Gewalt in der Familie nimmt zu

Mord, Totschlag und Körperverletzung in der Familie haben zugenommen, sagt die Statistik. Zuletzt wurden am Wochenende zwei Frauen erstochen und zwei weitere verletzt.

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Wien. Zwei Frauen in Wien werden von ihren Ehemännern erstochen, ein Kind wird dabei verletzt. In St.Pölten attackiert ein Mann seine Partnerin mit einem Messer. Ein Mann in Wiener Neustadt versucht, seine Exfrau zu erwürgen, und wird gerade noch von seinem zehnjährigen Sohn gestoppt. Vier Fälle von Gewalt in der Familie, die in der Nacht auf Sonntag innerhalb von wenigen Stunden stattfanden.

Auch wenn eine derartige Häufung nicht allzu oft vorkommt, so passt sie doch in die Erfahrhungswerte der Polizei: „An Wochenenden, aber auch zur Urlaubszeit oder zu Weihnachten, wenn Familien längere Zeit zusammen sind, brechen schwelende Konflikte öfter auf“, sagt Mario Hejl, Sprecher des Bundeskriminalamts. Und abgesehen vom Zeitpunkt fügen sich diese Gewalttaten auch in das Bild, das die Statistik zeigt – dass nämlich Gewalt an Leib und Leben zum Teil deutlich zugenommen hat.

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(c) DiePresse

Täter und Opfer häufig Männer

Eine Analyse des Innenministeriums zum Thema „Gewalt in der Familie“ weist bei den strafbaren Handlungen gegen Leib und Leben von 2002 bis 2011 eine Steigerung von knapp neun Prozent aus – die Zahl der angezeigten Fälle stieg mit leichtem Auf und Ab von 84.221 auf 91.699. Die aktuellsten Werte des heurigen Jahres, in denen die Fälle vom Wochenende noch nicht enthalten sind, reichen von Jänner bis September – hier gab es 67.326 Anzeigen wegen Delikten, die im Strafgesetzbuch die Paragrafen 75 bis 95 einnehmen, also unter anderem Mord, Totschlag und Körperverletzung, aber auch Raufhandel oder Vernachlässigen Unmündiger.

Auch die Zahl der Opfer stieg laut polizeilicher Statistik in den vergangenen Jahren an – gab es 2002 insgesamt 35.726 Opfer von Gewalt gegen Leib und Leben (s. Grafik), stieg ihre Zahl – wieder mit Auf und Ab – bis 2011 auf insgesamt 43.347. Im aktuellen Jahr bis September liegt der bisherige Wert bei 32.727 Opfern von Gewalt gegen Leib und Leben.

Was die Rolle des Geschlechts angeht, sieht es auf der Täterseite eindeutig aus: Von den im Jahr 2011 ermittelten 93.562 Tatverdächtigen waren 78,03 Prozent (73.007) Männer, nur 21,97 Prozent (20.555) waren Frauen. Was auf den ersten Blick überraschen mag: Auch die Opfer von Gewalt in der Familie sind laut diesen Daten zum Großteil männlich: Mit 29.254 traf es sie 2011 mehr als doppelt so oft wie Frauen (14.093).

Ein etwas anderes Bild ergibt eine Studie zu Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld des Österreichischen Instituts für Familienforschung aus dem Jahr 2011. Demnach geben 44,5 Prozent der befragten Frauen an, dass sie in der Partnerschaft zumindest einmal psychischen Übergriffen ausgesetzt waren – bei Männern waren es nur 28,1 Prozent. Jede zehnte Frau (12,5 Prozent) gab sogar an, dass sie psychische Übergriffe „häufig“ erlebt hat, gegenüber 4,2 Prozent der Männer.

Gewalt gegen Frauen steht auch im Mittelpunkt einer Kampagne, die Wiens Frauenstadträtin Sandra Frauenberger und Polizeipräsident Gerhard Pürstl am Montag starteten – aus Anlass der Aktion „16 Tage gegen Gewalt“ hissten sie am Wiener Rathaus und am Gebäude der Landespolizeidirektion Wien die Fahne der Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes“. Die Aktion soll Bewusstsein dafür wecken, dass Frauen häufig Opfer von – oft sexualisierter – Gewalt werden. Und die Betroffenen ermutigen, sich professionelle Hilfe zu holen.

 

„Die Oma muss weg“

Ein weiterer Fall von tödlicher Gewalt, der am Montag erneut ins Licht der Öffentlichkeit rückte, liegt bereits länger zurück: Ende Oktober wurde in Taufkirchen an der Pram (Oberösterreich) eine 68-Jährige ermordet, nun gestand ihr 18-jähriger Enkel die Tat. Dabei belastete er seinen Großvater – der 72-Jährige soll ihn in den Wochen vor der Tat mit den Worten „Die Oma muss weg“ mehrmals dazu aufgefordert haben. Der beschuldigte Großvater bestreitet alle Vorwürfe, beide sitzen in Untersuchungshaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2012)

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