Naschmarkt: Exotisches Obst statt Einheitsbrei

Zu viele Touristen und zu viele Supermärkte: Die Standler sind mit der Entwicklung des Naschmarkts nicht zufrieden. Schulungen sollen nun neue Produkte auf den Markt bringen.

Naschmarkt Exotisches Obst statt
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Naschmarkt Exotisches Obst statt
Naschmarkt – (c) APA HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Keine Frage, für die Touristen ist der Naschmarkt ein Highlight in Wien. Sie zahlen keinen Eintritt, sie können Oliven und Falafel kosten, und es lässt sich an schönen Tagen angenehm über diesen flanieren.

Doch die, die den Markt eigentlich am Leben erhalten, die Standler, die sind mit seiner Entwicklung nicht sehr zufrieden. „In den vergangenen fünf Jahren ging es mit dem Markt ständig bergab“, sagt etwa ein Standler, der seinen Namen nicht nennen will. Ihn stört es, dass viele das Gleiche verkaufen. Von den Verkäufern wiederum, „wissen viele oft ja nicht mehr, was in den Produkten drinnen ist“, sagt er. Dazu käme die Konkurrenz durch Supermärkte, die in der Umgebung angesiedelt sind. „Wenn wir im Großmarkt schon zwei Euro für einen Salat zahlen, und im Supermarkt wird er um 1,20Euro verkauft. Na, wo gehen die Leute dann hin?“

Auch Regina V., die einen griechischen Feinkostladen am Naschmarkt betreibt, hat zu kämpfen. Sie hat ein Problem mit den Horden von Touristen, die ab dem Frühjahr und gerade freitags und samstags den Markt bevölkern und die Stammkunden verdrängen. „Wir hören das immer wieder. Die Stammkundschaft kommt nicht mehr so oft, weil zu viele Touristen da sind“, sagt Regina V. Von den Touristen selbst kann sie allerdings nicht leben. „Maximal ein Scheibchen fürs Brötchen wollen sie“, und wie zur Bestätigung kommen zwei Russinnen herein, schauen sich die Vitrine an, flüstern einander etwas zu und verlassen wieder das kleine Geschäft. Ohne etwas zu kaufen.

Die IG Naschmarkt, ein Verein, für den sich einige Standler zusammengeschlossen haben, ist sich dieses Problems bereits länger bewusst. „Es ist natürlich schon so, dass vor allem die Gastronomie einen Nutzen von den Touristen hat“, sagt Angelika Herburger, Schriftführerin des Vereins. Gemeinsam mit Akan Keskin, der die IGNaschmarkt mitgegründet hat und mittlerweile Obmann des Vereins zur Förderung des Marktgewerbes ist, sollen die Standler nun unterstützt werden. Ende Februar findet zum ersten Mal der Kurs „Neue Trends auf dem Markt“ statt, in dem Standler aller Wiener Märkte lernen sollen, mit der geänderten Marktsituation umzugehen. Der Kurs behandelt daher neue Produkte und Verkaufsstrategien, außerdem sollen die Standler mit lokalen Produzenten zusammengebracht werden. „Wenn sie sich umschauen, gibt es tatsächlich viele Supermärkte in der Umgebung. Und mit denen ist es schwierig mitzuhalten“, sagt Keskin, der selbst lange Zeit einen Gemüsestand besessen hat und dem nun zum Teil das Orient Occident gehört. Keskin ist außerdem Obmannstellvertreter der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer.

Probleme hausgemacht.
Für ihn sind die Probleme der Standler auch hausgemacht: „Geschäfte können nicht mehr wie vor 50 Jahren geführt werden. Ich kann nicht mit dem Hofer um Essiggurkerl konkurrieren.“ Will ein Standler auf Dauer überleben, müsse er sich auf ungewöhnliche Produkte spezialisieren: exotische Obstsorten, neue Schokoladensorten, Dinge, die man im Supermarkt nicht erhält. Herburger findet, dass schon jetzt viele solcher Produkte auf dem Markt angeboten werden. „Nur die sind oft nicht angeschrieben“, sagt sie. Ein Grundsatzproblem, findet Keskin. „Derzeit sind viele Standler auf Schnellverkaufsverfahren spezialisiert. Dabei sollten die Leute wieder mehr übers Produkt erfahren.“

Dass manche Kellner auf dem Naschmarkt den Kunden mit der Speisekarte nachlaufen, findet er übrigens auch nicht in Ordnung. Nur die Touristenmengen will er nicht kritisieren, wohl, weil er selbst geholfen hat, diese auf den Markt zu bringen. „Damals hat es eine Unterschriftenaktion gegeben, weil es keine Postkarten vom Markt gegeben hat. Jetzt dürfte sich die Meinung geändert haben“, sagt er. Das findet auch Mario Berber, seit 13 Jahren Besitzer eines Obst- und Gemüsestandes auf dem Naschmarkt, und von jeher ein großer Kritiker – allerdings der Gastronomieszene auf dem Markt. „Uns kaufen die Touristen maximal ein halbes Kilo Äpfel ab“, sagt er. Dabei hätte der Mann mit den dunklen Locken einige Ideen: „Das Konzept gehört grundsätzlich überarbeitet.“

„Der Markt muss wieder Nahversorger werden“, sagt er. Berber schlägt deswegen längere Öffnungszeiten unter der Woche vor, außerdem sollte der Markt am Sonntag geöffnet haben. Weiters könnte er sich einmal die Woche eine „Lange Nacht der Wiener Märkte“ sowie Kunstprojekte vorstellen, die Leute auf den Markt holen sollen.

Supermärkte lieben Märkte.
Er selbst versucht sich abseits des Gemüseverkaufs von der Masse abzuheben. So hat er seltene Biersorten im Angebot, Kracherl aus Österreich, Cola aus dem Marchfeld und für alle, die nachfragen, eine ziemlich klare Vision: „Einkaufen muss wieder eine Freizeitbeschäftigung werden.“ Etwas, das Spaß mache, und dem sich die Leute gern widmen.

Denn in seiner unmittelbaren Nähe, sagt er, habe er elf bis zwölf Supermärkte gezählt, die er als direkte Konkurrenten sieht. Was kein Zufall ist: „Der Naschmarkt hat 60.000 Besucher pro Woche. An solchen Plätzen siedeln sich die Supermarktbesitzer natürlich sehr gern an. Nur das können wir nicht ändern“, sagt Marktamtssprecher Alexander Hengl. Von den Problemen mit den Touristen will Hengl dafür noch nie etwas gehört haben – auch mit dem Wunsch nach längeren Öffnungszeiten unter der Woche sei niemand an ihn herangetreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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