Podrecca: Ein Architekt und Gentleman

Boris Podrecca gehört zu den bekanntesten Architekten in Wien. Mit der „Presse am Sonntag“ hat er sich auf eine „voyage sentimental“ in der Inneren Stadt begeben.

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(c) APA/Podrecca Archiv (Podrecca Archiv)

Schauen Sie, wie schön das ist.“ Dunkel ist es auch, aber das macht nichts, denn erstens funktioniert Boris Podreccas Blick für Ästhetik auch in schattigen Momenten, und zweitens kennt der Architekt den Raum, in dem er sich befindet, in- und auswendig. Hier, im Zacherlhaus am Wildpretmarkt, befindet sich laut Podrecca einer der schönsten Eingänge in der Wiener Innenstadt. Dessen Architekten, den Otto-Wagner-Schüler Jože Pležnik (1872–1957), hat Podrecca entdeckt: Beflissen schildert er en détail die architektonischen Besonderheiten des Zacherlhauses (Hängefassade, Dachgesims) – und fast fühlt es sich an, als stünden wir in Podreccas eigenem Eingangsbereich. Wäre da nicht die Empfangsdame, mit der sich Podrecca einen kleinen Scherz erlaubt. „Haben Sie einen Termin?“ „Ja“, sagt der Architekt, „mit Monica Bellucci.“

Die Dame bleibt skeptisch („Sie hat sich aber auch nicht angemeldet“), Podrecca hingegen zeigt noch schnell auf die eigenwillige Beleuchtung des Stiegenhauses: Die Lampe erinnert an einen (enorm vergrößerten) Rüssel eines Ungeziefers. Kein Zufall, denn die Bauherren, die Familie Zacherl, haben Insektenvertilgungsmittel hergestellt.

Podrecca gehört zu den bekanntesten Architekten in Wien (Millennium Tower Wien – mit Gustav Peichl und Rudolf Weber, Neugestaltung der Internationalen Galerie für moderne Kunst im Palast Ca'Pesaro in Venedig, Tartiniplatz in Piran – um nur einige zu nennen) und gilt als Pionier der Neumoderne. Am heutigen Abend führt er Interessierte durch das Wien-Museum, im Rahmen des Programms „Sonntag mit Freunden“ (siehe Veranstaltungstipp unten). Uns hat Podrecca auch geführt, und zwar durch sein persönliches Wien, das – wenig überraschend – auch ein Lehrstück in Sachen Wiener Architektur ist. Wobei der Spaziergang für Podrecca auch eine, wie er sagt, „voyage sentimental“ ist, weil er sich auch auf die Spuren jener begibt, „die aus meiner Region stammen“. Geboren wurde Podrecca in Belgrad, er wuchs in Triest auf.

Vor dem Zacherlhaus bläst der Wind alle Frisuren durcheinander. Pležnik, der verkannte Architekt, hatte nicht die Kaffeehauslobby Adolf Loos und Konsorten, erzählt Podrecca auf dem Weg zum Michaelerplatz. Dort befinden sich auch das allseits gewürdigte Looshaus und nur ein paar Schritte entfernt das fast anonyme Artaria-Haus von Max Fabiani. „Wahrscheinlich das erste moderne Haus in Wien“, sagt Podrecca und zeigt auf die großzügig angelegten Geschäftsräume in den ersten beiden Stockwerken, auf die gebogenen Fenster im englischen Stil („bow window“), auf die vegetativen Symbole unter dem florentinischen Dach.

Eislutscher in der Sonne. Das Artaria-Haus ist das Haus eines Gentlemans, sagt Podrecca, eines Mannes von Welt. Ein Architekt und Gentleman, das ist Podrecca aber auch. Er ist höflich, spricht sieben Sprachen, und sein Büro hat neben Wien auch Niederlassungen in Stuttgart und Venedig (wobei er sich schon gern in Wien aufhalte; die Gemütlichkeit dieser Stadt lasse einen zerrinnen wie ein „Eislutscher in der Sonne“). Städte spielen eine große Rolle in Podreccas Wirken, „eine Stadt“, sagt er, „muss sprechen“.

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(c) DiePresse

Die Hohe Brücke des Architekten Josef Hackhofer in der Wipplingerstraße/Tiefer Graben ist so ein urbaner Geschichtenerzähler. Hier ist Wien Chicago geworden: Zwei Straßen kreuzen sich in der Luft (was an die Chicagoer Hochbahn erinnert), die Gebäude rund um die Brücke haben Eingänge sowohl im unteren als auch im oberen „Stockwerk“. Die Gestaltung der Eingänge hat Otto Wagner seinen Schülern als Hausaufgabe gegeben, auch Podrecca ist fasziniert von dieser Jugendstilbrücke. Aber es muss nicht immer Jugendstil sein.

Das Juridicum in der Schottenbastei wurde Mitte der 1980er-Jahre fertiggestellt, ein Glasfassadenbau mitten in einer schmucken Zinshausgegend. Dieser Bau des Architekten Ernst Hiesmayr „war ein Befreiungsschlag“, sagt Podrecca. Es habe die Angst vor dem Neuen in einer historischen Stadt genommen: „Als wir studiert haben, war dieses Haus undenkbar.“

Derzeit arbeitet Podrecca unter anderem am neuen Wiener UniCredit-BA-Campus am Nordbahnhofgelände. Ein viel älteres Finanzhaus beschäftigt Podrecca schon länger: die Börse. Dessen Architekt, Theophil Hansen (1813–1891), laut Podrecca „der beste Architekt der Ringstraße“, sei ihm während seines Schaffens immer wieder begegnet. Die Börse sei „elegant angezogen“, sagt Podrecca. Einem Gentleman fällt das natürlich auf und außerdem: „Hansen ist mein Lieblingsarchitekt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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