Hier liegt begraben der ehrsam und weis Andre Phillipitsch, dem Gott eine fröhliche Auferstehung verleihen sollte.“ Clemens Setz liest die Inschrift auf der Grabplatte an der Hinterseite des Grazer Doms vor, lässt seinen Zeigefinger über einen kleinen Totenkopf in der Mitte der Grabplatte streifen. „Als Kind habe ich mir immer gewünscht, so groß zu sein, dass ich mit meinen Fingern in die Augenhöhlen greifen kann“, erzählt der Schriftsteller. Er steht in dem engen Durchgang zwischen Dom und Katharinenkirche.
Es sind die versteckten Ecken von Graz, die Setz an seiner Heimatstadt so schätzt. Hier entdeckt er „leuchtende, großartige und grauenvolle Facetten“. Und zwar immer wieder, er hat nie woanders gelebt. „Ich war immer schon einsiedlerisch veranlagt.“
Rosegger, Musger, Schwarzenegger? Setz spaziert vorbei am Amt der Landesregierung, in den kleinen Hof der Grazer Burg. Hier sind steirische Persönlichkeiten wie Peter Rosegger verewigt. „Irgendwann wird hier auch Arnold Schwarzenegger stehen“, sagt der 29-Jährige mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Was wohl auf Arnies Tafel stehen wird? „Volksschauspieler und Komödiant, wie bei Alexander Girardi.“ August Musger ist jene Statue, zu der es Setz immer wieder hinzieht. Der Filmpionier war der Erfinder der Zeitlupe. Musger sei in seiner steinernen Büste der Inbegriff der absoluten Zeitlupe. „Dieser leicht wahnsinnige Blick – er ist gezwungen, ewig das gleiche Bild anzustarren.“
Setz verweilt an seinen Lieblingsorten eher selten. Er nimmt die Eindrücke im Vorbeigehen auf. Durch die Stadt streift er meist zu Fuß. Oder mit dem Tandem, gemeinsam mit seiner Freundin. Auto besitzt er keines. Wenn Setz doch an einem Platz länger innehält, dann in der Creperie Le Schnurrbart in der Paulustorgasse. Vor allem im Sommer zieht es ihn in den „Zeitgarten“, den Gastgarten des Schnurrbarts.
Es ist ein romantischer kleiner Garten, eingerahmt von alten Steinmauern, ausgestattet mit Himmelbett, Hängematten, in denen man als Gesamtes versinken kann. Hier lässt er die Gedanken schweifen, hin und wieder beobachtet er Menschen. „Aber nie absichtlich“, sagt Setz.
Lesen oder schreiben jedoch, dafür zieht er sich in seine eigenen vier Wände in Gries zurück. Setz hat feste Arbeitszeiten, morgens bis mittags, von Montag bis Freitag. „Ich bin niemand, der arbeitet, um dann Freizeit zu haben“, erklärt Setz. „Für mich ist die Arbeit die angenehmste Zeit. Es ist meine Leidenschaft, für die ich bezahlt werde.“ Seit 2009 kann Setz sich gänzlich auf seine Schreibarbeit konzentrieren. „Wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass die Zeit kommen wird, wo das nicht mehr so sein wird.“
Dieser Zeitpunkt liegt momentan in unbekannter Ferne. Dieses Jahr hat sich Setz mit seinem neuen Roman „Indigo“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis wiedergefunden. Gewonnen hat dann letztlich doch die Deutsche Ursula Krechel. Setz hatte schon zuvor erklärt, er sei sicher, er würde nicht gewinnen. Wieso? „Als Mathematiker kann ich Tendenzen und Muster gut erkennen und ableiten.“
Obwohl er froh ist, wenn wieder Ruhe einkehrt, sich der Rummel um seine Person legt. Sein Wunsch für die nächste Zeit: „Mich zu vergraben, um ungestört arbeiten zu können.“ Und vielleicht etwas über sich selbst und das Dasein nachzudenken. „Jetzt bin ich bald 30 Jahre auf dieser Welt, aber mein Vorhandensein erleichtert niemand wirklich das Leben.“
Setz führt zur letzten Station: Die Leechkirche im Univiertel. Nicht aus religiösen Gründen. Es ist einer jener Orte, an denen er seinem Hobby frönt: dem Obertongesang. Das Interesse an dieser speziellen Art des Gesangs kam plötzlich. „Ich habe hier in dieser Kirche ein Konzert gehört, und mich hat diese Art des Singens sofort fasziniert.“ Seit einigen Jahren feilt er für sich selbst an der Technik, auch gerne einmal in der Badewanne. „Ich singe zu Hause, nebenbei. Für mich ist das sehr entspannend.“ Seine Stimme hallt klar wider im Kirchenschiff.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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