Einkaufen trotz des Sonntagsverbots

10.11.2012 | 18:26 |  von Karin Schuh und Georg Renner (Die Presse)

Offiziell ist man in Wien, mit Ausnahme der Tourismusvertreter, gegen die Sonntagsöffnung. Das hält die Wiener aber nicht davon ab, die gesetzlichen Schlupflöcher zu nutzen und sonntags einzukaufen.

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Die alte Dame ist beunruhigt. Ein bisschen fürchte sie sich schon vor dem Trubel. Immerhin hat mit dem Einkaufszentrum „The Mall“ am Bahnhof Wien Mitte nicht gerade ein kleines Exemplar eröffnet. Shoppen auf 30.000Quadratmetern verspricht das moderne Gebäude, in dessen Untergeschoßen ein paar Anbindungen des öffentlichen Verkehrs untergebracht sind. Auch wenn längst noch nicht alle Geschäfte den Betrieb aufgenommen haben, bei der Eröffnung vergangenen Donnerstag herrschte Hochbetrieb. Hektisch irrten die Menschenmassen von einem Geschäft zum anderen – stets die Angst im Nacken, dass vielleicht ein anderer das letzte Tagesschnäppchen ergattern könnte und man selbst mit leeren Händen nach Hause gehen muss.

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Aber gut, es ist Eröffnung und auch bald Weihnachten, da kann man schon einmal beim kollektiven Kaufrausch mitmachen. „Aber am Sonntag“, fragt die Dame besorgt den Security-Mann, „am Sonntag ist ja wohl doch Ruhe, oder?“ Auch sie hat gehört, dass es da für Bahnhöfe Ausnahmen gibt und Geschäfte trotzdem öffnen dürfen. „Wissen Sie, ich habe das beim Praterstern gesehen, das war ein Wahnsinn am Sonntag, das will ich hier nicht“, sagt sie. Der junge Sicherheitsmann kann die Dame beruhigen: „Nein, nein, keine Angst. Am Sonntag hat nur der kleine Interspar pronto offen, der große hat zu, und die anderen Geschäfte auch.“ Das wollte sie hören. Denn im Vergleich zum 2700 Quadratmeter großen Interspar-Hypermarkt ist die Pronto-Version mit ihren 80 Quadratmetern nicht der Rede wert – zumindest für die Seniorin, die den Trubel verlässt. Sie will ihre Einkäufe unter der Woche erledigen.

Alle anderen haben ab heute aber eine – zentral gelegene – Möglichkeit mehr, sich auch am Sonntag mit Lebensmitteln und Reiseproviant einzudecken: von der Imperial-Torte, über frisches Sushi-to-go oder Champagner bis zum Katzenstreu und der Strumpfhose der Billigmarke S-Budget.


Weltanschauung versus frische Milch. Der Supermarkt in Wien Mitte reiht sich somit, zusammen mit einer ebenfalls dort angesiedelten Trafik und einer Bäckereifiliale, in die Reihe jener Geschäfte, die ganz legal das generelle Verbot der Sonntagsöffnung für den Handel umgehen und damit gutes Geschäft machen. Denn eigentlich muss der Handel ja am Sonntag schließen, aber es gibt Ausnahmen – und Menschen, die diese nutzen. In Sachen Sonntagsöffnung herrscht in Österreich eine Art Doppelmoral. Viele Österreicher – allen voran die Vertreter des Handels und der Politik – sind prinzipiell gegen die Sonntagsöffnung. Argumentiert wird das gern mit der Weltanschauung, den Verkäuferinnen, die dann noch mehr Schwierigkeiten hätten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, und den hohen Personalkosten. Aber wie das bei Weltanschauungen oft der Fall ist, werden manchmal Details übersehen: das eigene Handeln zum Beispiel. Denn: Wenn einmal die Milch ausgeht und die Tante plötzlich zum Sonntagskaffee kommt oder schlicht die frischen Semmeln – gerade am Sonntag – jenen vom Vortag vorgezogen werden, dann wird sie gern in Anspruch genommen, die Möglichkeit, auch sonntags einkaufen gehen zu können.

