Alpine Gefahren: Kurse für Lawinenvermeidung boomen

27.12.2012 | 18:20 |  MADELEINE NAPETSCHNIG (Die Presse)

Lawinencamps und -kurse haben enormen Zulauf. Dabei geht es nur in zweiter Linie darum, was zu tun ist, wenn man verschüttet wird. Im Vordergrund steht die Frage, wie sicher welcher Hang zu befahren ist.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Hochfügen. „Wir hatten damals keine Ahnung“, gesteht Klaus Kranebitter. Immer wieder sei er gemeinsam mit dem Snowboardprofi Flow Daniaux ohne Lawinenausrüstung hinaus ins steile, tief verschneite Gelände der Seegrube gefahren. Dass ihren Spuren andere folgten, ohne zu wissen, in welche Fallen sie vielleicht tappen könnten, irritierte die Gründer der SAAC (Snow and Avalanche Awareness Camps) allerdings. So beschlossen sie 1998 in Innsbruck einen kleinen Kurs zur Lawinensicherheit zu veranstalten, einmalig, in lockerem Rahmen, unter Freunden. Ihre Idee einer kompakten und leicht fassbaren Vermittlung von Risikomanagement im Schnee explodierte wider Erwarten.

Mehr zum Thema:

Seit nunmehr 15 Jahren finden SAA-Camps sowohl an fixen als auch an wechselnden Orten in Österreich und Bayern statt. „Die Basiskurse sind zweigeteilt – ein nicht zu komplizierter Theorietag mit Videos, Folien und Fragen, dann ein Praxistag im Gelände“, erklärt der erfahrene Berg- und Skiführer Kranebitter. Draußen im Tiefschnee sind die Gruppen dann klein, die Teilnehmer zwischen 14 und (mittlerweile) 50 Jahre alt. Sie lernen, den Lawinenpieps zu checken, Abstände und Hangneigungen zu schätzen beziehungsweise zu messen, den Lawinenlagebericht mit dem Gelände zu kombinieren und mögliche Konsequenzen herauszulesen. „Manchmal springt einer der Bergführer auf eine kleine Wächte, um zu zeigen, wie schnell sie abbricht. Rucksäcke und Helme werden vergraben, damit man das Orten, Sondieren und Schaufeln für den Notfall übt.“

15.000 Teilnehmer zählten diese Camps bislang, ihr Zulauf erklärt sich aber nicht allein aus der Tatsache, dass sie noch immer kostenlos (vom Land und Sponsoren unterstützt) und eigens auch für Schulen (AHS, BHS) konzipiert sind. Gerade die Jüngeren sind leicht zu begeistern, sie finden es gut, entsprechend gewappnet zu sein. Die LVS-Ausrüstung (Suchgerät, Schaufel, Sonde) markiert quasi die Zugehörigkeit zu der rasant wachsenden Freeride-Community mit ihren Extremvideos und Big Mountain Contests. Als „Profi“ will man folglich auch über Schneedeckenaufbau, Wetter und Geländeformen Bescheid wissen.

„Es sind nicht die vielzitierten wilden Snowboarder“, meint Kranebitter, die die Opferstatistik befüllen, sondern der einheimische Tourengeher. „Der ist mitunter bildungsresistent, schließlich hat er seinen Hausberg schon ewig befahren – noch nie sei da eine Lawine abgegangen“, schildert Irene Walser vom SAAC die Argumente dieser schwerer erreichbaren Klientel für diverse Fortbildungen. „Das klassische Opfer ist männlich, zwischen 30 und 50, meistens ortskundig“, bestätigt auch der Bergsportreferent des Österreichischen Alpenvereins, Michael Larcher.

Die heuer 150 Jahre alt gewordene Institution hat Pionierarbeit auf dem Gebiet des Risikomanagements auf dem Berg geleistet; heute bieten viele der 200 Ortsgruppen Lawinenkurse mit mehr oder weniger größerer Intensität und thematischer Tiefe an. Eine Schiene für die jüngere Zielgruppe fährt der Alpenverein mit seinem „Risk'n'Fun“-Projekt, Larcher selbst hat das nach wie vor gültige „Stop or Go“-Prinzip entwickelt, eine einfache Entscheidungshilfe und Handlungsstrategie für den Backcountry-Fahrer. „Kein Mensch beginnt zu tauchen ohne einen Tauchkurs“, sagt Larcher, „aber offensichtlich kommt jeder als Tiefschneefahrer oder Bergsteiger auf die Welt.“ Auch er ortet bei den Jüngeren aus der Freeride-Gemeinschaft höhere Bereitschaft, an Camps teilzunehmen und sich mit dem Schnee näher zu befassen. „Sich zu schützen gilt nicht mehr als feig. Hier ist ein Imagetransfer gelungen“, so Larcher.

