Akte Kampusch: Bericht verzögert sich

27.01.2013 | 17:50 |  Von Manfred Seeh (Die Presse)

Die Überprüfung des Entführungsfalls „Kampusch“, an der auch das FBI beteiligt ist, gestaltet sich zäher als erwartet. Notizen des verstorbenen Chefermittlers Franz Kröll sorgen für Unruhe.

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Wien. Seit Oktober 2012 kämpft sich ein internationales Expertenteam durch den Entführungsfall „Kampusch“. Dabei wird die bisherige – keineswegs fehlerfreie – Arbeit der österreichischen Behörden analysiert. Für die Zukunft sollen effektivere Ermittlungsmethoden dargelegt werden. Doch der Abschluss der Prüfung verzögert sich erheblich.
Dieser war vom Innenministerium für Ende 2012 angekündigt worden. Mittlerweile ist vage von „Februar, März“ die Rede. „Unser ambitioniertes Zeitziel war nicht zu halten“, formuliert der Sprecher des Ressorts Karl-Heinz Grundböck elegant.

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„Skeptiker“ befassen BKA und FBI

Ein Grund für den Verzug könnte der unermüdliche – und von der Polizei mit Argusaugen verfolgte – Einsatz eines gewissen Karl Kröll sein. Er ist der Bruder des Mitte 2010 im Alter von 59 Jahren aus dem Leben geschiedenen Kampusch-Chefermittlers Franz Kröll. Und er bezweifelt nach wie vor die offizielle „Ein-Täter-Theorie“. Diese besagt, dass der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil allein für die Entführung und achteinhalbjährige Gefangenschaft von Natascha Kampusch (März 1998 bis August 2006) verantwortlich ist. Unmittelbar nachdem das Opfer aus dem Haus seines Entführers in Strasshof, Niederösterreich, geflohen war, stürzte sich Priklopil vor einen Zug.

Somit existiert nur eine Aussage zum Verlauf der Entführung, eben jene der nunmehr 24 Jahre alten Natascha Kampusch. Sie sprach bisher immer nur von einem Täter.

Doch wie bewertet das Expertenteam, das auf Wunsch des österreichischen Parlaments ans Werk gegangen ist, die Angaben jener Zeugin, die als Zwölfjährige die Entführung beobachtet und mehrmals gleichlautend ausgesagt hatte, zwei Männer im Entführungsfahrzeug (weißer Mercedes-Kastenwagen) gesehen zu haben.

Auf die Angaben dieser Zeugin, I. A., wird in einem Papier mit dem Titel „Offene Ermittlungsansätze“ hingewiesen. In dem – in gehobener Sprache abgefassten – Schreiben werden insgesamt acht Punkte aufgelistet. Die Angaben der Zeugin I. A. finden sich gleich in Punkt 1. In Umlauf gebracht wurde das Papier von „Skeptikern“ rund um Karl Kröll – von Personen, die sich ebenfalls mit der Ein-Täter-Version nicht abfinden wollen. Zu diesem Kreis sollen auch privat „aushelfende“ Polizeibeamte zählen.

Mittlerweile hat das Papier auch seinen Weg in die USA und nach Deutschland gefunden: Wie berichtet besteht jenes internationale Expertenteam, das derzeit die 270.000 Seiten umfassende Akte „Kampusch“ durchforstet, auch aus Beamten der US-Bundesermittlungsbehörde FBI (Federal Bureau of Investigation) und aus Beamten des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA). Der „Kreis der Skeptiker“ hat bereits dafür gesorgt, dass die Auflistung „offener Ermittlungsansätze“ sowohl direkt der US-Botschaft in Wien als auch (per Post) dem BKA zugeht. Man traue nämlich den österreichischen Behörden nicht, lässt Kröll wissen.

Der Fall Kampusch: Ein Entführungsfall, der nicht zur Ruhe kommt

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Als ein weiterer „offener Ermittlungsansatz“ (das entsprechende Papier liegt der „Presse“ vor) wird etwa auch die ergänzende Zeugenvernehmung eines Bundesheer-Milizoffiziers angeregt. Die Mobiltelefonnummer des Mannes hatte sich im Telefonspeicher des Priklopil-Vertrauten Ernst H. gefunden. Die beiden gaben bisher aber an, einander nicht zu kennen. Ganz andere Kontakte des Offiziers scheinen unzweifelhaft: Ein (der „Presse“ vorliegendes) Foto zeigt ihn mit einem hohen Wiener Polizeibeamten, der bei den Kampusch-Ermittlungen aktiv war.

