Weshalb Juden Wien lieben - Attraktivität für Zuzug steigt

09.11.2012 | 18:39 |  DUYGU ÖZKAN (Die Presse)

Bis Sonntag finden in der 8000 Mitglieder starken Israelitischen Kultusgemeinde Wahlen statt. Nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Organisation der Einheitsgemeinde sei einzigartig in Europa.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Wien. Die Schule besuchen, auch den Gottesdienst, einkaufen gehen, Sport betreiben, sich weiterbilden, alt werden. Möglich ist dies in der Zwi-Peres-Chajes-Schule, in zahlreichen Synagogen, in einigen koscheren Supermärkten im Karmeliterviertel, im Sportclub Hakoah, im Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum (JBBZ) und im Sanatorium Maimonides-Zentrum.

Mehr zum Thema:

Die Infrastruktur für das jüdische Leben in Wien wurde in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive aufgebaut. Die neueste „Errungenschaft“ ist dabei nicht sichtbar: seit September verfügt Wien über einen Eruv – also einen festgelegten Raum, in dem an Sabbat auch ein Kinderwagen geschoben oder andere leichte Tätigkeiten verrichtet werden können, die orthodoxen Juden an diesem Tag normalerweise untersagt sind. Der Eruv erstreckt sich vom ersten bis zum 20. bzw. 9. Gemeindebezirk. Neben Wien verfügen in Europa auch London und Antwerpen über einen Eruv.

Dafür, dass es in Wien eine vergleichsweise kleine Gemeinde gebe – die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hat knapp 8000 Mitglieder – sei die Infrastruktur „beispiellos“, sagt IKG-Präsident Oskar Deutsch. Das sei auch ein Grund dafür, dass Wien für Juden aus dem (EU-)Ausland immer attraktiver werde. Derzeit haben rund 130 Mitglieder der IKG einen deutschen Pass, noch einmal so viele stammen aus Großbritannien und Frankreich. EU-Bürger können sich in Österreich freilich unkomplizierter niederlassen als jene aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Hier soll die Rot-Weiß-Rot-Card Abhilfe schaffen; damit wird die Niederlassung in Österreich für Fachkräfte erleichtert.

Die Kultusgemeinde will aber beide Gruppen – EU und Nicht-EU – erreichen, denn die jüdische Gemeinde soll auch weiterhin durch Zuzug wachsen. Aber nicht nur: Deutsch will vor allem jene Juden für die Gemeinde gewinnen, die in Österreich geboren wurden, hier leben, aber noch nicht Mitglied sind (Schätzungen zufolge betrifft das bis zu 15.000 Personen). Vorausgesetzt, Deutsch wird wieder zum Präsidenten gewählt. Derzeit finden in der IKG Wahlen statt, der Sonntag ist letzter Wahltag (siehe Artikel rechts unten).

 

Konflikte nicht öffentlich

Nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Organisation der Einheitsgemeinde sei einzigartig in Europa, so Deutsch. Die Wiener jüdische Gemeinschaft ist ethnisch, sprachlich und liturgisch heterogen, alle werden aber von der Kultusgemeinde vertreten.

Auch wenn es innerhalb der Gemeinde zu Meinungsverschiedenheiten komme, sagt Deutsch, „bin ich stolz, dass diese Konflikte nicht nach außen gehen“. Gemeindemitglieder sind entweder Aschkenasim (mittel- und osteuropäische Juden) oder Sephardim (sie stammen ursprünglich von der iberischen Halbinsel), deren Liturgie sich voneinander unterscheidet. Beide Gruppen betreiben eigene Gebetshäuser und Vereine.

Die sephardische Community in Wien wurde in den 1970er-Jahren durch den Zuzug bucharischer Juden aus Tadschikistan und Usbekistan gegründet. Rund 1500 Mitglieder der IKG sind Bucharen, diese Gruppe wird sich wahrscheinlich auch nach den IKG-Wahlen bemerkbar machen. Zumindest haben Bucharen im Vorfeld der Wahlen eine eigene sephardische Abteilung im Rabbinat gefordert.

Deutsch verweist aber auch auf andere Wahlen: Nächstes Jahr wird in Österreich der Nationalrat neu gewählt, erfahrungsgemäß wird dann der politische Ton schärfer werden. Antisemitismus ist nach wie vor ein großes Problem für die Wiener jüdische Gemeinde, sagt Deutsch. Erst vor zwei Monaten wurde ein Rabbiner auf dem Schwedenplatz in Wien antisemitisch beschimpft, die anwesende Polizei ist offenbar nicht eingeschritten. Nur einen Monat zuvor hatte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache mit einem Posting auf Facebook provoziert: er „teilte“ eine Karikatur, die deutlich antisemitische Züge enthielt. Eine der dargestellten Figuren stand für die Banken: ein gierig dreinblickender Mann mit großer Nase – und Davidsternen auf den Manschettenknöpfen. Seite 27

Auf einen Blick

Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Knapp 8000 Juden sind Mitglied der IKG, die allermeisten leben in Wien. Viele Mitglieder (rund 3500) wurden in Österreich geboren, weitere 1700 in Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, knapp 1000 in Israel. Der Großteil der IKG-Mitglieder – rund 5700 – hat die österreichische Staatsbürgerschaft, israelische und deutsche Staatsangehörige bilden die nächstgrößeren Gruppen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

  • Koalition nach IKG-Wahl

    Ariel Muzicant / Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry) Zehn Listen treten bei der Wahl an. Die Bucharen könnten die Königsmacher werden. Neu sind die Listen „Chaj“ des Psychoanalytikers und Beraters Martin Engelberg und die „Initiative Respekt“.

