Kinder- und Jugendgesundheit: „Situation vielfach alarmierend“

Österreich liegt bei der Kinder- und Jugendgesundheit weit abgeschlagen. Experten fordern ein Umdenken in Gesellschaft und Politik. Österreich benötige viel mehr Ressourcen für eine gesündere Entwicklung der Kinder.

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Symbolbild – (c) AP (MUHAMMED MUHEISEN)

Wien/KB. Österreich liegt bei der Kinder- und Jugendgesundheit im europäischen Vergleich nach wie vor weit abgeschlagen. „Die Zahlen sind alarmierend. Wir sorgen nicht gut genug für unsere Kinder. Es braucht deutlich mehr Bewusstseinsbildung, Aufklärungs- und Informationsarbeit“, forderte der Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, Klaus Vavrik, am Mittwoch bei der Präsentation ihres vierten Jahresberichts.

Zu den Fakten: Österreich hat Studien der OECD und Unicef zufolge die höchste Raucher- (27 Prozent) und Gewalterfahrungsrate (25 Prozent) Europas bei 15-Jährigen. In dieser Gruppe trinken 35 Prozent mindestens einmal wöchentlich Alkohol. 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an Übergewicht oder einer Essstörung. 17 Prozent haben eine ärztlich diagnostizierte chronische Erkrankung oder Behinderung. Mehr als 50 Prozent der 17-jährigen Mädchen nehmen regelmäßig Medikamente gegen Beschwerden.

„Das sind keine schicksalhaften Erkrankungen, sondern Folgen einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“, beklagt Vavrik. „Es braucht daher dringend ein generelles Umdenken.“ Einen besonderen Zynismus sieht der Kinderpsychiater darin, dass Kinder und Jugendliche nicht die Behandlung bekommen, die sie benötigen – denn obwohl sie 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, erhalten sie nur sechs Prozent der Gesundheitsleistungen.

Österreichweit müssen derzeit beispielsweise rund 80.000 Kinder und Jugendliche auf eine notwendige Therapie warten. „Zudem werden noch immer viele Krippen- und Kindergartenkinder von zu wenig oder minderqualifiziertem Personal betreut“, so Vavrik.

30 Prozent kennen Gewaltverbot

Obwohl Gewalt in der Familie in den vergangenen Jahren leicht abgenommen hat, geben immer noch 55 Prozent der 16- bis 20-Jährigen an, körperliche Gewalt in ihrer Kindheit und Jugend erlebt zu haben. Die Hälfte aller Eltern bekennt sich dazu, „leichte“ Formen der Gewalt („leichte Ohrfeige“) als Erziehungsmaßnahmen anzuwenden, 16 Prozent halten sogar „schwere“ Körperstrafen („den Po versohlen“) für in Ordnung. Nur 30 Prozent der Eltern ist das Gewaltverbot in der Erziehung überhaupt bekannt.

Vavrik: „98 Prozent der Kinder werden gesund geboren. Aber ein paar Jahre später, im Kindergartenalter, kommen die ersten Probleme, und sie werden schrittweise zu therapiebedürftigen Wesen.“

Über die reinen gesundheitspolitischen Fragen hinaus mangelt es den Experten zufolge vor allem an der Einstellung der Politik, Kindern eine gesundheitsförderliche Umwelt zu garantieren. „Österreich war das erste Land, das die Kinderrechte in seiner Bundesverfassung niedergeschrieben hat. Aber das tut der Republik nicht weh“, sagt Anton Schmid, Wiener Kinder- und Jugendanwalt.

Denn die gesellschaftliche Realität zeige oft andere Seiten. „Ein Beispiel: In Österreich ist Kinderlärm gleichgestellt mit jedem anderen Lärm (Baustellen, etc.). Erst zwei Bundesländer haben festgelegt, dass Lärm von Kinderbetreuungseinrichtungen nicht als Lärm gewertet werden darf (Oberösterreich, Burgenland, Anm.).“

Er selbst habe erst vor Kurzem in Wien die Delogierung einer Familie mit Kindern wegen einer angeblichen Lärmproblematik verhindern müssen. Ständig mehr Verbote zu erlassen sei der falsche Weg. Eine Gesellschaft, in der die Menschen künftig nur noch mit „Helm, feuerfester Kleidung und Saugnäpfen an den Füßen“ auf die Straße gehen dürften, fördere keineswegs den Umgang mit den Risken und Gefahren des Lebens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2013)

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