Schwarze Jacke, dunkle Jean, Halstuch. Sabrina Sehr sieht nicht gerade so aus, als müsste man vor ihr Angst haben. Obwohl: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass nicht wenige grüne Spitzenfunktionäre durchaus Angst vor Sehr und ihren Kollegen hatten – zumindest großen Respekt, gepaart mit einer Portion Verunsicherung. Denn die 28-Jährige gehört zur grünen Basis. Und die hat den Ruf, unberechenbar zu sein und bei Abstimmungen auch radikale Entscheidungen zu treffen.
Grüne Spitzenfunktionäre werden gnadenlos abgestraft, wenn sie die Basis vernachlässigen – oder Beschlüsse fassen wollen, welche den Grundprinzipien und dem Verständnis der grünen Basisdemokratie widersprechen. Denn die Basis ist bei den Grünen alles. Ohne starke Verankerung in der Basis ist eine grüne Karriere schnell beendet.
Basis entscheidet. Am Sonntag rückt die grüne Basis wieder in den Mittelpunkt. Bei der Landesversammlung der Wiener Grünen, dem höchsten Gremium der mächtigsten grünen Landespartei, werden die Wiener Plätze für die Nationalratswahl 2013 vergeben. „Was dabei herauskommt, ist völlig offen – was bei einer Landesversammlung, bei der die Basis entscheidet, passiert, ist völlig unberechenbar“, erklären grüne Spitzenfunktionäre ständig.
Somit ist es für Bundessprecherin Eva Glawischnig und die grünen Nationalratsabgeordneten aus Wien die erste Bewährungsprobe im anlaufenden Wahlkampf. Falls Unzufriedenheit besteht, könnte es prominente Opfer geben – was nicht zum ersten Mal passieren würde. Am Rande ist die Landesversammlung auch ein Stimmungstest, inwieweit die grüne Basis mit der Arbeit der rot-grünen Koalition in Wien zufrieden ist.
Als Spitzenkandidatin tritt wieder Eva Glawischnig an. Auf Platz zwei kandidiert Justizsprecher Albert Steinhauser. Dahinter ringen Volksanwältin Terezija Stoisits, Familiensprecherin Daniela Musiol und Integrationssprecherin Alev Korun um den dritten Platz. Auch die Nationalratsabgeordneten Karl Öllinger und Wolfgang Zinggl kämpfen um die Wiedernominierung. Sie müssen sich den erwarteten 600 Delegierten der Basis stellen. Wobei die grüne Partei 1500 Mitglieder und 500 Unterstützer hat – eine basidemokratische Besonderheit der Grünen. Unterstützer sind zwar nicht Parteimitglied, sondern nur Sympathisanten, dürfen aber mitwählen. Und, noch eine basisdemokratische Besonderheit: Jeder Wiener kann kandidieren; es gibt hier keine Einschränkungen – weshalb es am Parteitag auch Quereinsteiger wie der Rechtsanwalt Georg Bürstmayr versuchen.
Sabrina Sehr wird bei der Landesversammlung dabei sein – als Teil der Basis. Die Bezirksrätin der Brigittenau ist seit 2008 für die Grünen aktiv. Wie sie zur Politik gekommen ist? „Die Umwelt“, meint sie. Aufgewachsen in einem „ökologischen Haushalt“ in einem kleinen Dorf in Kärnten, interessierte sich die Studentin, die gerade an ihrer Diplomarbeit schreibt, schon früh für Politik – speziell für grüne Politik: „Mir ist wichtig, dass das Umweltthema nun in der Gesellschaft angekommen ist. Dass also jeder weiß, was er zum Überleben des Planeten beitragen kann.“ Denn auch die anderen Parteien würden nun auf die Ökoschiene setzen. Der Wunschtraum von Sehr: „Wenn es die Grünen nicht mehr geben müsste“, weil alle Ziele erreicht sind.
Grüne Klischees. Die Welt retten, Frauenrechteerkämpfen, die Umwelt schützen, Radfahren für den ökologischen Fußabdruck, kein Auto besitzen – Sabrina Sehr erfüllt viele Klischees, die man sich von der grünen Basis erwartet: „Ich habe auch Birkenstockschuhe“, ergänzt sie lachend, womit das Klischee vollständig erfüllt ist. Politische Vorbilder hat sie nicht – nicht Alexander Van der Bellen, nicht einmal Gandhi.
Sehr ging nach der Matura zum Studium nach Wien. Weil sie sich engagieren wollte, ging sie eines Tages zu dem Open House im grünen Hauptquartier in der Lindengasse. Nach einem Gespräch entschied sich die Wahl-Wienerin, den Grünen in ihrem Heimatbezirk Brigittenau beizutreten. Zuerst Aktivistin, wurde sie bald darauf Bezirksrätin – natürlich im Umweltausschuss. Nun besteht ihr Alltag darin, zu diskutieren, wo neue Bäume in der Brigittenau gepflanzt werden: „Wir im Bezirk wissen, in welcher Straße die Anrainer Bäume brauchen. Und wo ein neuer Radweg gebraucht wird.“ Um den Radverkehr zu fördern, ist Sehr auch im Verkehrsausschuss. Das Wort „Basiswappler“, stört sie nicht: „Das wird in der Partei nicht als Schimpfwort gesehen. Ich würde mich schon mit Stolz als Basiswapplerin bezeichnen.“ Denn Basiswappler würden viel auf der Straße unterwegs sein, mit den Leuten reden, sich unentgeltlich für Ideale auf die Straße stellen und um Werbung zu machen.
Ein diffuser Haufen. Wie beschreibt jemand von der Basis die grüne Basis? „Es ist ein diffuser Haufen, bestehend aus Aktivisten, Bezirksräten und Unterstützern, die zu einem guten Teil bei der Meinungsbildung in der Partei mitwirken“, erklärt Sehr. Jeder dürfe seine Meinung sagen, jeder werde gehört, alles werde diskutiert. „Deshalb ist eine gemeinsame Meinung schwierig“, erklärt die Studentin die inneren Differenzen, mit denen die Grünen in der Vergangenheit immer wieder zu kämpfen hatten. Einige kommen aus der Anti-AKW-Bewegung, einige aus Bürgerinitiativen, einige aus Umweltgruppen, einige aus dem Tierschutz etc. Eine derartige Meinungsvielfalt sei eben schwer unter einen Hut zu bringen, erklärt die grüne Basispolitikerin.
Welche Spitzenfunktionäre sie bei der Landesversammlung wählen wird, ist noch offen. Sehr macht es wie viele von der Basis: Sie hört sich die Reden an – wer sie überzeugt, den wählt sie. Promibonus gibt es keinen. Im Gegenteil: Prominenz ist in der grünen Basis traditionell ein Nachteil.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)
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