WIEN (cim). Frische Eier, exotische Früchte oder originalverpacktes Fleisch, das alles landet massenweise im Restmüll. Bis zu zehn Prozent der Lebensmittel werden scheinbar nur gekauft, um kurz im Kühlschrank zwischengelagert und dann weggeworfen zu werden. Das hat eine Abfall-Studie der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku) ergeben.
Der österreichische Restmüll besteht zu sechs bis zwölf Prozent aus originalverpackten Lebensmitteln. Insgesamt machen Nahrungsmittel und deren Verpackung bis zu 60 Prozent des Mülls aus. „Verpackungen, Essensreste oder Reste von der Zubereitung lassen sich zum Teil nicht vermeiden. Was sich aber vermeiden ließe, sind originalverpackte Lebensmittel“, sagt Abfall-Forscherin Felicitas Schneider von der Boku.
Tendenziell wird in der Stadt mehr weggeschmissen als am Land. In Wien bestehen rund zwölf Prozent des Restmülls aus verpackten Lebensmitteln, am Land sind es sechs Prozent.
Sozialer Status unwichtig
„Am Land hat man eine andere Wertschätzung von Lebensmitteln“, sagt Schneider. Aber auch die Möglichkeiten zur Entsorgung seien ein Faktor. So würde man eher Lebensmittel an Nachbarn weitergeben, Abgelaufenes an Haustiere verfüttern oder kompostieren.
Ob eine Biotonne vorhanden ist, spielt nach den Erfahrungen der Boku aber kaum eine Rolle. Denn verpackte Lebensmittel landen nicht im Biomüll. „Auch wenn das Angebot zur Entsorgung vorhanden ist, wird es oft nicht angenommen“, meint Schneider. Am meisten wird dort weggeworfen, wo junge Familien wohnen. Denn diese kaufen mehr ein und werfen entsprechend viel weg. Am wenigsten Lebensmittel-Müll verursachen alte Menschen. Sie hätten miterlebt, wie es ist, wenn Nahrung knapp ist und würden diese daher höher schätzen, sagt Schneider. Ältere Menschen kaufen auch weniger Fertigprodukte als Junge.
Das Einkommen spielt hingegen kaum eine Rolle. Arm und Reich leiden gleichermaßen am „Wegschmeiß-Syndrom“. Zumindest die Menge der weggeworfenen Lebensmittel ist etwa gleich. Es lasse sich aber beobachten, so Schneider, dass Menschen mit einem höheren Haushaltsbudget teurere Produkte wegwerfen. Wer billiger einkauft, wirft auch billiger weg. Es dürfte aber so sein, dass Menschen mit höherem Einkommen mehr einkaufen und öfter Essen gehen. Die Lebensmittel im Kühlschrank laufen dann ab und werden weggeworfen. Ärmere konsumieren nicht weniger. Sie würden „massenhaft Billigprodukte“ kaufen, die nicht verbraucht werden können und in der Mülltonne landen, sagt Schneider.
Müll als Spiegel des Wohlstands
Die Analyse des Abfalls sei generell ein Indikator für den Wohlstand einer Region. „Die Menge an Abfallprodukten ist ein Spiegel der Kaufkraft und des Lebensstils“, sagt die Wissenschaftlerin.
Am meisten originalverpackte Lebensmittel haben die Boku-Forscher dort gefunden, wo viele vollzeitbeschäftigte Menschen leben, die sehr gebildet sind und zu zweit oder zu dritt in Haushalten leben.
Generell steigt die Abfall-Menge. 2007 hat jeder Wiener im Schnitt 330 Kilo Restmüll produziert, davon waren 43 Kilo Lebensmittel. In Niederösterreich sind vergangenes Jahr 130 Kilo Restmüll pro Einwohner angefallen. Man müsse allerdings berücksichtigen, dass der Kleingewerbe-Anteil in Wien sehr hoch sei und auch dessen Müll eingerechnet ist, sagt Schneider.
Nach einer Boku-Erhebung aus dem Jahr 2005 gibt jeder Haushalt pro Jahr durchschnittlich 387,4 Euro für Lebensmittel aus, die ungeöffnet im Mist landen. Das war mehr Geld, als ein Haushalt pro Monat im Schnitt für Lebensmittel (322,8 Euro) ausgegeben hat. Die Wegwerf-Kultur schadet auch dem Klima. Schließlich werden rund 27 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in der Produktion und Verarbeitung von Nahrungsmitteln verursacht. Glosse siehe Seite 43
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2008)

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