Der Bericht erscheint (nach 1998, 2003 und 2008) heuer zum vierten Mal. Heuer wurden erstmals auch Labordaten einbezogen. „Die Presse“ hat die gängigsten Klischees unter die Lupe genommen.
1. Wir essen zu viel und nehmen immer mehr Fett zu uns.
Ein bisschen erinnert es an die Frage nach Henne oder Ei. Wir essen zwar zu viel, allerdings in Relation zur Bewegung. Wobei sich die Richtwerte zur Energieaufnahme ohnehin an einem Lebensstil mit geringer körperlicher Aktivität orientieren. Männer kommen im Schnitt auf eine Energiezufuhr von 3000 Kalorien pro Tag, empfohlen werden 2600. Frauen hingegen nehmen den empfohlenen Wert von 2200 Kalorien zu sich.
Es gibt auch einen positiven Trend. Noch 1998 machten Fette 38 Prozent der täglich zugeführten Energiemenge aus. Heute sind es 36 Prozent.
2. Wir werden immer dicker, also übergewichtig und fettleibig.
Das stimmt nur bedingt. Denn einerseits lässt sich der aktuelle Ernährungsbericht nur schwer mit jenen aus den Jahren 1998, 2003 und 2008 vergleichen. Heuer bezogen die Autoren nämlich erstmals Labordaten mit ein, zuvor wurden die Studienteilnehmer vorrangig befragt. Dennoch ist die Zahl der Übergewichtigen alarmierend hoch. 40 Prozent der Erwachsenen (18- bis 64-Jährige) fallen in diese Gruppe (Body Mass Index über 25), zwölf Prozent davon sind adipös (BMI>30). Im Ernährungsbericht 2008, bei dem keine Labordaten verwendet wurden, waren 31 Prozent übergewichtig und elf Prozent fettleibig. Zumindest die Zahl der Fettleibigen stieg somit kaum.
3. Kinder trinken – der Schulmilch sei Dank – genug Milch.
Die Schulmilch dürfte längst aus dem Alltag der Schulkinder verschwunden sein. Das zeigt sich auch an den niedrigen Kalziumwerten. Nur 30 Prozent der Kinder liegen im Normalbereich. Vor allem Mädchen nehmen zu wenig Kalzium auf. Gesundheitsminister Alois Stöger will deshalb die Schulmilch wieder populärer machen.
4. Wir essen zu viele Kohlenhydrate, Nudeln und Brot.
Das war einmal so. Die populäre Low-Carb-Bewegung, bei der Kohlenhydrate als Dickmacher gebrandmarkt sind, hat in den letzten Jahren den Speiseplan der Österreicher verändert. Erwachsene und Senioren erreichen die Empfehlung, mindestens die Hälfte der Energiemenge aus Kohlenhydraten zu beziehen, nicht. Bei Kindern liegt die Versorgung im empfohlenen Bereich.
5. Wir sollten mehr gesunde Omega-3-Fettsäure essen.
Der Ruf nach mehr Omega-3-Fettsäure, hinter dem nicht selten die Nahrungsmittelindustrie steht, ist längst erhört worden. Im aktuellen Bericht wurde erstmals der Omega-3-Index gemessen. Das Ergebnis: Beim Großteil der Bevölkerung ist der Bedarf gedeckt. „Die Omega-3-Fettsäure ist in diesem Land eigentlich kein Problem“, sagt Ibrahim Elmadfa, Autor des Berichts.
6. Untergewicht kommt vor allem bei jungen Mädchen vor.
Junge Mädchen sind zwar nach wie vor anfällig für Untergewicht, allerdings ist in den letzten Jahren eine zweite Gruppe hinzugekommen: alte Männer. Obwohl die Zahl der Übergewichtigen im Alter zunimmt (und hier stärker bei den Männern), wächst auch die Zahl der untergewichtigen Senioren. Bei den 65- bis 80-Jährigen sind 22 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen untergewichtig. Zum Vergleich: Bei den Erwachsenen liegt die Zahl bei den Männern bei null, bei Frauen bei vier Prozent.
7. Wir nehmen zu wenig Folsäure zu uns, etwa durch Gemüse.
Wir essen zwar nach wie vor zu wenig Obst und Gemüse. Die Versorgung mit Folsäure ist aber gut. Wobei die Aufnahme an Folsäure weit unter den Empfehlungen liegt, während beim Status (der gemessene Wert im Körper) recht gute Werte erzielt wurden. 79 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer haben eine normale Folsäureversorgung, 19 (Frauen) bzw. 25 Prozent (Männer) einen leicht niedrigen Status. Diese Diskrepanz führt dazu, dass die Referenzwerte gesenkt werden sollen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2012)
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