Der lange Winter in Wien und seine Folgen

Die Ernte verzögert sich, die Gärtner bleiben auf ihren Frühlingspflanzen sitzen, niemand will Sommerkleidung kaufen und die Schanigärten sind seit Wochen verwaist: Welche Branchen den Frühling besonders herbeisehnen.

Schnee in Wien
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Schnee in Wien
lange Winter Wien – APA/HANS PUNZ

Wenn es heute, Mittwoch, wie prognostiziert wieder schneit, ist der Winterdienst der MA 48 wieder (oder eher: noch immer) im Volleinsatz. 1400 Mitarbeiter, 362 Fahrzeuge und bis zu 400 zusätzliche Schneearbeiter werden Wiens Straßen räumen, äußerst ungewöhnlich für einen Tag im April. Wie teuer der verlängerte Winterdienst kommt, wisse man noch nicht.

Auf die Heizkosten dürfte sich der lange Winter nur minimal auswirken. Insgesamt war es wegen der niedrigen Märztemperaturen zwar etwas kälter als im langjährigen Schnitt, „aber die wärmeren Monate November, Jänner und Februar gleichen das aus, unter dem Strich war der diesjährige Winter nicht außergewöhnlich kalt“, sagt Wien-Energie-Sprecher Boris Kaspar. „Wir rechnen damit, dass die Heizkosten heuer um rund ein Prozent höher ausfallen werden als im Vorjahr. In einem durchschnittlichen Wiener Haushalt entspricht das sieben bis acht Euro.“ Das gelte für Fernwärme- ebenso wie für Gaskunden.

>> Wintereinbruch folgt Wintereinbruch

Deutlich größere Sorgen bereitet der nicht enden wollende Winter der Textilbranche. „Der Verkauf von Frühlingskleidung läuft schleppend, das hat sich schon im Februar abgezeichnet“, sagt Helmut Schramm, stellvertretender Obmann der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Wien. „Obwohl es zum März noch keine Zahlen gibt, können wir schon sagen, dass es ein schwacher Monat war – und zwar in allen vier Bereichen: Bekleidung, Schuhe, Leder und Sport.“ Dabei hätten weniger die niedrigen Temperaturen an sich direkten Einfluss, sondern vielmehr die Stimmung, die das winterliche Wetter auslöse. „Wenn ich nicht gut drauf bin, dann gehe ich auch nicht gern einkaufen“, erklärt Schramm. „Außerdem kaufen die Leute vor allem dann neue Bekleidung, wenn sie sie sofort anziehen können.“ Jetzt hoffe die Branche auf einen besseren April. Von einem Aufbrechen der Preisfront sei dennoch nicht auszugehen, denn: „Was die Händler im März nicht verkauft haben, müssen sie im April nicht nachbestellen.“

Ob des kühlen Wetters bleiben auch Wiens Schanigärten seit der Eröffnung Mitte März verwaist. Zudem würden, sagt Gastronomie-Obmann Willy Turecek, die Gäste bei Schnee generell daheim bleiben. Viele Gastronomen haben also nicht nur mit leeren Gastgärten, sondern auch mit Umsatzeinbußen im Lokal zu kämpfen. „Wir wollen aber keine schlechte Stimmung machen“, sagt Turecek. Der Rückstand durch den schlechten Saisonbeginn sei noch aufholbar.

Umsatzeinbußen verzeichnet auch die Landwirtschaft. Normalerweise steht rund um Ostern die erste Ernte (Gurken, Salat, Radieschen) an, „weil uns einfach das Sonnenlicht fehlt, sind wir zwei bis drei Wochen im Rückstand“, so Leopold Waclawek, Vizepräsident der Wiener Landwirtschaftskammer. Die erste Ernte sei gering ausgefallen, man könne den Handel nicht voll beliefern, dieser würde auf Ware aus dem Ausland zurückgreifen. Die Gärtner wiederum fallen seit Wochen um das Frühjahrsgeschäft um und bleiben auf den Frühlingsboten wie Primeln und Stiefmütterchen sitzen. „Hier werden die finanziellen Einbußen hoch sein.“

Keine negativen Folgen hat der lange Winter für den Weinbau, sagt Josef Glatt vom Österreichischen Weinbauverband. „Die Reben sind noch in Winterruhe, denen macht das nichts.“ Im Gegenteil: Durch den nassen Winter hat der Boden genug Feuchtigkeit bekommen und wird so die Reben bis in den Sommer versorgen können. Da der Wein wetterbedingt heuer später austreiben wird, dürfte auch später geerntet werden. Auf die Qualität des Weins wirke sich das nicht aus.

Stark wetterabhängig und entsprechend stark betroffen ist die Bauwirtschaft. Wenig überraschend ist die Branche heuer besonders von Arbeitslosigkeit betroffen: Laut aktuellen Arbeitslosenzahlen waren im März österreichweit 44.520 Bauarbeiter ohne Job – fast 10.000 mehr als im März 2012.

Unter den winterlichen Temperaturen haben auch die Wiener Bäder zu leiden – obwohl die Saison erst am 2.Mai beginnt. Seit gestern, Dienstag, stehen 500 Mitarbeiter für Sanierung und Instandsetzung der Bäder bereit. Eigentlich. Denn mit dem Großteil der Arbeiten konnte nicht begonnen werden, sagt Sprecher Martin Kotinsky. „Die Leitungen in den Bädern sind nicht winterfest, wir können also nicht einmal das Wasser aufdrehen.“ Bleibt es nächste Woche auch noch kalt, „werden wir nur mit vielen Überstunden bis zum Badestart fertig werden“.

Auch viele Tierarten sind durch die Kälte bedroht. Der Verein Pfotenhilfe ruft dazu auf, die Singvögel zu füttern. Viele Jungtiere, etwa bei Hasen und Wildschweinen, dürften die Kälte nicht überlebt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2013)

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