Wien. Fast könnte man meinen, die Bewohner der Wiener Innenstadt hätten erst jetzt das Kochen entdeckt. Während das gastronomische Angebot seit Jahren – mehr oder weniger – adäquat ist, sah es in Sachen Lebensmittel lange düster aus. Das ändert sich. Nun macht auch Merkur mit dem am Donnerstag eröffneten Flagship-Store am Hohen Markt dem bisherigen Platzhirschen Meinl am Graben Konkurrenz.
Merkur setzt unter anderem auf eine Champagnerbar, ein von Sohyi Kim geführtes Restaurant und Limousinenservice. Manfred Denner, Vorstandschef von Merkur, hat große Erwartungen: den doppelten Quadratmeterumsatz eines gewöhnlichen Merkurs.
Der Konkurrenzkampf in der Innenstadt ist eröffnet – schon 2010 hat Merkur-Mutterkonzern Rewe im Herrnhuter-Haus einen mehrgeschoßigen Billa-Corso eröffnet. Bei Meinl am Graben gibt man sich dennoch demonstrativ gelassen. Zwar sei die Distanz zwischen Meinl am Graben und Merkur „nicht zu unterschätzen“, so Meinl-Geschäftsführer Udo Kaubek. Er sehe die Sache aber positiv, immerhin gäbe es jetzt endlich mehr Lebensmittehändler in der Stadt, das wirke sich auch auf das Kaufverhalten der Kunden aus.
„Keine Konkurrenz“
Fürchten will er sich vor dem neuen Merkur nicht. „Mit dem Geschäft macht er keinen Gewinn“, sagt Kaubek. Bei Merkur mutmaßt man indes, Meinl werde unter Druck kommen – weil Merkur gleiche Produkte billiger anbiete. Angesprochen auf die höheren Preise für alltägliche Produkte verweist Meinl-Geschäftsführer Kaubek auf unterschiedliche Konditionen im Einkauf. Den Billa-Corso will er nicht einmal beim Namen nennen – Konkurrenz sei er aber ebenso wenig wie Merkur. „Es geht uns momentan recht gut, wir sind über Plan“, so Kaubek. Trotzdem, auch Meinl rüstet auf und hat soeben ein Gourmetmagazin auf den Markt gebracht (siehe rechts).
Auch im Feinkostladen Böhle in der Wollzeile spricht man vom neuen Merkur als „Belebung“. Allerdings, man werde sich „kräftig dahintersetzen müssen“, um dem riesigen Angebot Paroli bieten zu können. Bei Böhle will man auch auf die persönliche Betreuung, von der ausführlichen Beratung bis zum Einpacken des Einkaufs, setzen.
Genau das Prinzip des kleinen, persönlichen Ladens dürfte gut ankommen. Michael Büttner, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung KPMG, beobachtet im Lebensmittelhandel zwei Phänomene: „Es gibt eine Renaissance kleiner Geschäfte.“ Händler, die sich zuvor auf riesigen, abgelegenen Flächen ausgebreitet haben, kehren zurück in die Zentren, werden zu Nahversorgern. „Das zweite Phänomen sind Flagship-Stores. Ich erwarte, dass sich jede Kette so einen leistet.“ Dabei kopiere jeder das Meinl-Konzept eines mehrstöckigen Gourmettempels mit Gastronomie.
Spar hat in Wien noch kein vergleichbares Geschäft. Anfang November aber eröffnet in Wien-Mitte ein Interspar-Flagshipstore, inklusive Convenience-Schwerpunkt und Gastronomie. Gerüchteweise soll auch im „Goldenen Quartier“ an der Tuchlauben ein Spar einziehen, doch daraus wird voraussichtlich nichts. Spar-Sprecherin Nicole Berkmann verweist darauf, dass Spar ohnehin „Gourmet“-Filialen in der Innenstadt betreibe, dazu kommt etwa das neue Konzept „Food in the City“ in der Babenbergerstraße, das im Sommer 2011 sein Debüt feierte. Und im Erdgeschoß des neuen Hotels Sans Soucis in der Burggasse soll Anfang 2013 ein weiterer Gourmet-Spar eröffnen.
Wien schließt zu Paris auf
„Gourmettempel sind für das Image einer Stadt wichtig“, sagt Wiens Tourismusdirektor Norbert Kettner. „Das kennt man von vielen Städten: In Berlin gibt es das KaDeWe, in London Harrods, in Paris Fauchon. Wien durchläuft einen Annäherungsprozess.“ Handelsverbands-Präsident Stephan Mayer-Heinisch stimmt zu: „Wien hatte Nachholbedarf. London macht das mit Harrods und der Kette Waitrose, die in vielen Innenstadtlagen angesiedelt ist, perfekt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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