Zudem existieren Aufzeichnungen des verstorbenen Chefermittlers, über die das Expertenteam (es untersteht einem siebenköpfigen, ebenso international besetzten Lenkungsausschuss) noch nicht verfügen dürfte. Dazu zählt ein ab September 2009 verfasstes Notizbuch mit handschriftlichen Einträgen (siehe Abbildung). Der Grazer Polizeioberst hielt den erwähnten Priklopil-Freund Ernst H. für verdächtig (Ermittlungen gegen diesen Mann sind, wie berichtet, vor Längerem eingestellt worden).

Die Tatsache, dass Priklopil kurz vor seinem Suizid mit H. stundenlang im Auto herumfuhr, kam Oberst Kröll seltsam vor. Er notierte, dass für Priklopil damals, als er nach der Flucht von Natascha Kampusch in selbstmörderischer Absicht durch Wien irrte, eigentlich „kein Grund“ bestanden habe, „den H. anzurufen“. Dennoch traf er sich mit diesem kurz vor seinem Tod. Warum? Musste er H. noch Anweisungen geben?

Aufschlussreiches Vermächtnis?

An anderer Stelle schrieb der Polizeioberst: „N. K. (Kampusch, Anm.) zu E. H. (Ernst H., Anm.) offensichtlich mehr Kontakt als zur eigenen Mutter!!“ Damit spielte Franz Kröll wohl auf die Tatsache an, dass das Opfer nach seiner Flucht viele, teils lange Telefonate mit Ernst H. führte.

Ob nun das Vermächtnis des toten Chefermittlers den Entführungsfall doch noch in ein neues Licht rückt, wird der Abschlussbericht des Expertenteams zeigen.

Auf einen Blick
Aus den Aufzeichnungen des verstorbenen früheren Chefermittlers Franz Kröll geht hervor, dass Kröll Priklopil-Freund Ernst H. klar für einen Verdächtigen hielt. Auch, weil H. und Natascha Kampusch intensiven Telefonkontakt hatten. Krölls Aufzeichnungen liegen der „Presse“ vor, das internationale Expertenteam dürfte darüber noch nicht verfügen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2013)

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    Die Flucht von Natascha Kampusch aus ihrer achteinhalb Jahre dauernden Gefangenschaft in einem Haus in Niederösterreich jährt sich im August zum sechsten Mal. Der Kriminalfall sorgt nach wie vor für Schlagzeilen.

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76 Kommentare
 
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Wer weiß, in welcheweitere rote Netzwerke

wir doch noch Einblick erhalten.

Bin sehr gespannt,

auf diesen Bericht und darüber, wie offensichtliche 'Widersprüche etc interpretiert werden.

wo war nochmals der prozess gg 200 ?

http://www.n-tv.de/panorama/Kinderpornoring-gesprengt-article60809.html

kann mich nicht erinnern, vlt. könnt mir jemand mit link aushelfen ?

Scheingefecht

und sonst ohnedies nichts, meine ich. Denn: "das FBI" besteht aus dem Juristen der amerik.Botschaft in Wien, der das FBI "vertritt", und das BKA (Wiesbaden) wußte gar nichts von einem Ermittlungsauftrag, beschäftigt sich auch nicht mit Cold Case Recherchen, und der BKA Chef - so las ich seinerzeit - würde bei Bedarf nach Wien zu Besprechungen fliegen.

Es "ermittelt" nicht das FBI (und braucht daher auch keine Übersetzungen von 270.000 Seiten), auch nicht das BKA, sondern lediglich unsere schon vorher jahrelang mit dem "Ermitteln" befaßt gewesenen beamteten "Experten" des BMJ und BMI - deren Namen jedem, der den Fall verfolgt hat, zur Genüge bekannt sind.

Die zahlreichen "Ermittlungsfehler" und nicht verfolgten Spuren und Hinweise sind hierzulande ohnedies bestens bekannt.

Übrigens - wenn an der ganzen Sache sowieso nichts Besonderes war und ist - wo kommen die gigantischen 270.000 Seiten her????
Grotesk.

die fpö ist sich für nichts zu schade

auch nicht die kampusch für ihre zwecke zu missbrauchen

das Elend...

das Elend anderer Leute für politisches Kleingeld zu missbrauchen ist VERWERFLICH.

Re: das Elend...

Nicht verstanden, es geht um die Justiz.

