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„Anstieg der Drogentoten steht bevor“

22.07.2007 | 19:18 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

Seit März ist eine neue Drogenverordnung in Kraft, die die Spielregeln für Patienten in Ersatztherapie (Substitution) neu regelt. Experten ziehen in der „Presse“ eine negative Zwischenbilanz.

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Wien. Am 1. März 2007 änderte das Gesundheitsministerium die Rahmenbedingungen für 7500 Suchtgift-Abhängige, die sich in Drogen-Ersatztherapie (Substitution) befinden. Basis ist eine von Anfang an umstrittene Verordnung, die Missbrauch und Schwarzhandel von Ersatzdrogen beschränken, Todesopfer reduzieren und die Therapie verbessern sollte. Vier Monate nach Inkrafttreten ziehen Experten Bilanz. Fazit: Das Experiment ist gescheitert.

Drastisch formuliert es Karl Nemec, Drogenbeirats-Delegierter der Tiroler Ärztekammer. „Ein Anstieg der Drogentoten steht bevor.“ Begründung: Die Nachfrage nach Therapie für Opiat-Abhängige, in Österreich sind das 32.000, übersteigt das Angebot. Seit 1. März, sagt Nemec, haben 30 bis 40 Prozent aller substituierenden Ärzte dieses Angebot eingestellt. Gründe dafür seien der bürokratische Aufwand und die schwer zu bekommende Zusatzausbildung, die die neue Drogenverordnung vorschreibt. In Tirol könne daher die Patientenbetreuung nur noch „notfallmäßig aufrecht erhalten werden“, in den übrigen Bundesländern sei die Situation ähnlich.

Auch Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz am Wiener AKH und Mitglied des Obersten Sanitätsrates (OSR), hält eine Veränderung der Verordnung für notwendig. Was sie stört, ist, „dass die Verordnung Ärzten vorschreibt, welche Medikamente zu verwenden sind, und welche nicht.“ In der Praxis bedeutet das, dass das bisher wegen seiner besseren Verträglichkeit besonders häufig eingesetzte Präparat Substitol nur noch in Ausnahmefällen eingesetzt werden darf. Im Gegenzug nennt die Verordnung Buprenorphin ausdrücklich als Mittel der ersten Wahl. Für Fischer ist dies deshalb problematisch, weil jeder Arzt per Gesetz dazu verpflichtet sei, jedem Patienten die bestmögliche Therapie angedeihen zu lassen. „Das Gesetz kann aber nicht wissen, welches Medikament und welche Therapie für den Einzelnen am besten sind.“

Anders als ihr Tiroler Kollege Nemec kann Fischer der verpflichtenden Zusatzausbildung, die substituierende Ärzte machen müssen, einiges abgewinnen. „Das kommt den Patienten zugute.“

Wie „Presse“-Recherchen ergaben, bereitet den Ärzten aber tatsächlich die vorgeschriebene Zusatzausbildung das meiste Kopfzerbrechen. Dabei geht es nicht darum, dass sich niemand fortbilden will, sondern um den Aufwand. Die meisten Ärzte betreuen nämlich jeweils nur sehr wenige Suchtkranke. Für sie „rechnet“ es sich daher nicht, dieses Service weiterhin anzubieten. Das Problem für das Gesamtsystem ergibt sich, weil die meisten der 7500 auf Ersatztherapie eingestellten Patienten bisher in eben diesen Klein-Praxen betreut wurden.

Auch das Ziel der Eindämmung des Substitol-Schwarzhandels wurde verfehlt. Die noch unter Maria Rauch-Kallat durchgesetzte Verordnung sollte eigentlich durch strengere Mitgaberegelungen verhindern, dass Patienten ihre in der Apotheke abgeholte Wochenration am Schwarzmarkt zu Geld machen. Tatsächlich bewirkte sie, dass insbesondere Berufs-Wiedereinsteiger Probleme mit ihren Arbeitgebern bekamen, weil sie täglich zur Medikamenteneinnahme in die Apotheke mussten.


Vorgezogene Evaluierung

Der Schwarzmarkt blüht weiterhin. „Substitol wird am Karlsplatz nach wie vor gehandelt“, so ein ranghoher Szene-Kenner und Kriminalpolizist zur „Presse“. Auf Grund der niedrigen Preise kämen sogar Kranke aus ganz Österreich nach Wien, um sich hier mit illegal vertriebenem Substitol einzudecken.

