Österreichs Herointherapie gescheitert

Seit 2002 verdreifachte sich die Zahl der Patienten in Therapie, jene der Drogentoten stieg trotzdem. Deutschland hingegen konnte die Opferzahlen um ein Drittel reduzieren. Expertin kritisiert Verschreibepraxis.

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Johanna Mikl-Leitner – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Darf man Ärzte dafür kritisieren, dass sie Heroinsüchtigen Medikamente verschreiben, die auf dem Schwarzmarkt landen? Ja, sagt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Nein, sagen Funktionäre der Ärztekammer und Suchtexperten. Sie wiesen am Mittwoch Kritik zurück, dass bei der Therapie von Suchtkranken mit Ersatzdrogen in Österreich vieles im Argen liege.

Ein Vergleich mit Deutschland zeigt aber, dass einiges besser ginge. Das Hauptziel der Heroinersatztherapie mit Medikamenten, der sogenannten Substitution, wurde verfehlt. Obwohl die Zahl der ärztlich mit Ersatzdrogen versorgten Patienten seit 2002 von jährlich 5557 auf 16.782 anwuchs, sank die Zahl der Drogentoten nicht, sondern stieg sogar leicht an, von 139 im Jahr 2002 auf 177 im Jahr 2011.

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Herointherapie gescheitert
Herointherapie gescheitert – (C) DiePResse

In Deutschland, auf das man hierzulande gern verweist, war man erfolgreicher. Relativ gesehen stieg die Zahl der Substituierten dort weniger stark. Die Zahl der Drogentoten sank jedoch deutlich, nämlich um 35Prozent. Warum?Ob es einen Zusammenhang mit der Qualität des hiesigen Antidrogenprogramms gibt, ist nicht erwiesen. Es gibt jedoch Indizien. Österreichs Ärzte verordnen in 55 Prozent aller Fälle die umstrittenen Morphinpräparate. In Deutschland und dem Rest der EU (Ausnahme: Slowenien, Bulgarien) sind diese laut Daten der europäischen Drogenbeobachtungsstelle nicht zugelassen. Allerdings gibt es in einigen Ländern Ärzteinitiativen, die dies fordern.

Morphine landen oft auf dem Schwarzmarkt, werden dort gedealt, gespritzt und nicht – wie vorgesehen – geschluckt. Ein gefährlicher Vorgang, denn: In 76 Prozent aller Fälle fand man im Blut der Drogentoten Heroin oder Morphine. In Deutschland waren es nur 42 Prozent. Ob dafür ursächlich die als Heroinersatz abgegebenen Morphinmedikamente verantwortlich sind, geht aus den Berichten des Gesundheitsministeriums nicht hervor.

Abseits der dokumentierten Todesfälle ist die Substitution jedoch auch in Österreich ein Erfolg für Patienten und alle indirekt Betroffenen. Die Suchtmediziner Alexander David, Hans Haltmayer, Norbert Jachimowicz und Alfred Springer machten am Mittwoch deutlich, dass sich der psychische und physische Zustand der Patienten dank dieser Form der Therapie massiv verbessert. Die Infektionen mit HIV- und Hepatitisviren gehen deutlich zurück, ebenso die Begleitkriminalität. Viele Patienten könnten sogar einer geregelten Arbeit nachgehen. Alles Aspekte, von denen auch die Gesamtgesellschaft profitiert. Der Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel warnt sogar davor, die Verschreibung von Morphinen gesetzlich zu erschweren oder zu verbieten. „Dann würde illegales Heroin den Schwarzmarkt überfluten.“

Kritik am eigenen Berufsstand kommt in diesem Zusammenhang aus der Drogenambulanz des Wiener AKHs. Deren Leiterin, die Psychiaterin Gabriele Fischer, sagt: „Wenn Medikamente in diesem Ausmaß auf dem Schwarzmarkt landen, dann bedeutet das wohl, dass die Qualität der Verschreibepraxis mangelhaft ist.“ Sie wünscht sich daher von der Ärztekammer eine bessere Ausbildung für Mediziner, die Ersatzdrogen verordnen. Das Problem sei nämlich nicht die Substanzgruppe der Morphinmedikamente an sich, sondern deren unverhältnismäßig breiter Einsatz. „Wenn mehr als die Hälfte aller Patienten ein missbrauchsanfälliges Präparat bekommen, dann ist das korrekturbedürftig.“

 

Kommt „sicheres“ Medikament?

Um die wirksamen, aber umstrittenen Medikamente sicherer zu machen, ist man am AKH dabei, ein Morphin zu entwickeln, das durch Beimengungen der Substanz Naloxon nicht missbräuchlich gespritzt werden kann und somit für den illegalen Handel ungeeignet ist. Projektpartner ist G. L. Pharma aus der Steiermark, das schon jetzt mit seinem Produkt „Compensan“ auf dem Morphinmarkt vertreten ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2013)

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