Investment für das grüne Gewissen

06.01.2013 | 18:38 |  GEORG RENNER (Die Presse)

Bürgerkraftwerke sind in Wien beliebt. Die Frage bei der Volksabstimmung im März, ob die Stadt weitere Solarkraftwerke finanzieren soll, wird daher wohl bejaht werden.

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Wien. Böse Zeitgenossen könnten ja vermuten, dass die rot-grüne Stadtregierung die vierte Frage, die die Bürger im März beantworten können, nur gestellt hat, um zumindest bei einer fix von einem positiven Ergebnis ausgehen zu können.

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„Soll die Stadt nach dem Beispiel der Bürger/innen-Solarkraftwerke weitere erneuerbare Energieprojekte entwickeln, die mit finanzieller Beteiligung der Bürger/innen realisiert werden?“, lautet die vierte Frage wörtlich – und die Wahrscheinlichkeit, dass die Befragten das ablehnen, geht gegen null; waren doch die angesprochenen „Bürgerkraftwerke“ – das erste von bisher vier Projekten startete im Februar 2012 – ausgesprochen beliebt bei den Wienern.

Beruhigung des Gewissens

Die Idee, ursprünglich aus Deutschland und mittlerweile – meist von Grün-Politikern importiert – bereits in mehreren österreichischen Bundesländern umgesetzt, ist eine bestechende Mischung aus Crowdfunding, günstiger Unternehmensfinanzierung und Beruhigung des schlechten ökologischen Gewissens mancher Städter.

Zunächst schreibt ein (öffentliches) Energieunternehmen – in Wien natürlich Wien Energie – die Errichtung eines Bürgerkraftwerks aus. Im Wiener Fall ist das erste ein Solarkraftwerk im Umfang von 2100 Paneelen gewesen, das seit Mai in Wien Donaustadt läuft und den Strombedarf von etwa 200Haushalten deckt. Interessierte Bürger können sich an der Investition beteiligen und eine halbe bis zehn Paneele finanzieren, indem sie dem Energieunternehmen Geld überweisen; im Wiener Fall 900 Euro pro Paneele. Dafür erhält der Investor Eigentum an der Solaranlage – die er aber im gleichen Vertrag wieder an das Energieunternehmen zurückvermietet – ein klassisches „Sale and lease back“-Geschäft also.

Für seine Investition bekommt der Bürger eine fixe Rendite ausbezahlt – in Wien waren das 3,1 Prozent jährlich –, und nach einer variablen Laufzeit zwischen fünf und 20 Jahren kauft das Energieunternehmen die Paneele wieder zum Einstiegspreis zurück (die Finanzmarktaufsicht hat diese Geschäfte übrigens schon geprüft und genehmigt).

Für Besserverdiener nicht attraktiv

Für das Energieunternehmen kommt das deutlich billiger als eine klassische Unternehmensanleihe – und auch für die Investoren kann es sich auszahlen: 3,1 Prozent Zinsen sind im derzeitigen Umfeld anderswo nicht so einfach zu lukrieren. Natürlich gibt es aber einen Haken: Während die jährliche Rendite zwar nicht der Kapitalertragsteuer unterliegt, ist sie sehr wohl einkommensteuerpflichtig. Abhängig vom sonstigen Einkommen des Investors kassiert der Fiskus daher bis zu fünfzig Prozent – womit die Anlage für Besserverdiener finanziell eher unattraktiv ist.

Wenn man aber nicht nur den Geldwert sieht, sondern auch den ideellen Wert, etwas für den Ausbau alternativer Energien getan zu haben, wird man unterm Strich wohl sagen können, dass das Modell der Bürgerkraftwerke kein schlechtes ist – gerade Städter haben ja eher selten die Gelegenheit, in ihrem Garten eine eigene Fotovoltaikanlage aufzustellen.