Die Antwort ist noch einfacher:

Keinen Interessiert jetzt noch der Kampusch Fall. Ja es ist tragisch jedoch interessiert es schulssentlch keinen mehr.

Und warum nicht??

Sagt Pilnacek:
"Er könne sich vorstellen, dass Unterlagen zu den Vermögensverhältnissen des Entführers Wolfgang Priklopil und dessen seinerzeitigen Freundes Ernst H. gemeint gewesen seien. Diese Unterlagen seien aber nicht Teil des Ermittlungsakts."
Und warum nicht?
Die Geldtransfers und auffälligen Summen beim Selbstgetöteten, seinem besten Freund, seiner Mutter und anderen Personen (für alle gilt die Unschuldsvermutung!) sind seit Jahr und Tag sehr wohl überprüfenswert!
Da wurden Häuser und Wohnungen ge- und verkauft, aber der WP hatte nicht einmal ein Girokonto! Da lacht ja jeder!
Warum weigert sich das Finanzministerium, Daten hiezu herauszurücken (Anfrage der FPÖ)?

filmstart

Die Antwort ist eigentlich sehr einfach.

Wenn der FBI/Wiesbaden-Kommission neben den oben urgierten Unterlagen auch die ersten Gesprächprotokolle nach der "Selbstbefreiung" der NK zur Verfügung stehen - das sind die mit der Polizistin und mit dem Arzt (Warum sollten die eigentlich nicht im Akt sein ? Und wenn wirklich nicht, wer ist dafür verantwortlich, dass die schleunigst zum Akt hinzukommen ?) -

dann finden die Kommissionsmitglieder dort zwei Passagen:

1. die Frage von NK wie lange man eine ehemalige Schwangerschaft nachweisen könne

und

2. die Antwort auf die Frage nach Mittätern: "Ich kenne keine Namen"

Wer hier - außer ÖstereicherInnen, die eine jahrelange Gehirnwäsche in dieser Causa hinter sich haben - auf die Idee kommt, es gäbe nichts mehr zu klären, hat IMHO die primitivsten Grundlagen der Lebenserfahrung nicht angewendet.

Aber auch wenn die Sache wieder abgewürgt wird, NK sorgt selbst dafür, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Bald ist ja Filmstart!

Vielleicht ist ja gerade die ihr oft vorgeworfene Medienpräsenz, der von ihr aufgebaute Selbstschutz gegen Erpressungen und Bedrohungen. Solange sie in den Medien immer wieder vorkommt, kann es den zufälligen Autounfall nicht so leicht geben.

Wer sich zum Fall umfassend informieren will, ist übrigens unter www.dieaufdecker.com gut aufgehoben. Da finden Sie bis hin zu den relevanten Grundbuchauszügen alles !

..übersetzen ins Englische, damit das FBI mit den Akten arbeiten kann.

Ich hau mich ab!

Bei den in hunderttausende gehenden Beamtenapparat brauchen wir fremde Hilfe zur Aufklärung von Beweismittelfälschung, Beweisunterdrückung.......??????????

Österreich ist wirklich eine verluderte, verseuchte Scheindemokratie.

Für diesen "Gesamtvorgang" möchte ich nach Abschluss die Kosten wissen!


Re: ..übersetzen ins Englische, damit das FBI mit den Akten arbeiten kann.

im gegenteil: das fbi wird gebraucht, um die aufklärung zu verhindern und einen persilschein zu bekommen.
genauso wie die (entführten und geschwärzten) liechtenstein akten vom grasser als die entscheidenden beweisstücke stilisiert wurden, nur um sich bald als völlig wertlos zu erweisen und damit den grasser endgültig reinzuwaschen.

Der Fisch beginnt....

...am Kopf zu stinken und daher braucht man sich nicht wundern dass man hier einen der größten Kinderschänder-Ring-Skandale in Wien und der gehobeneren Gesellschaftsschicht nicht aufdecken will, sondern vertuschen! Denn es sind ja ganz simple Fragen außer den hier vorgebrachten Fragen noch offen!
1. wo ist das Kind,
2.warum sollte sich Priklopil umbringen? Und ein vom Zug geräderter Toter schaut nicht so aus wie das Bild das es vom AUFFINDUNGSORT GIBT!

3.Wer sind die Männer wo N.K. bei der Polizistin sagte:" Sie kenne keine Namen!" usw....

www.gegensexuellegewalt.at

11

Klärt man eigentlich auch

einen Verkehrsunfall, indem alles, vom Papst bis zum FBI eingeschaltet, befragt und befasst wird ... außer dem beteiligten Lenker?

