Studie: Radikaler Facebook-Islam

Antisemitisch, extrem konservativ: Die Internet-Aktivitäten der jungen Türken der Gruppe „Millî Görüş“ machen Experten Sorgen.

Radikal Facebook Islam
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Radikal Facebook Islam – (C) Screenshot

. . Der moderne Kleidungsstil wird auf diesen Facebook-Seiten nicht gerne gesehen. Modern heißt: Die Mädchen und Frauen tragen zwar Kopftuch, aber sind sonst eben modern gekleidet – mit Hose oder gar kurzem Rock. Regelmäßig wird auf den Seiten der österreichischen Jugendorganisationen von Millî Görüş – laut dem Politologen Thomas Schmidinger das bedeutendste Netzwerk des Politischen Islam türkischer Herkunft in Österreich – gewarnt, dass sich Frauen und Mädchen „richtig“ bedecken sollen.

Dass die Bekleidungsvorschriften derart wichtig für die Jugendlichen sind, sei für ihn durchaus überraschend gewesen, sagt Schmidinger. In seiner neuen Untersuchung „Integration und Politischer Islam“ geht der Politologe der Frage nach, inwieweit Organisationen des Politischen Islam die Integration von Muslimen in Österreich beeinflussen. Dazu hat Schmidinger die Internet-Aktivitäten mehrerer politisch aktiver Gruppen beobachtet, wobei Millî Görüş die größte Gruppe darstellt. Auf den Facebook-Seiten der verschiedenen (lokalen) Millî-Görüş-Organisationen steht neben der Bekleidungsfrage die Solidarität mit den Palästinensern im Vordergrund. Diese gehe so weit, dass einige Postings „unbestreitbar die Grenze zum offenen Antisemitismus“ überschreiten, wie es in der Untersuchung heißt. Auch Sympathiebekundungen und „diffuse Bezugnahmen“ auf den Jihad würden auftauchen, wobei diese meist vage bleiben würden. Antisemitische und antiwestliche Postings sowie die Abwertung der unbedeckten Frau seien demnach die wesentlichsten Integrationshindernisse, schlussfolgert Schmidinger. Letztere könne zu Konflikten mit unbedeckten Frauen (wie zum Beispiel Lehrerinnen) führen.

 

Umstrittene Ausrichtung

Millî Görüş (deutsch: „Nationale Sicht“) tritt in Österreich unter dem Namen „Österreichische Islamische Föderation“ auf und hat laut eigenen Angaben 20.000 Mitglieder. Die Organisation wurde vom türkischen Ex-Premierminister Necmettin Erbakan (1926 bis 2011) gegründet, der einen islamischen Staat propagierte. Zwar hat sich die österreichische Niederlassung von Millî Görüş vom aggressiven Antisemitismus der 1980er-Jahre verabschiedet, aber man müsse sich die Frage stellen, inwieweit das auch auf die Aktivisten zutreffe, sagt Schmidinger. Auf den Facebook-Seiten ist jedenfalls ersichtlich, dass weiterhin eine (ideologische) Verbindung zu Erbakan besteht, die heutige Ausrichtung der Organisation ist unter Experten umstritten. Aus den Reihen der Organisation kommen jedenfalls prominente öffentliche Vertreter des Islam, etwa Fuat Sanaç der aktuelle Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Millî Görüş gilt jedenfalls als bestorganisierte islamische Organisation im westlichen Europa. Im deutschen Verfassungsschutz wird sie als „die größte islamistische Organisation in Deutschland“ bezeichnet – im österreichischen wird sie nicht einmal erwähnt. Aus dem Innenministerium heißt es aber, dass man sich mit ihr befasse. Schmidinger konfrontierte die Funktionäre der Organisation mit seinen Ergebnissen, deren Reaktion: man wolle das Thema nicht ignorieren. Wie antisemitisch türkischstämmige Jugendliche in Österreich tatsächlich sind, weiß man nicht. Es fehlen aktuelle Studien, so Schmidinger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2013)

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