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Gesprächsinsel: Gott muss kein Thema sein

23.12.2012 | 17:38 | EVA WINROITHER (Die Presse)

Anlaufstelle. In der „Gesprächsinsel“ können Passanten ohne Voranmeldung über ihre Probleme reden. Die Seelsorger dort bekommen einiges zu hören: von Eheproblemen bis zum Ärger über den neuen roten Gartenzaun.

. . „Es geht um meine Beerdigung.“ Die alte Dame hat das völlig ernst gemeint. Eine Baumwurzel ist in ihr Familiengrab gewachsen. Der Pfarrer sagt, sie könne dort nicht mehr begraben werden. Was soll sie denn jetzt nur tun?

Eine Seelsorgerin wird sich gleich um die Frau kümmern. Diese sitzt nämlich in der „Gesprächsinsel“, Freyung 6a, gleich neben dem Schottenstift im ersten Bezirk. Rund 30 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um Passanten und deren Probleme. Die Beratung ist kostenlos und anonym, jeder kann hereinkommen. Termine gibt es nicht. „Seit einem Jahr kommen immer mehr Leute zu uns“, erzählt Pater Lorenz Voith. Er hat die Gesprächsinsel vor vier Jahren gegründet, finanziert wird sie von der Erzdiözese Wien und den Österreichischen Ordenskonferenzen.

Ein kirchliches Angebot, das doch keines sein will. „Der Glaube muss bei uns kein Thema sein“, sagt Gesprächsinsel-Leiterin Angela Simek-Hall. Über Gott wird nur dann gesprochen, wenn die Leute das wollen. Den Besucheranstieg erklärt sich Simek-Hall mit dem immer größeren Sparzwang. „Es werden weniger Therapien verschrieben. Das merken wir hier.“

Ärger mit den Nachbarn
Menschen vom Banker bis zum Obdachlosen würden die Gesprächsinsel in Anspruch nehmen. Zwei Drittel der Besucher sind Frauen. Gemeinsam haben sie, dass sie über alles reden dürfen. Familienfrust, Probleme in der Arbeit, Vergewaltigung. Oder den Ärger über die neue rote Zaunfarbe des Nachbarn. Das sei natürlich oft anstrengend, sagt Simek-Hall.

„Aber hinter dem ersten Gesprächsanliegen verbergen sich oft ganz andere Probleme.“ Ihre Mitarbeiter haben zwar eine psychologische Beraterausbildung, dürfen aber keine Therapie durchführen. Braucht jemand längerfristige Hilfe, wird er weitervermittelt. Andere werden wiederum hergeschickt. „Wenn es um Themen wie Vergebung oder Religion geht, da können Therapeuten oft nicht helfen.“

Doch das ist nicht genug. In Zukunft hofft Simek-Hall ihre Dienste auch im neuen Hauptbahnhof anbieten zu können. Gespräche mit den ÖBB gebe es bereits. „Auch Touristen haben Probleme im Gepäck“, sagt die Frau mit den grauen Haaren. Auch hierher in den ersten Bezirk würden immer wieder welche kommen.


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