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Tödliche Tiefschnee-Mythen: Gefahr lauert abseits der Piste

30.12.2007 | 18:28 |  STEFFEN ARORA (Die Presse)

Vorurteile. 100 Lawinentote fordert der Winter pro Jahr – der größte Risikofaktor ist der Mensch. Vor allem Touren-Skifahrer unterschätzen die Gefahr.

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Innsbruck. Wintersport ist Massensport. Doch Blockabfertigung auf überfüllten Pistenautobahnen ist passé. Der Individualist sucht sich seine eigene Route vom Berg ins Tal. Wenn möglich über unberührte Tiefschneehänge. Aber der „weiße Rausch“ ist lebensgefährlich und fordert allein in den Alpen jährlich mehr als 100 Menschenleben. Dabei wären fast alle tödlichen Lawinenunfälle vermeidbar. Denn: rund 90 Prozent aller Todesopfer lösen die Lawine, die ihnen zum Verhängnis wird, selbst aus.

„Die Presse“ hat die Bergführer Rainer Kempf und Hannes Mair vom Verein „Snow and Avalanche Awareness Camps“ nach den gängigsten Irrtümern und größten Fehlern bei der Einschätzung der Gefahren abseits der Piste befragt:

1In bereits befahrenen Tiefschnee-Hängen kann nichts passieren

Der Klassiker unter den tödlichen Irrtümern. Denn die Schneedecke eines Hanges steht unter Spannung und weist an gewissen Stellen so genannte Schwächezonen auf. Es kann durchaus sein, dass mehrere Skifahrer einen Hang problemlos durchfahren, ohne eine dieser Schwächezonen zu erwischen. Daher warnen Experten eindringlich davor, Tiefschneehänge, in denen bereits Skispuren sind, automatisch als ungefährlich einzustufen.

Im allgemeinen gilt, dass ab einer Hangneigung von 30 Grad bereits Lawinen abgehen können. Zudem muss die Himmelsrichtung der Hänge exakt beachtet werden: Rund 66 Prozent aller Lawinenunfälle passieren in schattigen Nordhängen.

2Im bewaldeten Gebiet besteht keine Lawinengefahr

Ein fataler Trugschluss, dem schon zahlreiche Skifahrer zum Opfer gefallen sind. Denn wirklich sicher ist bewaldetes Gebiet erst dann, wenn der Wald so dicht ist, dass zwischen den Bäumen das problemlose Skifahren bereits unmöglich ist. Wissenschaftliche Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass die Schneedecke im lichten Wald durch die Abwärme der Bäume weniger stabil ist als im unbewaldeten Gebiet. Daher ist gerade im Bereich der Baumgrenze, beim Übergang zwischen stabiler und instabiler Schneedecke, höchste Vorsicht geboten.

3Nach drei Tagen Schönwetter ist der Tiefschnee ungefährlich

Es stimmt zwar, dass sich die Schneedecke durch Sonneneinstrahlung setzt und verfestigt. Die Spannung nimmt ab und der Hang wird stabiler. Was übersehen wird: Dieser Prozess hängt untrennbar mit der Lufttemperatur zusammen. Wenn nach schneereichen Tagen die Sonne scheint und die Temperaturen frostig bleiben, bedeutet das keine Entspannung der Lawinengefahr. Minusgrade können die Situation sogar verschärfen.

4Im Notfall kann ich einer Lawine davonfahren

Gerade in Snowboard-Videos ist diese Situation oft zu sehen: Ein Profi löst versehentlich ein Schneebrett aus und fährt kurzerhand Schuss um der rollenden Lawine zu entgehen. „Das schafft kein normaler Mensch“, sind sich Experten einig. Selbst die „langsamen“ Schneebretter donnern mit bis zu 70 km/h ins Tal. Diese Geschwindigkeit im Tiefschnee, noch dazu in Kombination mit der Stresssituation, dass sich plötzlich der gesamte Hang in Bewegung setzt, überfordert jeden noch so versierten Hobbysportler.

5Das trügerische Sicherheitsgefühl durch moderne Technik

Viele Variantenfahrer haben heute bereits ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) dabei. Das ist positiv. Aber: Kaum jemand trägt Schaufel und Sonde bei sich. Im Unglücksfall bringt ein LVS nichts, wenn das Werkzeug zum Bergen fehlt. Denn die besten Überlebenschancen hat ein Verschütteter in den ersten 15 Minuten. Im Schüttkegel einer Lawine ist der Schnee jedoch hart wie Beton. Die Bergrettung trifft in der Regel frühestens 20 Minuten nach Alarmierung am Unglücksort ein. Rasche Bergung durch die Begleiter entscheidet über Leben und Tod.

6Im Lawinenlagebericht steht, die Gefahr ist nur „mittelgroß“

Der fünfstufige Lawinenlagebericht, der täglich aktualisiert wird, ist das wichtigste Informationsmedium für Variantenfahrer. Doch nur, wenn man ihn richtig zu lesen vermag. Experten raten: Ab Stufe vier im Bett bleiben. Stufe drei, die viele für „mittlere Gefahr“ halten, ist bereits das höchste aller Risiken, das Profis eingehen würden. Doch gerade hier passieren statistisch die meisten Unfälle, weil viele die Gefahr unterschätzen. Der Schweizer Lawinenforscher Werner Munter prägte in diesem Zusammenhang den Ausdruck „todgeiler Dreier“. Darunter versteht man, bei Lawinenwarnstufe drei einen Nordhang mit mehr als 35 Grad Neigung zu befahren.

FAKTEN

100 Tourengeher verunglücken jährlich in den Alpen.

Ab 30 Grad Hangneigung kann bereits eine Lawine abgehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2007)

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2 Kommentare
Gast: Free Rider
20.11.2011 17:29
0 0

Vorurteile. 100 Lawinentote fordert der Winter pro Jahr

Besser in einer Lawine zugrunde gehen
als an der Steuerbelastung.

0 1

Wann gibt es

endlich eine massive CO2-Steuer für den energieverschwendenden Wintersport Circus in den Alpen mit seiner massiven Umwelt-Zerstörung?

Wo bleiben da die Grünen?

Noah von der Arche am Berg der Freude