Die massive Experten-Kritik veranlasst nun auch Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky zu einer Reaktion. Ursprünglich hätte die Verordnung nämlich erste Ende 2008 einer Evaluierung unterzogen werden sollen. Wie im Ministerium zu erfahren ist, soll diese nun im Herbst 2007, also nur ein halbes Jahr nach In-Kraft-Treten der Verordnung, durchgeführt werden.

DIE VERORDNUNG

Mit 1. März wurde die Drogen-Ersatztherapie (Substitution) auf eine neue, rechtliche Basis gestellt. Die wichtigsten Punkte dabei sind:

Zentrale Erfassung: Der Amtsarzt weiß genau, welcher Patient bei welchem Arzt Medikamente bekommt bzw. bekommen hat. Sogenanntes „Doctor-Shopping“ wird dadurch vorgebeugt.

Mittel erster Wahl: Methadon und Buprenorphin werden dem weit verbreiteten Substitol vorgezogen.

Einnahme: Die Medikamente sind täglich und unter Aufsicht einzunehmen. Schwarzhandel soll so verhindert werden.

Ausbildung:Subistutionstherapie anbietende Ärzte müssen eine Zusatzausbildung machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2007)

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12 Kommentare
Peter Falk
23.07.2007 22:24
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Man kann das Problem weiter verwissenschaftlichen

oder mal der Jugend, den Kindern ein wenig Sinnhaftigkeit des Lebens nahebringen.
Wenn das Elternhaus die Kraft/die Lust nicht aufbringt, dann haben wir genügend Einrichtungen an der Wurzel zu arbeiten.
Leider gilt heute der Zauber des Alkohols, der Events, die Scharlatane aus der Politik ( von Gusenbauer bis Häupl, Voves, etc) die nicht mit Ernst bei der Sache sind.
Seit 11. Januar haben wir wieder die Volksbeglückung, die Verdummungsaktionen in Österreich.
Der Häupl schwelgt in Schwulenfesten im Rathausund irgendewelchen dubiosen Paraden durch die Stadt mit Schwulenfestivals.
Ich nenn das schweinisch - nicht gegenüber den armen Schwulen, sondern gegenüber der Jugend.
Was geht den Normalbürger das Sexualleben eines anderen an. Die armen Kinder sehen, dass die Erwachsenen völlig bekloppt sind und nehmen dies als Standard an.

Antworten paramenes
25.07.2007 12:06
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Re: Man kann das Problem weiter verwissenschaftlichen

man soll nicht von sich selbst auf die jugend schließen! hast bei den scharlatenen den schüssel, KHG, haider, etc. absichtlich vergessen?

Gast: Realist
23.07.2007 16:47
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Nachschub abschneiden!

Langfristig wäre es wichtig, den Neuzugang zur Drogenszene abzuschneiden. Aber in Wahrheit werden Drogenmörder (pardon: schwarzafrikanische Wanderapotheker) im Regelfall nicht außer Landes geschafft, sondern nach Ausruf des Voodoo-Wortes Asyl auf unsere Kosten verpflegt ("Grundversorgung"). Der Neuzugang in öfentlichen Verkehrsmitteln, Parkanlagen Diskotheken und vor Schulen bleibt damit gesichert, sozusagen als kleiner "Kollateralschaden" des vorrangigen "multikulturellen" Bevölkerungsaustausches... oder als zusätzlicher Beitrag, die Europäer durch Drogenverseuchung der Jugend aus der Evolution zu schmeißen???

Antworten Gast: Nord
23.07.2007 21:17
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Re: Nachschub abschneiden!

du bist nicht realistisch, sondern naiv. dealer (egal welcher herkunft) sollten ordentlich unter druck gesetzt werden -ganz deiner meinung. aber bitte glaub nicht, dass damit eine lösung näher käme. an den enden des weges der drogen sollte man ansetzen.

Gast: Realist
23.07.2007 16:39
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Nachschub abschneiden!

Langfristig wäre es wichtig, den Neuzugang zur Drogenszene abzuschneiden. Aber tatsächlich werden nur die wenigsten Drogenmörder (pardon: schwarzafrikanische Wanderapotheker) außer

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zukunftsstrategien

die idee, ärzte zu schulen, ist nicht schlecht.

