Ambulanzen: Am liebsten abends ins Spital

Abends und vormittags sind im AKH und im Donauspital die Wartesäle voll. Nicht alle Patienten sind echte Notfälle – aber viele glauben, hier besser behandelt zu werden als beim niedergelassenen Arzt.

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Wien. Wochentags, kurz nach 19Uhr, während die Hauptstadt schön langsam zur Ruhe kommt, nimmt die Notfallambulanz im Wiener AKH ihren Betrieb erst so richtig auf. Alle fünf Minuten kommen neue Patienten herein. Die 30 Sitzplätze beim Eingang sind immer mindestens zur Hälfte belegt.

Zwei Frauen, eine jung, die ältere offensichtlich krank, warten auf das Ergebnis der Untersuchung. „Sie steht völlig neben sich. Bluthochdruck und so“, sagt die Jüngere. Sie ist verärgert: „Der Arzt hat doch echt gefragt, warum wir nicht zum Hausarzt gegangen sind. Es geht ihr schlecht, das müsste genügen“, sagt sie erbost und wirft einen Blick auf die Menschen vor ihr: „Aber da sind sicher einige dabei, die zum Hausarzt hätten gehen können.“ Tatsächlich sehen die wenigsten Besucher in der Ambulanz richtig krank aus. Ein Frau steht mit ihrem Mann vor dem Schalter. Sie ist gut geschminkt, trägt hochhackige Schuhe, sie wirkt, als käme sie direkt von der Arbeit. Ist sie hier fehl am Platz?

 

„Wehwehchen“

Es ist eine alte Debatte, die Ärztevertreter in den vergangenen Tagen haben aufleben lassen. Die Ambulanzen seien überfüllt, weil zu viele Menschen sie wegen „Wehwehchen“ aufsuchen, monierte Harald Mayer, Vizechef der Österreichischen Ärztekammer – und schlug als Rezept dagegen Ambulanzgebühren vor. Zwar kam postwendend ein Nein von Gesundheitsminister Alois Stöger und der Wiener Ärztekammer. Doch Mayers Kritik an den Zuständen fand durchaus Beifall. Bis zu 50Prozent der Ambulanzpatienten, schätzen die ärztlichen Leiter diverser Spitäler, könnten gut im niedergelassenen Bereich behandelt werden.

„Ich bin Ärztin, mich stört das überhaupt nicht, wenn die Leute wegen Kleinigkeiten zu uns kommen“, sagt Margot Löbl, Assistentin des Ärztlichen Direktors im Donauspital und selbst auf der Kinderambulanz tätig. Andererseits: Je mehr Menschen kommen, desto weniger Zeit habe sie für die einzelnen Patienten. Bis zu 200 Kinder werden in der 24-Stunden-Kinderambulanz hier betreut.

Auch gegen 13 Uhr ist die Ambulanz gut besucht. Da ist der 16-Jährige mit Brustschmerzen, die Mutter mit dem kranken Baby, der Vater, dessen Sohn über Kopfschmerzen klagt. Hätte nicht wenigstens er zum Kinderarzt fahren sollen? „Was soll ich dort, wenn der Bub Kopfschmerzen hat. Der hat ja keine Maschinen zum Untersuchen, der hätte mich sowieso hergeschickt“, sagt der Vater. Zuletzt ist er in der Nacht wegen eines Magen-Darm-Infekts gekommen. Weil der Kinderarzt nicht offen hatte. Die Wartezeiten von bis zu drei Stunden nimmt er gerne in Kauf.

Patienten wie diese gibt es im Donauspital jeden Tag. Meist liegt es an nicht ausreichenden Öffnungszeiten im niedergelassenen Bereich, dem wochenlangen Warten auf Termine und der fehlenden Infrastruktur – darum gehen die Menschen lieber ins Spital. „Man muss das verstehen“, sagt Ärztin Löbl. „Die Leute haben Schmerzen, die haben Angst, dann ist sicher auch noch ein Bekannter an ähnlichen Symptomen gestorben – und schon fahren sie ins Krankenhaus, weil es da Fachärzte und die richtigen medizinische Geräte für weitere Untersuchungen gibt.“

 

Tagsüber vergisst man

Die meisten Menschen kommen abends und am Wochenende. „Sie können sich sicher sein, wenn die Ski-WM am Abend vorbei ist, kommen die Leute zu uns“, sagt Löbl und grinst. Sie findet das nur logisch. Untertags vergessen viele die Schmerzen – und abends hätte kein Arzt mehr offen. „Außerdem leben wir in einer Zeit, in der wir gewohnt sind, alles sofort zu bekommen.“

So wie der 16-Jährige mit Brustschmerzen, der wohl beim Hausarzt auch gut aufgehoben gewesen wäre. „Aber der hätte erst um halb zwei Uhr aufgemacht“, sagt er. Jetzt ist es kurz nach ein Uhr, er sitzt seit fünf Stunden hier und ist noch immer nicht fertig. Und dann gibt es noch die Fälle, in denen jemand gar nicht schnell genug in der Ambulanz sein kann. Im AKH wurden die Frau mit den Einkaufstaschen und ihr Ehemann von den Ärzten gescholten, weil sie zu Fuß ins Krankenhaus gekommen sind. „Wir hätten die Rettung rufen sollen“, erzählt sie. Bei ihrem Mann, sagt sie, bestehe der Verdacht auf einen Herzinfarkt.

Auf einen Blick

Ambulanzgebühr. Weil die heimischen Ambulanzen überlaufen sind, fordert die Österreichische Ärztekammer Ambulanzgebühren. Eine politische Absage gibt es schon. Dennoch ist das Problem unbestritten: Anstatt zum Haus- oder Facharzt zu gehen, gehen viele lieber gleich ins Spital.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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