Etwa am Praterstern, im Nordbahnhof, im AKH, im Westbahnhof, an den Dutzenden Tankstellen, mit denen vermehrt Supermarktketten kooperieren oder bei den kleinen – meist türkischen – Greißlern, die ihrem Gewerbe dank gesetzlicher Grauzonen (siehe unten) auch am Sonntag nachgehen.

Dass diese Möglichkeit auch dankend angenommen wird, macht an einem Sonntag ein Besuch des Westbahnhofs deutlich. Dort haben nämlich seit mehr als einem Jahr in dem angeschlossenen Einkaufszentrum eine Handvoll Geschäfte auf verkleinerter Fläche geöffnet. Und sie sind gut besucht. In dem, wie es das Gesetz will, nur 80Quadratmeter großen Mini-Merkur-Markt sorgen eigens beschäftigte Ordner dafür, dass einander die Einkaufswilligen nicht gegenseitig niedertrampeln – fast den ganzen Tag über steht eine lange Schlange vor dem Eingang zu dem Verkaufsbereich. Wer hier am Sonntag einkaufen möchte, muss sich auf mindestens eine Viertelstunde Wartezeit einrichten. Unter der Woche würde das wohl kaum jemand in Kauf nehmen.


Traumhafte Umsatzzahlen. „Die Umsätze sind enorm hoch“, bestätigt Karin Nakhai, Pressesprecherin des Rewe-Konzerns, der unter anderem hinter Merkur steht. Auch die ebenfalls dem Rewe-Imperium zugehörigen Billa-Geschäfte, die am Sonntag offen halten – etwa am Praterstern –, würden „traumhafte“ Umsatzzahlen verzeichnen. Trotzdem sei der Konzern – wie viele seiner Konkurrenten – durchwegs zufrieden mit der geltenden Rechtslage: „Eine generelle Sonntagsfreigabe streben wir nicht an“, sagt Nakhai. Die möglichen Ausnahmen werde man nutzen, eine Erweiterung sei „nicht notwendig“. Was Rewe allerdings nicht davon abhält, seine Sonntagsaktivitäten nach und nach auszuweiten. Etwa im Bereich der Tankstellenshops: 110Geschäfte, die an die Kette „Jet“ angeschlossen sind, beliefert Rewe bereits unter der Markt „Billa stop & shop“ – und derzeit läuft ein Pilotprojekt an fünf BP-Tankstellen, dort die Kette „Merkur inside“ zu etablieren. Mögliches Ausbaupotenzial: bis zu 100Geschäfte, die sieben Tage die Woche offen halten könnten.

Ähnlich verhält es sich bei Spar. Die Supermarktkette betreibt etwa in den Bahnhöfen Salzburg und Graz sowie auf dem Flughafen Wien-Schwechat und Graz Filialen. In Wien soll nach der Filiale im Bahnhof Wien-Mitte auch ein Interspar pronto im neuen Hauptbahnhof eröffnen. Im Salzburger Bahnhof hat Spar seit Mai – dank Sondergenehmigung von der Landeshauptfrau – seine rund 400 Quadratmeter große Filiale und einen beinahe ebenfalls so großen Gastronomiebereich auch sonntags geöffnet. „Das läuft von der ersten Sekunde an hervorragend, die Frequenz ist sehr hoch“, sagt Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann. Auch mit den Spar-express-Tankstellenshops sei man höchst zufrieden. „Das machen wir seit zwei Jahren. Wir haben jetzt 50 in ganz Österreich und wollen bis Ende nächsten Jahres auf 115 aufstocken.“ Mehr Spielraum speziell am Sonntag will man von politischer Seite aber nicht verlangen. „Die Genehmigungen reichen ja aus, wir sind zufrieden“, so Berkmann.


Innenstadt nicht interessiert. Die Vertreter der Wiener Kaufleute fordern ebenfalls keine Erweiterung der Öffnungszeiten. Sie gehen gar noch einen Schritt weiter und wehren sich dagegen. Die hohen Personalkosten würden das bisschen mehr Umsatz nicht ausgleichen, meint etwa Friedrich Jonak, Obmann der IG Kaufleute am Graben. Dass gerade dieser von zahlungskräftigen Touristen besucht wird, glaubt er nicht. „Die Touristen, die sonntags mit dem Autobus angekarrt werden, sind für uns keine Käufer. Die Wiener machen einen Ausflug, und die paar, die trotzdem einkaufen, bringen die hohen Kosten nicht rein.“ Erwin Pellet, Spartenobmann Handel der Wiener Wirtschaftskammer, spricht gar, wie oft in der Vergangenheit, von einem drohenden Händlersterben, wenn die Sonntagsöffnung kommen sollte. Er meint, dass davon nur die Großen Player profitieren würden. Anders sieht das Wien-Tourismus-Chef Norbert Kettner. Wien entwickle sich immer mehr zu einer Luxusdestination, hinke aber bei den Öffnungszeiten im internationalen Vergleich nach.