österreich gehört zu den wenigen staaten in europa, in denen ärzte und ärztinnen die teilnahme an weiterbildungsmaßnahmen erst dann nachweisen müssen, wenn etwas "passiert" ist. und das kann lange dauern.

die auskunft habe ich direkt bei der österreichischen ärztekammer erhalten.

ich finde, dass ein gesundheitssystem vor allem für die gesunden und kranken gut sein sollte. was spricht dagegen, in zukunft standards einzuführen, wie sie in anderen europäischen staaten gang und gäbe sind?

im fall der schulungen, die drogenpatient(inn)en betreffen: wie umfangreich sind diese schulungen? ist es sinnvoll, sie auf bestimmte ärzte und ärztinnen zu konzentrieren (unter bedachtnahme auf die gebietsmäßige versorgung und erreichbarkeit)?

dass drogen wie methadon schädlicher sein sollen als die originaldroge, weiß ich von polizeibeamten (die damit zu tun haben). vor 2 jahren bin ich opfer eines drogenjunkies gew.

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priorität = vorbeugen und heilen

ich habe nicht das gefühl, dass die prioriäten in österreich richtig gesetzt worden sind. das hauptproblem (der gesundheit) liegt in anderen bereichen (tabakabhängigkeit, alkoholismus, übergewicht, bewegungsmangel). in österreich sterben etwa 14.000 menschen an der tabaksucht, etwa 200 an illegalisierten drogen. bis zum 31.12.2006 ist es gestattet gewesen, auf großen plakaten für die tabaksucht zu werben (richtige männer rauchen memphis). beim mädchenrauchen nimmt österreich einen spitzenplatz ein. wo immer politiker(innen) auftauchen, wird geraucht und getrunken.

abhilfe (illegalisierte drogen): entzug, substitution (mit dem besten medikament) oder verabreichung der originaldroge (unter bedingungen, die sicher stellen, dass es nicht zum sozialen abstieg kommt). dieses maßnahmenpaket sollte dazu führen, dass es zu einem raschen rückgang der gewinne und der opfer kommt (bei der drogenmafia). sie könnte nur noch am einstieg verdienen. der status quo nützt der drogenmafia.

Antworten Gast: Quaestor
23.07.2007 18:36
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Re: priorität = vorbeugen und heilen

Sind Sie ein abstinenter, nichtrauchender Dealer?

cactum
23.07.2007 10:10
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Bootcamp Für Alle?

Ich glaube, es macht wenig Sinn, auf der jüngsten Verordnung herumzureiten, seit der "der Amtsarzt" als sakrosankter Heros wieder hoch über den niedergelasssenen Ärzten thront, Vielmehr geht es darum, wie bei uns mit Menschen umgegangen wird, wenn die Probleme weiter vor sich hergeschoben werden, wenn im Hintergrund der Gedanke steht, am Ende des Chaos würde die Lösung "Bootcamp für alle heißen". Bis dahin wird mit Menschen experimentiert, werden Leute gequält, immer tiefer in Abhängigkeiten und Nöte gestoßen, und die organisierte Kriminalität, außerhalb wie innerhalb der in verfeindete Lager gespaltenen Behörden, fährt saftige Gewinne ein.

Gast: Gast99
23.07.2007 09:52
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Soll sich die Gesellschaft

die Drogenkranken um jeden Preis leisten? Das neue System erscheint mir sehr vernünftig und auch finanziell vertretbar - schließlich zahlt die Allgemeinheit für das Privatvergnügen der "Giftler".

Gast: plebs potus
22.07.2007 23:07
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Das passiert, wenn man wohlhabende wirtschaftsgesponserte "christlich-soziale" Konservative

über andere, arme Menschen entscheiden lässt...

anstatt für eine heroinersatztherapie milliarden an die pharmakonzerne zu verschleudern, wenn ärtzlich verordnetes heroin wesentlich besser verträglich ist und viel billiger. in Kombination mit Betreuung auch viel nachhaltiger, als die zombiedrogen der pharmariesen...

Man merkt nach wie vor. Großkoalitionäre Minister haben allerhöchstens Hi-Society-Kompetenz.

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Re: Das passiert, wenn man wohlhabende wirtschaftsgesponserte

Soweit ich weiß ist dieses Gesetz noch Resultat der rechten, blauschwarzen Koalition. Gott hab sie seelig (und auch ihre Opfer).