Niederösterreich: Spitalsärzte klagen an

Die Debatte um den Sinn von Kleinstspitälern führen meist Politiker. Nun erzählen Ärzte aus Niederösterreich, woran es ihrer Meinung nach krankt.

Spitalsaerzte klagen
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Spitalsaerzte klagen
(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Patienten, die so lange von einem spärlich besetzen Kleinstspital zum nächsten fahren, bis sie verbluten. Turnusärzte, die wegen Personalmangels zu Tätigkeiten herangezogen werden, für die sie gar nicht ausgebildet sind. Politgünstlinge, die unter dem Schutz der Regierenden trotz des gegenteiligen Wunsches des Spitalsträgers vereinzelt hochkomplexe Operationen machen, die nach modernen Standards nur in einer großen Zentralklinik zeitgemäß durchzuführen sind.

Dieses Stakkato klingt drastisch, ist aber Realität. So sieht der Alltag vieler Spitalsärzte in Österreich aus. Meist erfahren Steuerzahler und Patienten davon nichts. Alle Spitalsträger der Bundesländer haben mit Erlässen und Weisungen ihr Personal zur Verschwiegenheit gegenüber Medien – und damit der Öffentlichkeit – verpflichtet. Wer Probleme trotzdem außerhalb des OPs anspricht, wird entlassen. Mehrere Mediziner aus Niederösterreich schilderten in ausführlichen Interviews mit der „Presse am Sonntag“ ihre ganz persönliche Sicht der Dinge. Einendes Motiv: Wenn niemand etwas sagt, wird sich nichts ändern. Alle drei sind Mitarbeiter der niederösterreichischen Landeskliniken-Holding. Um ihre Identitäten zu schützen, wird im Text auf Details verzichtet, die sie identifizieren könnten. Niederösterreich steht dabei nur exemplarisch für andere Bundesländer. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Kleinstspitälern, die mit wenig Personal viel Service bieten sollen, stellt sich auch andernorts.

„Das Grundproblem, auf dem fast alles aufbaut, ist der politische Wille zur Erhaltung von Standorten um jeden Preis“, sagt Chirurgin O., die in ihrem Spital in der Hierarchie weit oben steht. Normalerweise brauche es sechs Ärzte, um in einem Fach ein 24-Stunden-Angebot bieten zu können. Abteilungen kleiner Häuser müssten jedoch nicht selten mit drei bis vier Spezialisten auskommen. „Obwohl die Politik den Patienten Vollversorgung verspricht, und diese sich darauf verlassen.“ Die Konsequenz: „Abteilungsleiter bekommen Sonderverträge, fallen so aus dem Arbeitszeitgesetz und bilden mit theoretisch unbegrenzt vielen Arbeitsstunden die letzte Personalreserve.“

Die Verantwortlichen dafür sieht O. weniger bei der Führung der Kliniken-Holding. Und schon gar nicht bei den Ärzten vor Ort. Schuld sei die politisch verordnete kleinteilige Struktur, die viele Standorte unattraktiv für Mediziner mache.

Ärzte dringend gesucht. Recherchen in der Personalabteilung des niederösterreichischen Spitalskonzerns ergaben starke Indizien für dieses Argument. Nur 3400 der 20.000 Mitarbeiter sind Ärzte. Personal für Pflege, Verwaltung und Wirtschaft ist derzeit kaum gefragt. Nur elf Stellen sind in diesen Bereichen momentan (Stichtag Freitag) zu besetzen. Als Mediziner hat man bessere Chancen. Es besteht Bedarf für 31 Ärzte. Der Nachteil: Fast alle Interessenten müssten ihre Lebens- und Dienstorte in unattraktive Randlagen verlegen. Das schreckt nicht nur Spezialisten, sondern auch Turnusärzte ab, die lieber lange Wartezeiten auf sich nehmen.

In Waidhofen an der Thaya waren zuletzt 13 von 17 Turnusplätzen unbesetzt. Turnusarzt R. haben die Bedingungen in einem anderen Kleinstspital nicht davon abgehalten, dorthin zu gehen. Das Klima, erzählt er, sei gut, die ausbildenden Ärzte bemüht. Die angespannte Personalsituation und die systemisch bedingten Schwächen seines kleinen Standortes würden jedoch für Situationen sorgen, die so nicht sein dürften. Dann etwa, wenn Turnusärzte sogenannte Pooling-Dienste machen, und dabei nachts gleich für zwei unterschiedliche Fächer und Stationen zuständig sind. „Es gab einen Vorfall, bei dem ein Auszubildender sowohl Gynäkologie als auch Innere Medizin betreuen musste, seinen Turnus aber erst im letztgenannten Fach gemacht hatte. Nachts brauchte der diensthabende Oberarzt bei einem Notkaiserschnitt auf der Gynäkologie Hilfe. Der zuständige Helfer ohne Vorkenntnisse war ich, der Oberarzt entsetzt. Irgendwie hat es dann doch geklappt.“

Irgendwie klappt es fast immer. Wer Ärzten zuhört, erfährt, wie sehr die Aufrechterhaltung des Systems inzwischen vom persönlichen Engagement abhängt. Kleinräumige Strukturen sorgen zwar in weiten Teilen der Bevölkerung für – manche sagen trügerische – Sicherheit. Tatsächlich verschwendet das Ressourcen. Der Neubau des Doppelstandorts Baden/Mödling kostet laut einem Bericht des Rechnungshofs 34 Millionen Euro mehr als ein gemeinsamer Standort. Die jährlichen Mehrkosten für den Betrieb werden mit 4,6 Millionen Euro angenommen.