Während andere die gesetzlichen Schlupflöcher nutzen, sind kleinere Geschäfte weniger streng und öffnen trotzdem. Das Wiener Marktamt registriert einen Anstieg der Anzeigen wegen Sonntagsöffnung. Im Vorjahr gab es bei 1500 Kontrollen 400 Anzeigen, 2009 waren es noch 289 Anzeigen. Die Höchststrafe in der Höhe von 1090 Euro dürfte diese Kaufleute nicht abschrecken – oder bereits in der Portokassa liegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2012)

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  • Wer warum wo am Sonntag öffnen darf

    Bild: (c) APA (HARALD SCHNEIDER) Die gesetzlichen Regelungen für das Einkaufen in Österreich sind international gesehen extrem streng. Für das Shopping am Sonntag gibt es trotzdem einige Ausnahmen.

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18 Kommentare

Privilegien für

die Öl-Konzerne - Tankstellen

die Gemeinde Wien, ÖBB - Haltestellen ÖPNV

mit welchem Argument???

Haben Autofahrer etwa mehr Rechte als Stubenhocker ?

Warum dürfen Autofahrer sonntags einkaufen ?

Es ist ein beliebig formuliertes Gesetz - nur ein Beispiel für die mafiöse Gesetzgebung in Europa.

Alsomentweder sonntags geschlossen oder offen - aber bitte Schluß mit den Privilegien!

Sonntag = Freiheit

Auch ich mit meiner Familie bin strikt gegen jegliches Einkaufen am Sonntag. Dieser Tag muss weiterhin anders als andere Wochentage bleiben.

Alle haben das heilige Recht einmal in der Woche unversklavt ihre Freiheit zu geniessen.

Der Götze Wirtschaft darf da absolut nichts mitmischen und mitreden.

Re: Sonntag = Freiheit

und was ist mit den versklavten ärzten, tierärzten, dem krankenhauspersonal, den verkehrsbediensteten, tankstellenpächtern, piloten, dem gastwirtschaftlichen personal...die liste ist fortsetzbar..

Re: Re: Sonntag = Freiheit

ach ja, tschuldigung, ich hab nicht mitgedacht - hättens halt was gscheids glernt, de teppn...

Angebot und Nachfrage

Angebot und Nachfrage lassen sich nicht wegverordnen. Ebensowenig wie die Schwerkraft, der Regen und die Dummheit.

Zeit, das endlich zu akzeptieren.

Re: Angebot und Nachfrage

schwaches argument.

Es gibt nachfrage nach sex mit minderjährigen - also dürfen wir es nicht verbieten - oder wie meinen sie das??

ist ein hartes beispiel, aber vielleicht kapieren sie es so.

Re: Re: Angebot und Nachfrage

Dass Sie zu solchen Vergleichen greifen müssen, zeigt die Schwäche Ihrer argumentativen Position.

Einkaufen am Sonntag ist weder kriminell, noch unmoralisch, noch sittenwidrig, und wird - wie der Artikel beweist - weithin praktiziert. Im Ausland sogar ganz legal und großflächig!

Ob Sie das in Anspruch nehmen oder nicht, bleibt Ihnen ja unbenommen.

Re: Re: Re: Angebot und Nachfrage

Dann würde ich vorschlagen das Sie einfach diesen Job machen Sonn- und Feiertags. Scheint als haben Sie viel Zeit und keine Probleme auch an diesen Tagen zu arbeiten.

Immer dasselbe, ist man nicht betroffen kann man leicht Forderungen stellen, aber wehe man ist selbst davon betroffen, dann geht sowas gar nicht.

Ich bin nicht betroffen und trotzdem ganz klar gegen Sonntagsöffnung, Montag bis Samstag ist mehr als ausreichend um seine Kauflust zu befriedigen.

