„Pflege ist ein schambehaftetes und sehr intimes Thema“

19.12.2012 | 18:19 |  EVA STEINDORFER UND GERHARD HOFER (Die Presse)

Wer in der Hauskrankenpflege arbeitet, sieht den Beruf häufig als Berufung und ist überzeugt: Menschen bauen weniger leicht ab, wenn sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben.

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Neben dem Bett von Valerie Schubel hängt ein Foto von ihrem Mann, der vor drei Jahren gestorben ist. Darüber ein schlichtes Holzkreuz. Vom Bettrand aus läuft eine Schnur bis zum Lichtschalter. Die hat Walpurga Horvath, „die Purgi“, gespannt, damit die 91-Jährige am Abend in ihrem Haus in Seebenstein im niederösterreichischen Bezirk Neunkirchen alleine das Licht ein- und ausschalten kann.

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„In diesem Job muss man improvisieren können“, sagt Horvath. Männer gibt es in der Hauskrankenpflege kaum. 96 Prozent sind Frauen. „Die Kunden sagen, im Spital kann ich es mir nicht aussuchen, aber zu Hause schon. Und die meisten wünschen sich dann eine Frau“, sagt Sabine Hartmann, Leiterin der Caritas-Sozialstation Neunkirchen und selbst Diplomkrankenschwester.

Flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten: Das sind die Gründe, warum diplomierte Krankenschwestern die Heimkrankenpflege der Arbeit im Krankenhaus vorziehen. Dazu kommt bei vielen die persönliche Überzeugung, dass es den Leuten besser geht, wenn man sie zu Hause versorgt: „In einem Altersheim würde ich nicht arbeiten wollen. Mir gefällt es, dass die Menschen dort bleiben können, wo sie sich etwas aufgebaut haben. Wer zu Hause betreut wird, baut weniger schnell ab als im Heim“, findet Hartmann.

Fast eine halbe Million Menschen in diesem Land sind pflegebedürftig. 65.000 sind in Heimen untergebracht, 125.000 werden mobil betreut. Mehr als eine Viertelmillion werden ausschließlich von Angehörigen gepflegt. „Angehörige sind der größte Pflegedienst Österreichs“, sagt Christian Klein, Leiter des Bereichs Betreuung und Pflege der Caritas in der Erzdiözese Wien.

Veronika Stadler hat etwa 30 „Kunden“, wie sie sagt. Im Bezirk Korneuburg ist die Heimhelferin für das Hilfswerk unterwegs. Es ist halb neun Uhr in der Früh, und sie besucht das Ehepaar Paula und Kristof Sulyok in Langenzersdorf. Herr Sulyok feierte am Samstag seinen 95.Geburtstag. „Im Jänner sind wir 70 Jahre verheiratet“, erzählt er, während seine um fünf Jahre jüngere Frau von Veronika Stadler im Bad geduscht wird.

 

Viele haben Angst vor fremder Hilfe

Anfangs sei es nicht einfach gewesen, sich vor einem wildfremden Menschen auszuziehen und waschen zu lassen. Viele ältere Menschen zögern diesen Moment so lange wie möglich hinaus. „Oft komme ich in ein Haus und denke mir: Um Gottes Willen, die hätten schon seit fünf Jahren betreut werden müssen“, erzählt Stadler später.

„Pflege ist ein schambehaftetes und sehr intimes Thema“, sagt Caritas-Manager Klein. Oft verzichten Menschen vor lauter Scham auf Geld, das ihnen zusteht. „Wenn der Amtsarzt kommt, erzählen sie, wie gut es ihnen geht, und dass sie selbst kochen und putzen“, berichtet Stadler. Und dann gibt's kein Pflegegeld, oder viel zu wenig.

Schnell werden Alte zu Bittstellern degradiert. Während man im Gesundheitswesen wie selbstverständlich die medizinische Versorgung in Anspruch nimmt, ist man bei der Pflege auf das Wohlwollen des Staates angewiesen. Und das ist nicht in jedem Bundesland gleich. So beziehen in Tirol nur 45 Prozent der über 80-Jährigen Pflegegeld. In der Steiermark sind es 55 Prozent (siehe Grafik). Sind die Tiroler um so viel gesünder im Alter? Nein, meinen Experten. Die Amtsärzte dort sind einfach rigoroser bei der Vergabe von Sozialleistungen. „In anderen Ländern herrsche hingegen die Meinung: Das Geld vom Bund holen wir uns ab“, formuliert es ein Experte einer Hilfsorganisation, der aber nicht genannt werden will.

 

„Die Mama rührt sich nicht mehr“

Nicht alle Kunden sind so rüstig wie die 88-jährige Anna Schwarzböck. „So bin ich gesund, aber die Füße wollen nicht“, erzählt sie. Früher hat sie ein Lebensmittelgeschäft geführt, sei den ganzen Tagen auf den Beinen gewesen. Jetzt sitzt sie in ihrem Zimmer und freut sich über Besuch. „Sie trinken zu wenig“, mahnt sie Stadler. „Sein S' net so streng mit mir“, scherzt Schwarzböck.

Nicht immer ist Stadler zum Scherzen zumute. „Gestern ist eine Kundin gestorben“, erzählt sie. Sie war 97 Jahre alt. Als sie in der Früh ins Haus gekommen ist, hat der 78-jährige, ebenfalls pflegebedürftige Sohn gesagt: „Die Mama rührt sich nicht mehr.“

„Wenn die Familie mithilft, ist die Betreuung zu Hause bis zum Lebensende möglich“, sagt Hartmann. Das sei am Land häufiger der Fall als in der Stadt. Das liege zum Teil sicher daran, dass man am Land näher beieinander wohne. „In der Stadt nehmen dafür mehr Leute Heimhilfe in Anspruch.“ Also Hilfe bei Tätigkeiten im Haushalt, die sie nicht mehr selbst schaffen. „Wer pflegebedürftig wird, geht in der Stadt schneller ins Heim. Am Land sind die Leute stärker in ihren Häusern verwurzelt.“

Bei Valerie Schubel in Seebenstein schaut dreimal täglich eine Pflegerin vorbei. Ansonst kümmert sich ihr Neffe um sie. Für Schubel ist das die optimale Lösung: „Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, muss ich mich beherrschen, um nicht zu sagen: Ich bin glücklich.“

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2012)

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