Wien. Anstatt „Grüß Gott“ und „Servus“ bekommt das feine Wiener Gehör nun immer öfter „Guten Tag“ und „Tschüssi“ zu hören. Dabei ist es nicht die Sprache, die sich ändert, sondern die Menschen selbst, oder besser: Die Zusammensetzung der in Wien lebenden Bevölkerung. Immer mehr deutsche Staatsbürger haben die österreichische Bundeshauptstadt zu ihrem Lebensmittelpunkt – sprich Hauptwohnsitz – gemacht.
Boom an Zuwanderern
Die Zahlen zeichnen ein deutliches Bild vom Boom. 2001 waren exakt 13.398 deutsche Staatsbürger mit Hauptwohnsitz in Wien gemeldet. Am 1. 1. 2007 wies das Innenministerium bereits 23.899 aus – ein Zuwachs von 78 Prozent. Hinzu kommen 9166 Nebenwohnsitze und 40 obdachlose Deutsche, die bei den regionalen Hilfseinrichtungen gemeldet sind. Alles in allem sind das 33.105 Personen. Um ein Gespür für die Dimension zu bekommen: Das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl des Wiener Gemeindebezirks Neubau, der Stadt Krems oder von Garmisch-Partenkirchen in Bayern.
Überhaupt erst ermöglicht wurden diese eindrucksvollen Zahlenspiele von der österreichischen Steuerpolitik der jüngsten Vergangenheit. Betrug die Körperschaftssteuer bis inklusive 2004 hierzulande noch 34 Prozent, wurde sie mit Jahreswechsel 2005 auf 25 Prozent gesenkt. Insbesondere für Wirtschaftstreibende war das ein triftiger Grund, sich mit Wien näher zu befassen, oder wie es Konsul Peter Steilen von der deutschen Botschaft formuliert: „Für viele Unternehmen hat es sich mit einem Schlag gelohnt, Filialen in Österreich zu eröffnen oder bestehende Geschäftsstellen auszubauen.“ Als zentraler Wirtschaftsmotor im Land hat Wien zahlenmäßig davon am meisten profitiert.
Integration ohne Probleme
Neben deutschen Unternehmen mit Firmensitz in Wien greift jedoch auch die heimische Wirtschaft selbst gerne auf deutsche Arbeitskräfte zurück; insbesondere der Handel oder auch die Gastronomie. Jedoch: Anders als in den Bundesländern Tirol und Salzburg (siehe dazu unten stehenden Artikel) sucht die Wiener Wirtschaftskammer nicht offensiv nach Arbeitskräften in Deutschland. Diese kämen auch so, heißt es in den zuständigen Vertretungen.
In der Stadtverwaltung sieht man die Entwicklung jedenfalls positiv. Nach Ex-Jugoslawen (76.000) und Türken (40.000) stellen die Deutschen bereits die drittgrößte Volksgruppe in Wien. Laut MA18 (Stadtplanung und Stadtentwicklung) ist ein besonderer Vorteil, dass deren Zuzug praktisch keine zusätzlichen Integrationsmaßnahmen erfordere. Allerdings weist man im Magistrat darauf hin, dass die enormen Zuwachsraten auch dadurch zu Stande kommen, weil Deutsche auf Grund ihres Status als EU-Bürger im Gegensatz zu Einwanderern aus klassischen Gastarbeiter-Staaten keinen Grund haben, um eine österreichische Staatsbürgerschaft anzusuchen.
Gänzlich reibungslos verläuft der Umzug nach Wien jedoch auch für Deutsche nur selten. „Das betrifft vor allem die gesetzlichen Versicherungen“, weiß Konsul Peter Steilen. Wie „Presse“-Recherchen ergaben, sorgt insbesondere die rechtzeitige Ausstellung der E-Card bei Betroffenen immer wieder für Ärger. So musste ein Pensionist aus Köln, der seinen Lebensabend in Österreich verbringen wollte, wochenlang Medikamente und Arztrechnungen aus eigener Tasche begleichen, obwohl er das notwendige Formular zur Übertragung der Leistungen von der deutschen auf die österreichische Krankenkasse rechtzeitig eingereicht hatte.
Carsten Czerny aus Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) hat den Umzug dennoch nie bereut. „Ich konnte diese ganze Halli-Galli Mentalität, die in Privatfernsehen und Karneval vorgelebt wird, einfach nicht mehr ertragen“, erzählt er. Der Wiener Humor liege ihm schon viel eher. Ein Auslands-Angebot seines Arbeitgebers hat ihm die Entscheidung nach Wien zu ziehen zusätzlich erleichtert. Das Klischee vom zugereisten „Piefke“ in seinem Umfeld hat ihn nie gestört – im Gegenteil. „Es hat mir sogar einige Türen geöffnet.“
„Sprache geht auf die Nerven“
Mit dem steten Zuzug der Deutschen hat er jedoch keine Freude. Seit 1999 hat er sich nämlich so gut in Wien eingelebt, dass er sich manchmal selbst dabei erwischt, wie er über seine Landsleute schimpft. „Mir geht deren Sprache ein bisschen auf die Nerven“, witzelt er mit zarten Nuancen österreichischen Dialekts.
Trotzdem will er eine Rückkehr nach Deutschland nicht ausschließen. Manchmal ziehe es ihn dann nämlich doch in die alte Heimat. Warum? „Die Friedhöfe sind dort schöner“, lacht er. Aber das dürfe man den Wienern mit ihrem Hang zum Morbiden dann doch nicht offen ins Gesicht sagen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2007)

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