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Beispiel Brunnenmarkt: Die Schattenseiten des Hypes

16.10.2012 | 18:09 |  SARAH AL-HASHIMI (Die Presse)

Jetzt gesteht auch die Stadt Wien ein, dass den Einkommensschwachen eine Verdrängung droht, befürchtet der Stadtforscher Johannes Gielge. Bisher nannte die Stadt diesen Prozess „sanfte Stadterneuerung".

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Wien. „Die Warteliste für Vormerkungen im Brunnengrätzel wird immer länger“, sagt Christopher Rudolf, Makler bei Resag-Immobilien. Zu seinen Kunden zählen jene, die gern mehr für eine Wohnung im Trendviertel zahlen (können). Interessenten zieht es von der Innenstadt über den Gürtel hinaus. Nach Spittelberg und Naschmarkt drohe auch dem Brunnenmarkt Gentrifizierung: eine Entwicklung also, bei der durch Aufwertung eines Stadtteils Einkommensschwache wegen Wohnkostensteigerung verdrängt werden.

Das befürchtet etwa der Stadtforscher der MA 18 für Stadtentwicklung und -planung, Johannes Gielge. Nicht einzuschätzen sei auch eine mögliche Verdrängung sozial schwacher Mieter im 10.und 15. Bezirk, nach dem Bau der BahnhofCity des Zentralbahnhofs und der bereits fertiggestellten BahnhofCity Wien West.

Bisher nannte die Stadt diesen Prozess „sanfte Stadterneuerung“, bei der sanierungsbedürftige Viertel behutsam erneuert und dadurch aufgewertet werden. Durch den Druck und die Konzentration des Immobilienmarktes auf einzelne Grätzel sei Gentrifizierung aber auch im Brunnenviertel unaufhaltsam, meint Gielge. Denn durch das Aufwertungsprojekt der Stadt Wien, 2004 bis 2010, witterte der Immobilienmarkt Investitionsmöglichkeiten, das Brunnengrätzel wurde zu einem teuren Wohngebiet. Kunst- und Kulturinitiativen, wie die Brunnenpassage der Caritas, das Projekt Soho Ottakring oder die Galerien und der Kulturtreffpunkt Ragnarhof in der Grundsteingasse tragen ebenfalls dazu bei. Sowohl die Stadt als auch der Bezirk wünschen sich dennoch, dass Wohnen leistbar bleibt.

 

Substandard neben Luxus

Gegen Mieterhöhungen können Mieter bei der Schlichtungsstelle der Stadt Einspruch erheben. Der Präsident der SP-nahen Mietervereinigung, Georg Niedermühlbichler, sieht das jedoch kritisch: „Die Schlichtungsstelle entscheidet, ob eine Mieterhöhung gerechtfertigt ist. Die Mitarbeiter sind aber überlastet, sodass sie sich die Verträge nicht genau ansehen können.“ Mieter des Brunnengrätzels würden von der Gebietsbetreuung zwar informiert, mietrechtlich aber nicht betreut werden. Ihnen werde bloß empfohlen, bei Kostensteigerungen zur Schlichtungsstelle zu gehen, „bei der die Anträge von nicht juristisch vertretenen Mietern rasch abgelehnt werden,“ sagt Niedermühlbacher. Mieter, die in Substandardwohnungen wohnen (ohne WC, Wasser), sind so gezwungen, mit Kostensteigerungen zu leben. „Substandardwohnungen befinden sich neben topsanierten Wohnungen. Ein Erfolg der Durchmischung sozialer Schichten“, sagt Gebietsbetreuer Kurt Smetana. Jedoch bemerke auch er eine steigende Erhöhung des Lebensstandards, die 2013 untersucht werden müsse.

Und wer lebt in diesen Substandardwohnungen? Mehr Mieter mit exjugoslawischen und türkischen Wurzeln als Österreicher, so der Statistik-Austria-Bericht „Migration & Integration 2012“. Eine Bevölkerungsschicht, deren Nettojahreseinkommen von 2005 bis 2010 lediglich um sechs Prozent gestiegen ist, während sich das Einkommen der Österreicher um 14 Prozent vermehrt hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)

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8 Kommentare
Gast: critical thinking
18.10.2012 09:32
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wo genau befindet sich der schatten?

Meines Wissens kann die Miete ohne weiteres nicht erhöht werden.

Nur wenn der Vertrag eine sogenannte Wertsicherungsklausel enthält, kann der Vermieter die Miete einseitig erhöhen. Dies aber auch nur im gesetzlichen Rahmen: Der Zins darf innerhalb 3 jahre um nicht mehr als 20% steigen.

