Wien. Sicher, man muss Menschen mögen, viele Menschen, und darf nichts gegen Warteschlangen vor den prominentesten Exponaten haben. Und sollte sich ein wenig für Kunst, Geschichte oder Technik interessieren. Wer diese Voraussetzungen mitbringt – und das tun jedes Jahr allein in Wien an die 200.000 Menschen – wird sie mögen, die „Lange Nacht der Museen“, die heute, Samstag, ab 18 Uhr in ihre 13. Runde geht.
677 Museen und kulturelle Einrichtungen kann man in der Theorie österreichweit in dieser einen Nacht (die für eine „lange“ Nacht mit einer Sperrstunde um ein Uhr eigentlich recht früh endet) mit einem einzigen Ticket (Vollpreis: 13 €) besuchen. Praktisch schafft man natürlich nur einen Bruchteil. Auch in Wien sind die rund 120 teilnehmenden Häuser selbst mit großer Ausdauer in sieben Stunden nicht zu bewältigen.
Ob es daran liegt, dass einen die viel zu große Auswahl überfordert und man sich daher für Altbekanntes entscheidet? Ein großer Teil der Besucher endet jedenfalls in den immer gleichen Museen: Seit Jahren sind das Naturhistorische Museum (im Vorjahr Platz eins mit 10.446 Eintritten), die Albertina und das Kunsthistorische Museum die drei am besten besuchten Häuser in der Hauptstadt.
Dabei gibt es in der viel zu kurzen langen Nacht mehr zu entdecken: Häuser, die nicht ganz so zentral liegen, sich teils skurrilen, ungewöhnlichen, jedenfalls aber sehenswerten Themen verschrieben haben. Wer sich etwa für Medizin interessiert, könnte im kaum bekannten Zahnmuseum (Adressen zu allen Tipps: siehe Infokasten unten) am Alsergrund richtig sein. Instrumente und Geräte zeigen hier, wie sich die Zahnhygiene im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, zudem versprechen die Veranstalter Heiteres zum Thema „Zahn in Musik und Literatur“ (21, 22.30 Uhr). Einer nicht unbedingt populären Materie widmet sich ein weiteres kleines Haus im Neunten: Das Endoskopie-Museum verfügt über die weltgrößte Sammlung an Endoskopen. Hier kann man vermutlich mehr über Magen- und Harnblasenspiegelung erfahren, als man jemals wissen wollte.
Hübsch anzusehen und ebenfalls im Neunten: Das Österreichische Pharma- und Drogistenmuseum mit seinen 10.000 Exponaten. Derzeit ist den „Parfum-Flakons aus aller Welt“ eine Sonderschau gewidmet. Wer es nostalgisch mag, ein wenig in die alte Zeit abtauchen möchte, kann dies im (kindertauglichen) Zauberkastenmuseum in Meidling tun, das dank seiner weltgrößten Sammlung an Zauberkästen (2400!) auch im „Guinness-Buch der Rekorde“ firmiert. Nicht ganz kitschfrei dürfte ein Besuch im sehr kleinen Schneekugelmuseum verlaufen, das nicht nur hunderte Schneekugeln hortet, sondern heute ausnahmsweise Einblick in seine Werkstätten gewährt. Den vielleicht seltsamsten Namen hat sich Ferry Ebert für sein Enkelkindermuseum ausgedacht, in dem die zitierten Enkel, vermutlich aber vor allem Großeltern und Eltern glücklich werden: Hier werden alte Kaugummi-, Brieflos- und Zuckerlautomaten gezeigt.
Für die einen sind es Urlaubs-Mitbringsel, die gerne auf Kühlschranktüren enden, andere widmen ihnen ein eigenes Museum: Das noch junge look Magnetmuseum auf der Wieden zeigt Werke von Dürer, Monet, da Vinci. In Magnetform. Auch die Geschichte der österreichischen Malerei wird anhand von Magneten illustriert. Das Mitbringen einer Lupe zwecks genauerer Betrachtung der Miniatur-Werke ist sicher kein Fehler.
Wenig bekannt ist auch, dass sich die Exekutive schon 1898 ein eigenes Polizeimuseum verpasst hat, das heute in der Marokkaner-Kaserne untergebracht und öffentlich nicht zugänglich ist. Für die „Lange Nacht“ macht man heute eine Ausnahme.
Auch in den Außenbezirken wird die „Lange Nacht“, wenn auch nicht so flächendeckend wie innerhalb des Gürtels, zelebriert: In Floridsdorf hat heuer das Marktmuseum wiedereröffnet (Führungen zu jeder vollen Stunde), in der Donaustadt widmet sich das Österreichische Gartenbaumuseum heute passend zur „Langen Nacht“ dem Leben in den Gärten in der Dunkelheit. Gartentipps und Kinderprogramm inklusive.
Und ja, natürlich kommt man um das Naturhistorische Museum (NHM) auch in diesem Jahr schwer herum. Mit dem Schwerpunkt „Na Mahlzeit. Unfassbar essen“ inklusive Gratis-Kostproben hat das NHM wieder beste Chancen auf den größten Besucherandrang. An 13 Stationen präsentiert man Erstaunliches aus dem Reich des Essbaren, von prähistorischer Ernährung bis Astronautenkost. Mutige können gebratene Insekten verkosten. Zu jeder halben Stunde gibt es „kulturhistorische Spaziergänge“ durch das Museum, die am Dach mit sensationellem Wienblick enden. Das alles wird, wie immer, ziemlich überfüllt sein.
Wer das „Lange Nacht“-Programm, das er sich vornimmt, heute doch nicht schafft: Fast alle Museen sind auch im Rest des Jahres geöffnet. Den ganzen langen Tag.
Die „Lange Nacht der Museen“ findet heute, Samstag, von 18 Uhr bis ein Uhr früh statt. Tickets (13 € Vollpreis, Kinder bis 12: gratis) gibt es in jedem teilnehmenden Haus, sie gelten auch für die Wiener Linien.
Komplettes Programm: langenacht.orf.at
Zahnmuseum, 9., Währinger Str. 25a, Tel.: 0664 41 04 80 90
Endoskopiemuseum, 9., Währinger Str. 25, Tel.: 01/42 77 63 404
Drogistenmuseum, 9, Währinger Str.14, www.drogistenmuseum.at
Krankenpflegemuseum, 16., Montleartstr.37, Tel.: 01/49 150 5001
Zauberkastenmuseum, 12., Schönbrunner Str. 262, www.zauberkasten-museum.at
Schneekugelmuseum, 17., Schumanng.87, www.viennasnowglobe.at
Enkelkindermuseum, 14., Beckmanng.7, www.ferryebert.at
look Magnetmuseum, 4., St.Elisabeth-Platz6, www.look-magnetmuseum.at
Polizeimuseum, 3., Marokkanerg.4, Tel.: 01/531 26 4719
Marktmuseum, 21., Floridsdorfer Markt5, www.marktamt.wien.at
Gartenbaumuseum, 22., Siebeckstr.14, Tel.: 01/4000 42 270
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)
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