Re: Re: Re: Re: Angebot und Nachfrage

Nicht dass es Sie etwas angeht, aber meine Position kennt keine Sonn- und Feiertage, also kann ich auf Ihre großmütigen Ratschläge gern verzichten.

Und wann ich meine Kauflust befriedigen möchte, geht Sie einfach nichts an.

Re: Re: Re: Re: Re: Angebot und Nachfrage

Verstehe und nur da Sie kein Wochenende haben, haben andere auch kein recht darauf.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Angebot und Nachfrage

Recht ja - aber sie sollten genauso ein Recht darauf haben, zu arbeiten, wenn sie das wollen (mit entsprechenden Zuschlägen etc.).

Oh mein Gott...

...ich will ja gar nichts mehr kaufen, dieser überfluss ist nicht gut!

Tipp für Hrn. Washüttel (Entschuldigung wegen der möglicherweise falschen Schreibweise)

Zitat:"Einkaufen trotz des Sonntagsverbots"

Meiner Meinung nach handelt es sich um ein Öffnungsverbot.
Der Sonntag hingegen ist (noch) nicht verboten.

15

Re: Tipp für Hrn. Washüttel (Entschuldigung wegen der möglicherweise falschen Schreibweise)

Sie werden doch nicht glauben,dass Journalisten Sinnergreifend schreiben und lesen können.
Das was die heute in Zeitungen verzapfen wäre vor 30 Jahren im Papierkorb gelandet.
Da gab es einmal ein tolle Sendung im Radio: Achtung,Achtung Sprachpolizei ob richtig oder falsch ist hier nicht einerlei,heute könnten die daraus ein 8 Stunden Programm machen bei dem Mist den die Medien von sich geben.

Argumentiert wird das gern mit der Weltanschauung

Obst-und Gemüsegeschäfte mit Waren aller Art sorgen in einigen Bezirken für ein buntes Stadtbild auch am Wochenende. Da hat sich die ehemalige Weltanschauung schon längst auf leibliche Bedürfnisse reduziert. Und die neue Weltanschauung macht die Geschäfte.

19

Also dieses Monster

als Mall zu bezeichnen ist eine Schändung der Bezeichnung.
Gleicht eher einem Bunker und hat den Charm eines Ostblockbaus aus den 1970 Jahren so was häßliches haben die damals in Sofia gebaut.
Aber bei dem Volk kann sich die Stadt Wien ja alles erlauben.
In spätestens 5 Jahren teil es das Schicksal des Gasometers wo die Stadt Wien die Hand drin hat ist der Mist Programm.

Re: Also dieses Monster

Gasometer war von Anfang an klar, dass das nichts wird

wie ein Reh

Mall klingt doch malerisch gut,-allerdings das Haus viel grösser wirkt als der Innenausbau,-so länglich,wie ein Reh-vielleicht mussten sie wieder eine Garage in die andere hälfte des Hauses bauen oder noch ein Gerichtsgebäude.

Ist sowieso ein Wahnsinn,denn Gerichtsgebäude scheinen derart viel besucht zu sein,dass es enorm mehr als nur eines davon gibt.Wachsen immer nach die Kinder,darum auch ein Supermarkt hermusste,darum auch das Mall,sauber,verständlich,der neue Westbahnhof sozialer,jedoch dennoch kleinlich..ja leider,wir haben in österreich ein sehr ausgeprägtes und tiefsitzendes Eifersuchtsproblem,tragisch weil von Reichen(bourgerousse) ausgehend(sitzen gratis im warmen,rauchen,essen tun nicht arbeiten stattdessen)-warten nur noch auf den Südbahnhof -mal sehen wie auf einer der grössten freiflächen der stadt wien Kleinlichkeit und Neid demonstriert werden wird.

Zumindest schaffen wir es unsere Justiz und Jury aufrechtzuerhalten und monatlich mit geld zu versorgen..dass sie sich weder wie arbeitslose noch wie schmerotzer vorkommen müssen,ein sauberes Alltagsgefühl wie andere menschen haben,zudem drüber hinwegkommen versuchen mit beissendem blick,weil sie dennoch wissen was sie tun.nun die Jury nicht unbedingt,welche ja wir,die Schreiber wären..

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