Mehr aus dem Web

148 Kommentare
 
12 3 4

Sollte die Verfasserin...

... nicht auch nach den Kosten fragen?

PS Danke an die Redaktion dieses mal nicht 90% der kritischen

Postings geloescht zu haben ;-)


Schön wär's jetzt noch...

...wenn die österreichischen Jounalisten (so wie der Autor dieses Artikels, danke!) drauf verzichten wollten, die österreichischen Juden als 'jüdische Mitbürger' anzustrudeln.

Ich bin (zur Information) kein Betroffener, aber dieser Mitbürgerschmäh wird zu Recht als abwertende Bezeichnung empfunden. Warum, weiß ich auch nicht genau, aber so isses nun einmal.

Dabei kommt das oft nicht mal von Antisemiten. Nein, die Leut' trauen sich nur nicht, Juden einfach Juden zu nennen - ist das nicht seltsam?

Juden in Europa und anderswo

Da sich Juden zweifellos als eine religiöse, traditionelle, ethnische oder wie auch immer, "Gemeinschaft" definieren, wäre es auch angebracht, nicht bei jeder (sachlichen) Kritik gleich die "Antisemmitismus"-Keule auszupacken.
Niemandem fällt es in den USA ein, z. B. bei Strafverfolgung eines jüdischen Wirtschaftskriminellen "Antisemitismus!" zu rufen.
In Europa scheint das anders zu sein, nicht nur in Österreich. Auch im Fall Strauss-Kahn wurde auf dieser angeblichen Antisem-Welle gesurft.
Schon als Jugendlicher fiel mir in GB auf, dass
z. B. eine britische Jüdin, nachdem ich (im Hyde-Park) behauptet hatte, dass Juden sich nicht immer positiv mit dem Land, in dem sie leben, identifizieren, sagte: O, no! I'm Jewish and British and I was always loyal to Britain!
Es fällt auch immer wieder auf, dass viele Amerikaner z. B. sagen: I have a good friend, he is Jewish...". Wieso gibts das bei uns nicht oder ist es eine Seltenheit?
Sind die Österreicher schuld oder die Juden?

Re: Juden in Europa und anderswo

Schuld sind immer die Minderheiten (also "die Juden"), zumindest im Verständnis einer uralten österreichischen Tradition. Dazu zählt auch Ihre Behauptung, "dass Juden sich mit ihrem Land nicht identifizieren." Nur komisch, dass im ersten Weltkrieg viel mehr jüdische Soldaten in der österreichischen Armee fielen als Christen (vergleicht man die Bevölkerungszahlen).

16 3

Wie wäre es wann die Immigration mal eine weile gestoppt wird

damit sich diejenigen Ausländer die sich hier niederlassen mal an Österreich eingliedern. Wir sind nun mal nicht China, Israel oder Jugoslawien und auch nicht die vereinten Nationen. Das die Wirtschaft Gebetsmühlen gleich immer nach 'Fachkräften" (haha) ruft hat nur mit billigen Arbeitskräften zu tun. Am meisten schadet es den bereits hier befindlichen legalen Einwanderern die so um eine Gehaltssteigerung geprellt werden.

17 3

da bin ich jetzt irritiert

angeblich nimmt der antisemitismus stark zu

Re: da bin ich jetzt irritiert


Eben deswegen!

Die Österreicher haben kein Interesse am Zuzug!


5 14

Re: da bin ich jetzt irritiert

Gottseidank nur bei einer unverbesserlichen Minderheit.

5 14

Re: da bin ich jetzt irritiert

Sie sollten nicht von Ihrer Einstellung auf andere schliessen.

14 5

Re: Re: da bin ich jetzt irritiert

genau drum ist ja der liebermann zu einer friedensmission in wien um kriegspläne zu besprechen gegen massenvernichtungswaffen natürlich und die lösung des palästinenserproblems die die frecheheit besitzen und ihre besatzer loswerden wollen

die schlagzeile ist doch eigenartig...

?. warum wird hier eine bestimmte religion herausgepickt und dann erwähnt, dass sie wien lieben? ist das etwa eigenartig? soll das nicht so sein, weil sie auch hierzulande verfolgt wurden? was soll der artikel?


Re: die schlagzeile ist doch eigenartig...

Weiter unten steht, daß der neue Chefredakteur von der Zeitung NU kommt. Vielleicht deshalb?