Und das Land Niederösterreich? Das verbat sich die Kritik aus Wien. Landesrat (Wolfgang Sobotka) und Landeshauptmann (Erwin Pröll) sprachen von „absurder Kritik“ und „offensichtlich zu wenig qualifizierten“ Prüfern. Dabei sind die Kennzahlen zu den Kosten des (nieder)österreichischen Spitalwesens ernüchternd. 413 Euro täglich kostete 2002 im Bundesschnitt ein belegtes Krankenhausbett. 2011 waren es 655 Euro, ein Zuwachs von 58,6 Prozent. In Niederösterreich stiegen die Kosten im gleichen Zeitraum um 71,4 Prozent von 374 auf 641 Euro. In Wien, das insbesondere im AKH teure Spitzenleistungen für ganz Österreich anbietet, fiel der Zuwachs mit 52,4 Prozent (777 Euro) geradezu moderat aus.

Bei den Kosten für stationäre Aufenthalte ist es ähnlich. Während sich diese im Bundesschnitt zwischen 2002 und 2011 um 33,9 Prozent verteuerten (Wien: 34 Prozent), waren es in Niederösterreich 51,1 Prozent. Mit einem Endbetrag von 3582 Euro pro Aufenthalt ist – sieht man von Wien (4312) mit seinen medizinischen Sonderleistungen ab – nur Kärnten ineffizienter (3647 Euro).

Verblutet in St. Pölten. Und trotzdem, erinnert sich Assistenzarzt S., sei man von Vollversorgung weit entfernt. Er schildert einen Fall, bei dem keinem der Beteiligten ein Fehler vorzuwerfen sei, eine unglückliche Konstellation jedoch dazu führte, dass ein Patient verstarb. Es geschah in der Nähe von Wien.

„Der Patient war vormittags mit dem Fahrrad gestürzt, kam mit Bauchschmerzen ins Spital. Man gab ihm Schmerzmittel, schickte ihn heim. Am frühen Abend kam er wieder, die Schmerzen waren schlimmer geworden. Die Ärzte entschieden, eine Computertomografie im nächstgelegenen Spital mit CT zu machen. Die Wartezeit auf den Krankentransport betrug eine Stunde. Nach einer weiteren halben Stunde Fahrzeit traf der Patient ein. Das CT ergab einen Milzriss, der sofort operiert werden musste. Das war um 22 Uhr. Der einzige Chirurg, der dafür in Frage kam und noch da war, war beschäftigt, stand im OP. Der Notarztwagen für den Weitertransport war nicht verfügbar, also bemühten sich die Ärzte um den Helikopter. Weil nachts jedoch nur jener aus Wr. Neustadt fliegt, und dieser eine längere Vorlaufzeit als tagsüber hat, brauchte es wieder eine Stunde, bis der Betroffene überstellt werden konnte. Er verblutete in St. Pölten.“

S. ist davon überzeugt, dass kleine Spitäler Versorgungssicherheit vorgaukeln, die es nicht gibt. Aus seiner Geschichte zieht er folgenden Schluss: „Wäre der Verstorbene gezwungen gewesen, gleich in eine größere Klinik zu fahren, hätte er überlebt.“

Eine Einschätzung, die der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer losgelöst vom konkreten Fall und in Hinblick auf die Qualität noch untermauert. Die Halbwertszeit von medizinischem Wissen betrage heute gerade einmal fünf Jahre. Kleine Standorte, sagt er, seien mit allen Kräften damit beschäftigt, den Betrieb zu erhalten. „In so einer Situation auch noch auf dem neuesten Stand zu bleiben, ist für die Ärzte vor Ort einfach unmöglich.“

Dabei hat die Kritik der Ärzte nichts mit dem politischen Standesdünkel der Kammer zu tun. Meist, sagt Anästhesistin Ü., seien durchaus genügend Planstellen vorhanden. „Das Problem entsteht, wenn die Politik mitbestimmt, wer welchen Posten bekommt.“

Tatsächlich darf die Kliniken-Holding nur Stellen innerhalb ihres eigenen Wirkungsbereiches verschieben. Schaffen kann sie nur die Landesamtsdirektion. Eine Struktur, die aus machtpolitischen Überlegungen entstand und nicht einmal im straff organisierten Wien so üblich ist. Die Landesamtsdirektion untersteht nämlich dem Landeshauptmann, der sich damit direkten Einfluss auf ein wichtiges Ressort sichert.

„Die Presse am Sonntag“ bat die Kliniken-Holding in Form von zwölf Fragen um eine Stellungnahme zu den Äußerungen ihrer Mitarbeiter. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, die zentral aus fünf und in den Regionen aus weiteren 22 Pressekoordinatoren besteht, teilte mit, aufgrund des hohen Rechercheaufwands innerhalb des erbetenen Zeitraums von einem Tag keine Antwort geben zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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