Wien. Wenn digitale Künstler über Kollegen reden, klingt das ein wenig nach heikler internationaler Diplomatie: „Der? Der ist mit uns assoziiert.“ Ein anderer – ein Satellit. Auf jeden Fall aber kooperiertjeder mit jedem. Irgendwie.
„Es stimmt, dass wir eine Abneigung gegen zentrale Strukturen haben“, meint Günther Friesinger von der Künstlergruppe monochrom. Tatsache ist jedoch, dass die Wiener digitale Szene längst ein Zentrum hat. Und Friesinger sitzt mittendrin – im Quartier Digitaler Kunst im Entrée des Museumsquartiers. Das QDK, ist Teil des quartier21 und gilt noch weit vor dem Lokal werkzeugH und dem Labor metalab als relativ breitenwirksam wahrnehmbares binäres Aushängeschild der Stadt.
„Mehr als irgendwo in Europa“
Seit gestern noch mehr: Denn die Künstler-Kolonie hat nun mit dem Raum D eine eigene Veranstaltungsfläche. Die 80 Quadratmeter, bis vor kurzem ein Rennbahn-Shop, werden vom MQ mietfrei und bis auf Widerruf dem Verein QDK (gebildet vor allem aus Mietern) zur Selbstverwaltung zur Verfügung gestellt. Der Raum ist „für alle“ offen und soll – wegen der Wohnungen oberhalb eher leisen – wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen dienen. Die in den Raum eingezogene obere Ebene beherbergt zusätzlich Mini-Büros, die temporär an Nicht-Mieter vergeben werden. Und derer gibt es einige: Zirka 60 digitale Künstler arbeiten im QDK, wienweit aber sind es bis zu 600, weit mehr als im Ars-Electronica-Linz. Der „Spiegel online“ lobte Wien anlässlich des paraflows-Festivals kürzlich gar als die Stadt, in der „in Sachen digitaler Kultur mehr los ist als irgendwo sonst in Europa“.
Über die Frage, ob sich ein Gutteil davon ausgerechnet in den barocken Ex-Hofstallungen abspielen muss, wird zwar immer wieder diskutiert, bleibt aber Fakt. Womit künftig ein Platzproblem dräut. Dabei, sagt MQ-Leiter Wolfgang Waldner, habe man das q21 bereits zu Lasten früherer Wohnungen von 3000 auf 7000 Quadratmeter vergrößert. Und der MQ-Vorplatz als Bauplatz? Noch immer Utopie. Zumindest eine Nische aber wird 2008 noch erobert: eine der Passagen wird zum digitalen Gesamtkunstwerk. Und dann? Werde man sehen. Ein Absiedeln der Mode-Shops ist für den künstlerische Leiter des q21 Vitus Weh jedenfalls keine Option („Das Interdisziplinäre gehört dazu“), ein eigenes „Modezentrum“ in der nahe gelegenen Breite Gasse hingegen aber schon.
Laser Tags: Schon mal gehört?
Die Computer-Künstler – die übrigens fast alle einen „Brotjob“ haben – selbst schätzen am MQ neben der Nachbarschaft von Gleichgesinnten/Kooperationspartnern auch die dreidimensionale Öffentlichkeit der engen Glaswand-Kojen in bester City-Lage. Denn obwohl die Arbeit von Friesinger, Michael Zeltner (Graffitit Research Lab) und Regina Webhofer ([d]vision) – letztere haben im Raum D ihr Kurzzeit-Quartier – im „Netz“ bekannt ist, die Menschen dahinter sind es weniger.
monochrom selbst ist zwar durch witzige bis (links-)politische Aktionen ein wenig prominent. Aber wer, der nicht zur Szene zählt, weiß, was mit „Laser Tags“ (Licht-Graffiti) oder „Demo-Szene“ (in Echtzeit berechnete Animationen) gemeint ist? Wobei die Öffentlichkeit nicht immer ein gern gesehener Gast ist, agiert digitale Kunst doch teilweise (Thema: Kopierschutz) im rechtlichen Graubereich. Folgeprobleme sind jedoch selten: „Die Polizei“, sagt Zeltner, „war noch nie bei uns.“
Kunstlicht von Almuth Spiegler Seite 32
Wien fördert digitale Kultur jährlich mit 500.000 €. Bis heuer wurde der Großteil von der Community (via Voting) vergeben, seit 2008 entscheidet in erster Linie eine von Stadt und Künstlern beschickte Jury. Auch der QDK-Verein erhält sein Budget (35.000 €) v. a. von Wien. Der Bund fördert österreichweit mit 600.000 €(inkl. Ars Electronica).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2008)

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