Augarten: Mini-Hainburg droht

Warum es zwischen Sängerknaben, Filmkünstlern und Anrainern kracht.

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APA

Es hätte so einfach sein können. Die Wiener Sängerknaben einigen sich mit den Initiatoren des Filmkulturzentrums, den geplanten Neubau im Augarten gemeinsam zu nutzen – die Sache hätte keine Wellen geschlagen. Die Anrainer hätten mit dem Filmkulturzentrum eine interessante Bereicherung für ihren Bezirk, die Stadt sein internationales Aushängeschild aufpoliert – im Augarten wäre Frieden eingekehrt.

Es war zu einfach. Die Sängerknaben können nicht mit dem Filmkulturzentrum und umgekehrt. Die einen sehen sich als internationale Superstars, die ihren Klangkristall nicht mit jemandem aus der Regionalliga teilen wollen. Die anderen sehen sich als seriöse Kulturschaffende, die nicht mit dem Kitsch-Klischee „Sängerknaben“ unter ein Dach wollen. Zwei Welten prallen aufeinander; alle Vermittlungsversuche waren zum scheitern verurteilt.

Mit der (überraschend) am Montag gefällten Entscheidung, den Sängerknaben den letzten bebaubaren Platz im Augarten zu überlassen, hat das Wirtschaftsministerium in dieser aufgeheizten Situation etwas Besonderes geschafft. Nämlich beinahe jeden vor den Kopf zu stoßen, der nur in die Causa involviert ist:

Zum ersten die Initiatoren des Filmkulturzentrums, Viennale-Direktor Hans Hurch und Filmarchiv-Chef Ernst Kieninger. Ihnen wird vom Wirtschaftsministerium ausgerichtet, dass die Entscheidung zwischen Musik und Film nichts mit Kulturpolitik zu tun hat, sondern nur mit rein wirtschaftlichen Aspekten. Zum zweiten Bildungsministerin Claudia Schmied, die erklärte, die kulturpolitische Priorität liege „eher beim Filmprojekt“. Die SP-Ministerin wurde vom schwarzen Ministerium nicht informiert.

Zum dritten dasSP-regierte Wien. Noch vor wenigen Tagen hatte das Wirtschaftsministerium angekündigt, mit der Entscheidung zu warten bis das neue Augarten-Leitbild abgeschlossen ist. Und jetzt knallt Minister Martin Bartenstein die Entscheidung auf den Tisch. Der Vorsitzende des Wiener Planungsausschusses Karlheinz Hora: „Vor eineinhalb Wochen wurde betont, einen gemeinsamen Weg gehen zu wollen. Der ist vom Wirtschaftsministerium abrupt beendet worden.“

Auch wenn Bürgermeister Michael Häupl es entspannter sieht und einen neuen Standort für das Filmkulturzentrum sucht: Zum vierten hat das Wirtschaftsministerium die Anrainer massiv verärgert. Diese bekamen keine Projekt-Mitsprache (wie für die Leitbild-Entwicklung versprochen); sie bekommen ein Projekt vorgesetzt, das sie für „absolut unverträglich für den Augarten“ halten. „Wir sind von der Entscheidung entsetzt“, erklärte Eva Hottenroht („Freunde des Augartens“) am Dienstag. Die Bürgerinitiative hatte für das Filmzentrum gekämpft, weil es „deutlich verträglicher ist“.

Auslöffeln müssen diese Suppe die Sängerknaben. Die verärgerten Anrainer werden ab Montag „konzentrierte Aktionen“ im und um den Augarten starten; ein „kleines Hainburg“ mit Besetzung des Parks wird geplant. Nebenbei gibt es Aktionen gegen Sängerknaben-Finanzier Peter Pühringer. Nämlich Protestaktionen vor dessen Nobel-Hotel, dem Palais Coburg, in der Innenstadt.

www.wsk.at

 

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AUF EINEN BLICK

Das Wirtschaftsministerium hat sich mit der Art der Entscheidung für die Sängerknaben im Augarten keine Freunde gemacht; weder im Bildungsministerium, bei der Stadt Wien, bei der Wiener Kulturszene noch bei den Anrainern. Die Suppe müssen die Sängerknaben auslöffeln, auf die massive Anrainer-Proteste zukommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2007)

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