Zwangsprostitution, Menschenhandel, Zuhälterei – und christliche Ordensfrauen? Fremde Welten, auf den ersten Blick. In Wien engagiert sich eine Gruppe christlicher Ordensfrauen im Verein Solwodi für Opfer von Menschenhandel, Gewalt und Zwangsprostitution.
Nun hat Solwodi eine Schutzwohnung eingerichtet, am Montag soll die erste Frau einziehen. Weitere Anfragen gebe es schon, erzählt Anna Mayrhofer, die Leiterin des Projektes. Wo diese Wohnung ist, bleibt aus Sicherheitsgründen geheim. Die Einrichtung funktioniert ähnlich einem Frauenhaus, bleiben können die Frauen, auch mit Kindern, so lange wie nötig. Das können drei Tage oder einige Monate sein.
„Die Frauen brauchen Schutz und Ruhe, einen Ort zur Stabilisierung“, sagt die Franziskanerin. Die Mitarbeiterinnen von Solwodi – Anna Mayrhofer selbst ist Sozialarbeiterin, auch Psychotherapeutinnen und Pädagoginnen sind darunter – unterstützen bei Behördengängen, beraten bei medizinischen, rechtlichen, psychischen Problemen, organisieren Rechtsbeistand, Sprach- oder Alphabetisierungskurse, helfen bei der Arbeitssuche oder, wenn keine andere Option bleibt, bei der Organisation der Rückkehr in das Heimatland.
„Größtes Problem“ Opfer zu finden. Schließlich kommen die Opfer von Zwangsprostitution in der Regel aus dem Ausland. Aus Rumänien, Bulgarien, Moldawien, oft aus Nigeria. Schätzungen nach stammen rund 80 Prozent der 5000 bis 7000 Prostituierten in Wien aus dem Ausland. Wie viele zur Prostitution gezwungen werden, ist kaum schätzbar. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht davon aus, dass jedes Jahr in Europa 500.000 Frauen und Mädchen gekauft und zur Prostitution gezwungen werden. Für Österreich liegt keine offizielle Zahl vor.
Der Bedarf an Schutzeinrichtungen sei groß, sagt Mayrhofer. Bisher gebe es nur eine ähnliche Schutzwohnung, die von Lefö-IBF, der Interventionsstelle für Betroffene des Frauenhandels, betrieben wird. Dazu kommen 175 Plätze in den Wiener Frauenhäusern. Zu Solwodi sollen die Frauen über Streetwork-Organisationen oder die Polizei kommen. Auch unter der Notfallnummer (siehe Infobox) können sich Opfer melden.
„Das größte Problem ist es, die Opfer zu identifizieren“, sagt Mayrhofer. Sie kennt unzählige Geschichten von Frauen, schließlich hat sie zuvor 13 Jahre lang die Schutzwohnung von Solwodi Deutschland in Osnabrück geleitet. „Die Frauen glauben, sie müssten noch Schulden für Schlepper abarbeiten. Sie sind den Tätern ausgeliefert.“
Anna Mayrhofer erzählt von jungen Mädchen aus desolaten Verhältnissen, denen ein „Loverboy“ eine schöne Zukunft verspricht. Als Tänzerin, als Kellnerin. „Manche wissen, dass sie in die Prostitution gehen.“ Sie berichtet etwa von einem moldawischen Mädchen mit einer langen Geschichte aus Missbrauch, Gewalt, Alkoholismus, Armut in ihrer Familie. „Sie dachte, schlimmer als hier kann es auch nicht sein.“ Oder von Frauen, die mit haarsträubenden Geschichten eingeschüchtert wurden, Sozialarbeiterinnen und Polizei misstrauen, von Nigerianerinnen, die mundtot gemacht werden, indem man sie glauben lässt, verflucht zu sein.
„Die Polizei muss ihnen erst erklären, dass sie Opfer sind, ihnen muss regelrecht eingebläut werden, dass es Unrecht ist, was ihnen geschieht.“ Viele Prostituierte zeigen Störungen der psychischen Gesundheit, der Beziehungsfähigkeit, ihres Selbstwertgefühls, stecken in Zwangssituationen. Unter Menschenhändlern – früheren Liebhabern, Bekannten und Verwandten der Frauen – finde man umso bessere Psychologen, Menschen mit Talent zur Manipulation.
Erschreckende „Drecksgeschichten“. Sie appelliert auch an Freier, genau hinzuschauen. „Es gibt Indikatoren, die auf Zwang hinweisen: Wird das Geld an jemand anderen bezahlt? Werden Preis und Leistungen mit jemand anderem als der Frau verhandelt? Wirkt die Frau eingeschüchtert?“
Sie selbst kenne das Problem, nicht hinschauen zu wollen. „Ich bin für diese Arbeit gefunden worden“, erzählt die 46-Jährige. Zuerst „wollte ich es eigentlich nicht machen, diese ,Drecksgeschichten‘ haben mich erschreckt“, sagt sie, die sich mit 22 Jahren entschied, Ordensfrau zu werden. Heute schätzt sie die Arbeit, die vom Kampf mit Behörden bis zur Begleitung einer Frau bei der Geburt oder gemeinsamen Weihnachtsfeiern reicht. Das Milieu hat sie mittlerweile intensiv kennengelernt, war bei unzähligen Razzien dabei.
Wie reagiert man dort auf eine Ordensfrau? „Ich erscheine ja nicht in Tracht im Bordell. Die würden meinen, ich bin nicht echt“, sagt Mayrhofer und lacht. In der täglichen Arbeit würden alle, egal, ob Ordensfrauen oder NGOs, dasselbe machen. Auch für die Frauen spiele die Konfession kaum eine Rolle.
Je nachdem, aus welchem Umfeld man komme, gehe man dann mit dem Thema um. „Meine Überzeugung ist: Prostitution ist gegen die Menschenwürde.“ Sie trennt nicht zwischen Zwangsprostituierten und Sexarbeiterinnen. „Was ist Zwang? Was ist Freiwilligkeit? Prostituiert sich eine Frau, um ihre Kinder zu ernähren, ist das freiwillig? Hat eine Frau weder Bildung noch Arbeit und ist psychisch nicht gesund – welche Freiheit oder Entscheidungsfähigkeit hat sie?“, stellt Mayrhofer das Bild der selbstbewussten Sexarbeiterin infrage. „In vielen Jahren Beschäftigung mit dieser Gruppe ist mir nie eine Frau begegnet, die auf diese Weise ihre Persönlichkeit entwickeln konnte.“
Acht Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, finden künftig Zuflucht in der Schutzwohnung von Solwodi.
Solwodi – die Abkürzung steht für Solidarity with Women in Distress, Solidarität mit Frauen in Not – wurde 1985 in Kenia gegründet, Solwodi Österreich ist seit 2010 aktiv.
Finanziert wird die Arbeit von Solwodi in Österreich (info@solwodi.at, ✆0664/88632590) von der Vereinigung der österreichischen Frauenorden und Spenden.
bis 7000 Prostituiertedürfte es derzeit nach Schätzungen in Wien geben, weniger als die Hälfte davon ist bei der Polizei registriert. In ganz Österreich sind laut Bundeskriminalamt 6000 Sexarbeiterinnen registriert, die sich legal in Österreich aufhalten. Zwei Drittel davon sind EU-Bürgerinnen.
300bis 400 Fälle von Menschenhandel werden in Österreich jedes Jahr bekannt. Dazu kommt eine kaum einschätzbare Dunkelziffer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)
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