Das Einzige was mich an diesem Fall noch wundert

ist, dass man Ermittlungen durch das FBI überhaupt zugelassen hat.

In dieser Causa stinkt doch alles förmlich nach Vertuschung und unter den Teppich kehren, um mutmaßlich irgendwelche hohen Herrschaften zu decken. Da passt auch das Verschwinden dieses Vernehmungsprotokolls wie die Faust aufs Auge.

Re: Das Einzige was mich an diesem Fall noch wundert

Auch, daß es weder Kurier noch Standard für angezeigt halten, über diese Entwicklung zu berichten, gibt zu denken.

Erfreulich, daß Manfred Seeh wenigstens den dünnen Faden wieder aufgenommen hat. Die sicherlich sehr einflußreichen Beteiligten an diesem Fall werden sich m.E. demnächst bemühen, den Informationsfluß wieder abzudrehen.Man darf gespannt sein, und ich glaube nicht, daß "nur" die Wahlen ein Steuerungselement sind. Da gehts schon um persönliche Verwicklungen.


Jetzt wissen wir

womit sich das Parlament beschäftigt. Niemand interessieren die 270.000 Seiten - außer die Kosten für die Übersetzung.

Mhm

Warum wird eigentlich immer wieder betont, dass der (frühere?) Verdächtige Milizoffizier ist? Hauptberuf zu uninteressant?

Du meine Güte!

Vielleicht hat er ja keinen anderen Beruf?

SIe schwitzen gewaltig

die ROTEN Herren.....

Kommt nicht mehr viel anderes heraus. Dass die N.K. mit ihrem Freund Schi laufen, einkaufen war etc, ist schon bekannt, dass sie jederzeit weglaufen hätte können, auch etc. Schade, dass die N.K. viel für sich behält und sehr schade, dass Hr Priklopil nicht mehr lebe. Es gilt für alle(s) die Unschuldsvermutung.


alles normal...!?

na, welche hohen herrschaften da wohl wieder vertrickt sind... und erstaunlich dass auch in diesem fall einige leute (priklopil oder der zuständige kripo-beamte) so schnell "selbstmord" begingen... und die verfahren immer eingestellt werden.

komisch dass sowas in österreich immer wieder passiert... franz fuchs (ohne hände ARTISTISCH selbst erhängt), prikopil (vor den zug gesprungen), udo proksch (in zelle erhängt), jack unterweger (in zelle erhängt)...

komisch... dass bei jugendmißbrauch in kirche, gemeindeheimen und anderen politik- und staatsnahen unternehmen und institutionen nicht ermittelt wird....

komisch... dass es ein weisungsrecht gibt.

sehr komisch.

Re: alles normal...!?

Proksch hat sich nicht erhängt. Der hat seine Herzoperation im Landeskrankenhaus Graz nicht überlebt. Kurz vorher hat er noch dem Profil, ein von wegen baldiger Entlassung, hoffnungsfrohes Interview gegeben. Seine in Freiheit lustwandelnden Mittäter {davon hocken heute noch so manche im (...)}, hat er {aus Angst vor den Konsequenzen für seine Familie/Lütgendorf lässt grüßen} nie ans Messer geliefert. Ist kein Zynismus von mir: Er starb zur rechten Zeit... Denn nur ein totes Punschkrapferl redet nicht mehr.

Re: alles normal...!?

Nicht zu vergessen, der erstaunliche Selbstmord des hartnäckigen Kampusch-Ermittlers. Der sich als Rechtshänder in die linke Schläfe schoss!

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Re: Re: alles normal...!?

wobei am wundersamsten bleibt, dass die Presse dazu überhaupt Postings zulässt, aber in diesem Fall ist wohl Hopfen&Malz verloren und es bleibt nur das Kasperltheater - das leider den "Ring" schützt.

Es tut mir leid,.....

zugeben zu müssen die Dimenssion die dieses sicherlich schwere Verbrechen ausgelöst hat zu begreifen - in meinen fast 6lebensjahrzehnten hat es leider viele Verbrechen von denen die meisten gott sei Danke aufgeklärt wurde gegeben - wie aber aus einer offensichtlichen Enführung eines Kleinkindes ein solcher Staatsakt werden kann, ist für meinen das gebe ich offen zu durchschnittlichen Verstand nicht nachvollziehbar und ich warte auf ein fürchterliches Ungeheuer was da zu Tage kommt was bei mir ein großes Unbehagen auslöst.

 
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