In allen anderen Fällen darf der Vermieter die Miete nicht einseitig erhöhen! Eine Erhöhung muss von den Parteien VEREINBART worden sein.

Allerdings gibt es hier 2 ausnahmen: entweder es besteht ein dringender Bedarf an notwendigen Renovierungsarbeiten am Haus, oder bei den sehr alten Mietverträgen mit niedrigem Mietzins („Friedenszins“) erlaubt das Gesetz die einseitige Erhöhung des Mietzinses auf einen kategorieabhängigen Maximalwert pro Quadratmeter.

Dass die Menschen weiterhin in Substandardwohnungen leben müssen, aber weitaus mehr Miete dafür zu zahlen haben, glaub ich somit nicht! Selbst wenn dies der Fall ist, wäre das sicherlich anfechtbar!

Schwer vorstellbar ist zudem, dass alle Wohnungsverträge des Viertels eine Wertsicherungsklausel enthalten bzw. beide Ausnahmen auf die Mehrzahl der betroffenen Wohnungen zutreffen.

Von der - in diesem Diskurs immer wieder gern behaupteten und angeprangerten - radikalen und skrupellosen Verdrängung alteingesessener Mieter, kann somit sicherlich nicht die Rede sein!

Gast: die lupe
17.10.2012 11:06
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Titel

Und wenn die beiden Anführungszeichen auch noch vereinheitlicht werden, könnte man fast sagen, die Online-Presse hätte ein Lektorat …

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das ist halt der kapitalismus

die zahl hinter dem eurozeichen ist immer noch das wichtigste im leben.

Gast: bergziege
16.10.2012 21:25
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Brunnenviertel-Hype?

Ich wohnte dort 32 Jahre und genau aus diesem Grund verstehe ich absolut nicht, wie man dort hinziehen kann und bereit ist, horrende Mieten zu bezahlen. Vor kurzem habe ich mich wieder einmal umgeschaut. Was ich gesehen habe, begeistere mich wenig. Wer den Lärm und Gestank der Brunnengasse zu jeder Tages- und Nachtzeit kennt, kann mit dem Schönreden wenig anfangen. Es ist kaum besser geworden. Die Brunnengasse als Trendviertel zu bezeichnen, ist gewagt.

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Re: Brunnenviertel-Hype?

Stimme Ihnen voll zu!
Bin in der Hubergasse aufgewachsen. Also parallel zur Brunnengasse. War damals schon keine reine Freude, aber immerhin, jetzt nach so langen Jahren, wird die Erinnerung immer rosiger. Das hat allerdings mit der Gegenwart nichts zu tun. Vor einigen Jahren traf ich alte Freunde beim Sittl und ging vorher durch die Brunnengasse spazieren. Was ich da sah, war ein Schock, mehr will ich zu dem derzeitigen Zustand dieser Gasse und des Marktes gar nicht schreiben.

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Re: Brunnenviertel-Hype?

Stimme Ihnen voll zu!
Bin in der Hubergasse aufgewachsen. Also parallel zur Brunnengasse. War damals schon keine reine Freude, aber immerhin, jetzt nach so langen Jahren, wird die Erinnerung immer rosiger. Das hat allerdings mit der Gegenwart nichts zu tun. Vor einigen Jahren traf ich alte Freunde beim Sittl und ging vorher durch die Brunnengasse spazieren. Was ich da sah, war ein Schock, mehr will ich zu dem derzeitigen Zustand dieser Gasse und des Marktes gar nicht schreiben.

Antworten Gast: Mor Dor
17.10.2012 11:20
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Re: Brunnenviertel-Hype?

Gestatten Sie die Frage: Wenn Sie so ruhebedürftig sind, warum leben sie dann dort? Natürlich zieht dieses Viertel seint ca. 10 Jahren ein junges, zahlungskräftiges Publikum an, die eben wegen des Nachtlebens hinziehen.

Antworten Antworten Gast: bergziege
17.10.2012 21:04
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Re: Re: Brunnenviertel-Hype?

Mor Dor Sie haben mein Posting nicht ganz gelesen! Ich wohne seit vier Jahren nicht mehr in der Brunnengasse. Nach 32 Jahren bin ich weggezogen. Schweren Herzens. Meine Gegend hatte sich vom handfesten Wiener Markt in einen Basar verwandelt. Das und die weggebrochene, gewohnte Infrastruktur hielt ich nicht mehr aus. Blieb nur mehr das Umziehen in eine noch angenehme Gegend Ottakrings. Im Bezirk wollte ich trotzdem bleiben. Kennen Sie sich jetzt aus?