Ich hoffe jedenfalls nicht, dass der Grund darin liegt, um anhand der Leserbriefe den Vorwurf des latenten Antisemitismus wieder einmal auf alle Österreicher auszuweiten! Ich will jedenfalls nicht mit der FPÖ in einen Topf geworfen werden!

Man wird ja bei der Berichterstattung zu so heiklen Themen wie den israelisch /palästinensischen bald sehr deutlich merken, woher der Wind weht.

Ich hoffe jedenfalls, dass es weiterhin möglich sein wird, sich gegen die Besiedlungspolitik und für einen getrennten Palästinenserstaat einzutreten, ohne deshalb gleich als antisemitisch beschimpft zu werden!

Ich nehme den Artikel zur Kenntnis.


57 4

Ich wette das hie schon mehr als 70% der Postings gelöscht wurden...

Wenn Sie mir zustimmen ein +, wenn nicht ein -

22 6

Was scheinbar unbekannt ist

Juden in Österreich gibt es seit der Römerzeit und es gab schon im Mittelalter blühende jüdische Gemeinden. Sie sind daher keine fremden Einwanderer aus irgendwelchen Ecken der Welt.
Die Fotos, die (auch in der Presse) veröffentlicht werden, wo prinzipiell immer Ultraorthodoxe gezeigt werden, ergeben einen völlig falschen Eindruck. Sie vermitteln ein völlig falsches Bild der Juden, denn die Ultraothodoxen mit ihrer eigenen Tracht sind nur eine kleine Minderheit im pluralistischen Judentum.

13 3

Re: Was scheinbar unbekannt ist

Die Juden sehen sich selbst als Volk. Aus der Warte von Nicht-Juden ist das einfach eine Religion. Ich verstehe daher das Theater nicht. Es ist mir doch auch egal, wieviele Buddhisten in Wien leben und warum. So lange sie der Gesellschaft mit ihrer Religion nicht auf die Nerven gehen, können die doch glauben was sie wollen. Das ist reine Privatsache.

Ich empfinde diese Focussierung auf die Religion als Rückschritt. Das geht niemanden etwas an. Mich interessieren auch nicht die religiös motivierten Befindlichkeiten von Katholiken oder Muslimen.

Re: Re: Was scheinbar unbekannt ist

Was für eine dümmliche Aussage. Das universalistische Judentum ist die einzige monotheistische Religion, die nicht aktiv missioniert (also niemanden zwangsbeglückt). Also müssen Sie keine Angst vor "Belästigung" haben. Im Übrigen: Judentum wird nicht mit einem einzigen Begriff definiert. Es ist gemeinsamer Glaube, eine Traditionsgemeinschaft, Volkszugehörigkeit und Schicksalsgemeinschaft. Von allem etwas, aber sicher nicht biologisch definierbar.

Re: Re: Was scheinbar unbekannt ist

Wie beim Islam und Islamismus gibt es religiöses, kulturelles und politisches Judentum, letztere werden Zionisten genannt, parallel dazu die Islamisten als politische Gruppierung.
Die Zionisten verstehen sich als Volk in der ewigen Diaspora, das in Israel seine angestammte Heimat gefunden hat. Soviel zur Begriffsentwirrung.

4 37

ABLENKUNGSMANÖVER

Da wollen einige ewiggestrige Rechte, bei einfachen Gemütern Fremdenangst schüren, indem sie verschleiern, dass in Schweden rechtsextreme Gruppierungen das Hauptproblem darstellen.

Re: ABLENKUNGSMANÖVER

Wenn ich die hier geposteten Meinungen nach "links" und "rechts" selektiere, dann erkenne ich klar, dass die "rechten" Meinungen zukunftsfokussiert sind, die "linken" Meinungen sich aber ständig um weit zurückliegende Zeiten drehen. Wer dann wohl die Ewiggestrigen sind?

2 10

Re: Re: ABLENKUNGSMANÖVER

Diese Art von "Zukunftsfokussierung" gab es schon einmal, mit verheerenden Folgen. Daher: Ewiggestrig.

2 10

Re: Re: ABLENKUNGSMANÖVER

Selektieren können die Rechten ja sehr gut wie man bereits im letzten Jahrhundert gesehen hat.

Re: Re: Re: ABLENKUNGSMANÖVER

und die linken sind besser?

rote Khmer, Stalin, Mao?

Re: Re: Re: Re: ABLENKUNGSMANÖVER

nö, die linken waren die schlimmsten von allen - weltweit! Millionen ermordete mahnen!

Re: ABLENKUNGSMANÖVER

fahren sie nach Holland, wenn die es nicht glauben wollen.

sie verurteilen andere Meinungen gleich mit der rechtsextrem-Keule.
sie verbieten (!) andere Meinungen.

irgendwie sind sie selber ein wenig extrem.

 
12 3 4

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    18:00
    Wien
    14°
    Steiermark
    12°
    Oberösterreich
    12°
    Tirol
    12°
    Salzburg
    14°
    Burgenland
    14°
    Kärnten
    12°
    Vorarlberg
    12°
    Niederösterreich
    12°

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden