Nachbarschaftshilfe aus dem Internet

Milch am Feiertag? Eine Bohrmaschine ausleihen? Online-Projekte wie „Usetwice“ oder „FragNebenan“ wollen Nachbarn in der Großstadt wieder näher zusammenführen.

Junge Frau giesst Blumen in der Wohnung
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Junge Frau giesst Blumen in der Wohnung
Junge Frau giesst Blumen in der Wohnung – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Wien. Es könnte so einfach sein. Die Milch für den Kaffee am Feiertag? Kommt von der Dame nebenan, nicht von der Tankstelle. Bohrmaschine? Braucht man nicht mehr selbst für ihren Fünf-Minuten-Auftritt alle Monate horten, die verleiht der Heimwerker im Haus. Klingt gut, passiert aber noch viel zu selten. Deshalb wollen neue Online-Plattformen derartiger Nachbarschaftshilfe bei Großstädtern nun wieder nachhelfen.

Markus Heingärtner etwa hat vor einem Jahr die Website Usetwice (www.usetwice.at) online gestellt. Dort werden Räder, Rasenmäher, Instrumente oder Skiboxen fürs Auto eingestellt und von Privaten an Leute in der Umgebung vermietet. Rund 2000 Österreicher – die Hälfte davon in Wien – beteiligen sich heute an diesem Modell der Nachbarschaftshilfe (gegen Miete), 600 Gegenstände sind online, zieht Heingärtner Bilanz über das erste Jahr.

Er habe, erzählt Heingärtner, zunächst auf Reisen Privatwohnungen, die über Airb'n'b vergeben werden, genutzt. „Ich habe mich viel mit dem Thema Sharing Economy befasst und gedacht: Warum nur die Wohnungen vermieten und nicht die Sachen darin?“

 

Teilen statt besitzen

„Teilen statt besitzen“, heißt das Credo der Shareconomy. Gemeinsamer Konsum ersetzt Besitz der „Hardware“: Autos, DVDs, Bohrmaschinen werden geteilt, der Einzelne braucht schließlich die Fahrt, den Film, die Schraube – und muss dafür nicht die komplette Gerätschaft dazu das ganze Jahr über im Kasten liegen haben. „Ich bin kein Öko-Jünger, das hat ganz pragmatische Gründe“, sagt Heingärtner, zuvor Geschäftsführer des Management Club und Consulter. Mittlerweile werden auf Usetwice allerlei Dinge, vom Smoking bis zur Propeller-Maschine, verborgt. Heingärtner will sich nun aber auf Heimwerker-Geräte konzentrieren.

Bloß, ist das nicht eine Kommerzialisierung der Nachbarschaft? Ersetzt Vermieten Hilfe? „Es ist eine Erweiterung der Nachbarschaftshilfe. In der Stadt fragt man ja jetzt auch nicht Nachbarn, sondern Freunde. Wo wir hineinschneiden, das ist der Konsum.“

Eine ähnliche Idee, Nachbarschaftshilfe wieder zu etablieren und Nachbarn in Städten zusammenzubringen, hatte auch Stefan Theißbacher vorigen Sommer. Und so bastelt er mit einem mittlerweile fünfköpfigen Team an der Plattform www.FragNebenan.com. An einer kostenlosen Plattform – einer Art Facebook für Nachbarn, wie er erklärt –, mit deren Hilfe Nachbarn zusammenkommen sollen. Die Landingpage ist schon fertig, die Testversion der Website soll im Frühjahr online gehen.

„FragNebenan“ wird eine Seite, so erklärt Stefan Theißbacher, die Nachbarn beim „aufeinander zugehen“ unterstützen soll. Die helfen soll, die natürliche Barriere, die es in Wiener Wohnhäusern gibt, abzubauen. Eine Seite – er spricht von höchsten Datenschutz-Standards –, auf der sich jeder mit seiner Adresse registrieren kann. Und damit quasi seine Bereitschaft zu einem engeren Zusammenleben erklärt: Mit Nachbarn in Kontakt zu treten, mit Milch oder Zucker auszuhelfen, gelegentliche Einkäufe für Ältere zu erledigen oder – wie bei Usetwice, aber kostenlos – die Bohrmaschine zu verleihen.

Er spricht von Kreisen – ähnlich jenen auf Google Plus – einmal beim eigenen Haus, dann bei der näheren Nachbarschaft. Im Haus-Netzwerk könnte die Hausgemeinschaft Probleme besprechen, ein Schwarzes Brett betreiben. Im Nachbarschafts-Netzwerk könnte man sich mit anderen Familien, die an gemeinsamen Spielplatz-Nachmittagen oder Babysitting Interesse haben, zusammenfinden.

 

Kooperationen mit Nachbarn

Theißbacher, der zuvor im Marketing und im Online-Bereich gearbeitet hat, will 2014 rund 5000 Wiener oder 500 Häuser für das Netzwerk finden. Dazu sind Kooperationen mit bestehenden Nachbarschaftsinitiativen geplant, eine Kooperation mit den Nachbarschaftszentren des Hilfswerks ist bereits vereinbart.

„Es soll auch helfen, Ältere und Junge wieder zusammenzubringen“, sagt Theißbacher, dem ein dörfliches Zusammenleben, wie es der junge Wahl-Wiener aus der Kärntner Heimat kennt, vorschwebt. Funktioniert das, könnte das Netzwerk im deutschsprachigen Raum expandieren. Für User soll es gratis sein und über Werbung finanziert werden.

Bisher gibt es hierzulande solche Initiativen noch nicht. In den USA allerdings hat sich dagegen in Großstädten die Plattform „Nextdoor“ etabliert. Seit dem Start im Jahr 2011 hat das Start-up 40 Mio. Euro an Geld von Investoren eingesammelt, beschäftigt 40 Mitarbeiter und wächst – eigenen Angaben nach – um 15.000 neue Nutzer pro Tag. In Deutschland ist eine andere Seite, Niriu, ebenfalls seit 2011 online und soll Hamburger und Berliner mit einem Sozialen Nachbarschafts-Netz samt einer Art Schwarzem Brett und Mini-Jobbörse zusammenbringen.

Allerdings, manch ein Start-up mit ähnlichen Plänen ist schon gescheitert. Entweder an der Finanzierung, oder daran, dass eine kritische Masse nicht erreicht wurde. Oder einfach daran, dass Nachbarschaft auch einfach mittels freundlichem Grüßen, Lächeln oder Vorstellen entstehen kann – ohne anonymes Online-Tool als Hilfsmittel.

„Es geht darum, die Hemmschwelle abzubauen, die viele haben“, sagt Theißbacher. „Eine Möglichkeit, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Und Leute aus unterschiedlichen sozialen Gruppen zusammenzubringen.“ Man wolle jedenfalls nicht nur junge Akademiker ansprechen, die innerhalb des Gürtels wohnen. Als Intialzündung sollte das fürs erste reichen, glaubt er. „Ideal wäre es natürlich, wenn wir für eine lebendige Nachbarschaft eines Tages nicht mehr gebraucht werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2014)

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