KLAGENFURT/LINZ/WIEN. Fast Jeder kennt in seinem Bekanntenkreis jemanden, der den Jakobsweg gegangen ist; in Mariazell spricht man von rund einer Million Pilgern pro Jahr; zum Vierbergelauf nach Ostern in Kärnten werden rund 7000 Teilnehmer erwartet. „Pilgern boomt“ bestätigt Erich Leitenberger, Sprecher von Kardinal Christoph Schönborn.
Und er glaubt auch den Grund dafür zu kennen: „Pilgern kann mithelfen, die Antwort auf die drei wichtigen Fragen im Leben eines Menschen zu finden: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu lebe ich?“
Grenzen überschreiten
Grenzüberschreitende Pilgerwege führen etwa nach Rom oder nach Jerusalem. Erich Leitenberger: „Die Zahl der Israel-Pilger steigt kontinuierlich an, obwohl die Sicherheitslage dort nicht optimal ist. Jeder Christ sollte zumindest einmal im Leben im Heiligen Land gewesen sein.“
Derartiger Pilgerziele sind allgemein bekannt. Aber was ist Pilgern wirklich? Der deutsche Priester Egon Mielenbrink, der im Bistum Münster mit der Wallfahrts-Seelsorge betraut ist, hat in seinem Pilgerbuch eine Antwort gefunden: „Pilgern ist Beten mit den Füßen.“
Die katholische Kirche hat die Zeichen der Zeit erkannt und sich des modernen „Pilgerbooms“ angenommen. Sie bildet Pilgerwegs-Begleiter aus, die mehrtägige Wanderungen vorbereiten, Gruppen organisatorisch und spirituell begleiten. Rund 60 Pilgerbegleiter wurden bereits ausgebildet. Der nächste Kurs beginnt in Oberösterreich (Bildungshaus Greisinghof, Tragwein).
Organisatorin Christine Dittelbacher: „Menschen brechen zu Pilgerreisen auf, um nach Sinn und Orientierung zu suchen.“ Sie machten sich auf, um zu spüren, was in ihrem Leben wesentlich ist.
Überall in Österreich entstehen neue Wege der Einkehr, wie etwa der „Hemma-Pilgerweg“, der auf drei Routen zum Gurker Dom führt, den die Kärntner Landesheilige St. Hemma am Ende einer Wallfahrt nach Maria Elend errichten hat lassen. Die Wege sind durchgehend mit dem gelben Abbild der Doppelkirchtürme von Gurk markiert.
Der Klagenfurter Hochschulseelsorger Hans-Peter Premur sieht Pilgerwege als Symbol für die Wechselfälle des Lebens: „Der Mensch erkennt, dass er auf Erden keine bleibende Heimstätte hat.“ Deshalb müsse er sein Leben ebenso wie den Pilgerweg als Streben nach einem höheren Ziel interpretieren.
Das Pilgertum ist durch die Jahrhunderte gewachsen. Es gibt Wissenschaftler, die sogar streiten, ob Wallfahrten der Spiritualität oder doch dem Brauchtum zuzuordnen sind. Diverse Erscheinungsformen lassen auch überlieferte Bräuche vermuten, wie etwa der Pilgerstab, der am Jakobsweg ebenso anzutreffen ist wie beim „Lauf“ über die Heiligen vier Berge in Kärnten.
Vergessenes wiederbelebt
Eine etwa 400 Jahre währende Tradition hat der Hemma-Pilger-Weg. Seine Ursprünge liegen in der „Krainer Wallfahrt“, die der Heiligen Hemma, der heutigen Kärntner Landesheiligen diente. Sie führte aus dem slowenischen Krain über den Loiblpass bis an Hemmas Grab in Gurk. Durch Jahrhunderte fand sie am vierten Sonntag nach Ostern statt und geriet erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl aufgrund der damaligen politischen Situation in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren wurde der Hemma-Pilgerweg wieder belebt.
Pilgern boomt, sagt die Erzdiözese Wien. Laut Statistik kommt allein nach Mariazell jährlich eine Million Menschen. Der Vierbergelauf in Kärnten (Länge: 50 km, Dauer: 17 Stunden) rechnet mit 7000 Besuchern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2008)

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