Und weil doch der latente Wunsch besteht, etwas für eine bessere Welt zu tun, ist das Angebot bei den Wienern sehr gut angekommen: Die ersten 2100 Paneele sind im Februar binnen 26Stunden verkauft gewesen – mittlerweile arbeiten zwei Bürgerkraftwerke in Donaustadt und Leopoldau; zwei weitere, eines nahe dem Zentralfriedhof und eines in Liesing, sind bereits fertig finanziert und sollen noch im heurigen Jahr in Betrieb gehen – wie auch eines jenseits der Stadtgrenze, das Wien Energie in Kooperation mit der Gemeinde Hagenbrunn errichtet.

Es dürften nicht die einzigen bleiben – wenn die Wiener im März nicht doch noch dagegen stimmen.

Wiener Volksbefragung
Im März wird in Wien die mittlerweile achte Volksbefragung abgehalten. Die Wiener werden zu den Themen Parkraumbewirtschaftung, Olympische Sommerspiele, Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen und Bürger-Solarkraftwerke um ihre Meinung gefragt.

>> Zur Übersicht der Fragen

Analsyen zu den Themen der Befragung:

- Parken
- Olympia
- Privatisierungen
- Bürgerkraftwerke

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2013)

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8 Kommentare

Solarkraftwerk in Wien

Also mehr Schwachsinn geht nicht mehr, echt nicht. Das rentiert sich NIE! Dann noch eher ein Sonnenkraftwerk.

die FINALE

5.Frage - wollen Sie über Steuern abstimmen,und Gebühren zahlen
oder
wollen Sie über Gebühren abstimmen,und Steuern zahlen?

Die Produktion einer Solarzelle benötigt mehr Energie, als diese über ihre Laufzeit aus Sonnenlicht umsetzen kann.

Öko = Religion.

Re: Die Produktion einer Solarzelle benötigt mehr Energie, als diese über ihre Laufzeit aus Sonnenlicht umsetzen kann.

Stimmt nicht (mehr)!!!

Re: Re: Die Produktion einer Solarzelle benötigt mehr Energie, als diese über ihre Laufzeit aus Sonnenlicht umsetzen kann.

Nachweis erbringen.

Re: Die Produktion einer Solarzelle benötigt mehr Energie, als diese über ihre Laufzeit aus Sonnenlicht umsetzen kann.

sie haben recht. man muss den rohstoff- und energieeinsatz über den gesamten lebenszyklus (lca) betrachten.

schon der rennomierte wirtschaftswissenschaftler kotler meinte, dass marken religionen ersetzt haben. und marken werden gerne mit positiven images aufgeladen. "grün" ist derzeit in und daher setzt die auf kurzfristigen verkauf abzielende werbeindustrie darauf. die unternehmen hängen sich ein grünes mäntelchen um, denn wenn sie nicht kommunizieren können, was man nicht tolles macht, dann tun sie es nicht. zwei bis drei marketing-maßnahmen reichen. ein gütesiegel wäre zu aufwändig, zu restriktiv, zu teuer…

eon zb wirbt mit solarkraft, wasserkraft und hat im strom-mix nicht ein mal 5% drin. oder der witz überhaupt: "grüne" suvs. die benötigen erst eine menge an rohstoffen und energie in der produktion und in der entsorgung/im recycling! man muss schon alles in relation setzen, solarzellen werden immer effizienter und die energie immer besser gespeichert, genutzt und verteilt. und man ist unabhängig, kann ev. sogar stromüberkapazitäten weiterverkaufen.

Sollen wir uns weiter grenzenlos ausnehmen lassen? Die Frage in Übersetzung.



Re: Sollen wir uns weiter grenzenlos ausnehmen lassen? Die Frage in Übersetzung.

Nein wir sollen nicht, aber es wird uns nicht's anderes übrigbleiben.
Veltliner und Retsina beim Maskenball: absolutistische Abgehobenheit im Kostüm der Basisdemokratie.
In Wien ist halt das ganze Jahr über Fasching, zumindest bis 2015.

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