 

Muster, Apps und Fahrtechnik

„Unser größtes Problem ist, dass das Verkehrsaufkommen da draußen nicht genau messbar ist“, sagt Kranebitter. Schätzungen liegen bei 50.000 Sportlern pro Tag, die den gesicherten Skiraum (Piste) verlassen. „In Relation zu den vielen Skifahrern da draußen passiert heute viel weniger. Denn die Unfallzahlen sind relativ konstant geblieben“, sagt Rudi Mair, Chef des Tiroler Lawinenwarndienstes. Auch die hohe Lawinengefahr ist nicht saisonfüllend, wie es angesichts der von Mair und Patrick Nairz entwickelten Systematik der „zehn Gefahrenmuster“ den Anschein haben möchte: Die beiden Lawinenexperten analysierten am Zusammenspiel von Schneedeckenaufbau und Wettergeschehen zehn fatale Auslöser von Schneebrettern – das ist neues Wissen, mit dem der Tourengeher und Freerider arbeiten kann. Mittlerweile werden diese zehn Gefahrenmuster vom Tiroler Lawinenwarndienst auch auf der Internetseite angezeigt, sie präzisieren die jeweiligen Lawinenwarnstufen in bestimmten Regionen.

Neu im Tourenalltag sind auch elektronische Hilfen, doch ihr schnelles Handling vor Ort sollte man trainieren. SAAC etwa arbeitet aktuell an einer App, die genaue Karten mit Daten der Steilheit und der Hangexposition, der Lawinenwarnstufe und des Wetters verknüpft. In der Lawinenkunde habe sich über die Jahre sonst nicht so viel geändert, „aber es wird wieder mehr Wert auf Geländekunde gelegt“, sagt Kranebitter. Nicht zuletzt, weil man viel steileres Terrain als früher befährt. Dahingehend werden auch zunehmend Camps nachgefragt, die Fahrtechnik vermitteln.

Oft sind die Maßnahmen, die man in solchen Kursen übt, erstaunlich simpel. Warum man die Sonde erst nach der Ortung von Verschütteten aus dem Rucksack packen soll, zum Beispiel. „Wenn man sich vom Rucksack wieder wegdreht, verfehlt man das angepeilte Ziel oft um einen Meter. Dabei kann man die Sonde doch als Orientierungshilfe einsetzen.“

Auf einen Blick

Lawinenkurse:ÖAV mit „Risk'n' Fun“ (www.alpenverein.at/risk-fun) sowie in Ortsgruppen. SAAC mit kostenlosen Basiscamps, Schulkursen und mehrtägigen Camps (www.saac.at). Naturfreunde (www.naturfreunde.at).
Der Tiroler Lawinenwarndienst
arbeitet mit den zehn Gefahrenmustern, http://lawine.tirol.gv.at
Mehr zum Thema Schnee und Sicherheit: morgen auf der Reise- Seite 2 in der „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

  • Der Lawinenpieps allein reicht nicht

    Symbolbild / Bild: (c) APA BARBARA GINDL (BARBARA GINDL) Tourenlehrpfade und Suchfelder sollen jene Menschen, die abseits der Piste unterwegs sind, besser auf den Ernstfall einer Lawine vorbereiten. Denn immer noch unterschätzen zu viele Wintersportler die Gefahr.

Mehr aus dem Web

4 Kommentare

Lawinenvermeidung?

Na, dann ..., offenbar eine Angelegenheit von Kursen.

Re: Lawinenvermeidung?

Ist blöd ausgedrückt, gemeint ist das Auslösen von Lawinen, und das Vermeiden von Unfällen. Lawinen, wie damals in Galltür, da bedarf es Verbauung oder Schamanismus um zu vermeiden.

Re: Re: Ist blöd ausgedrückt, ...:

Deshalb hab'ich's ja auch "aufgegriffen".

Arg, was da in "unseren Zeitungen" an Defizit unserer Sprache verbreitet wird.

Menschenverstand

Tragisch genug, dass Jahr für Jahr immer noch zahlreiche Skifahrer und Tourengeher verunglücken, weil sie ihr Können überschätzen oder den besonderen Nervenkitzel suchen, indem sie abseits der präparierten Pisten unterwegs sind. Natürlich sind solche Kurse eine gute Sache, aber noch besser wäre es, seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten und gar nicht erst sich selbst und andere in Gefahr zu bringen!

Wetter

  • Aktuelle Werte von
    06:00
    Wien
    15°
    Steiermark
    15°
    Oberösterreich
    15°
    Tirol
    12°
    Salzburg
    12°
    Burgenland
    15°
    Kärnten
    15°
    Vorarlberg
    15°
    Niederösterreich
    12°

Jetzt Panorama-Newsletter abonnieren

Der tägliche Überblick mit den wichtigsten Meldungen zu den Themen Chronik, Wien und Umwelt. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

AnmeldenAnmelden