Wien. „Soll ich jetzt alles über Emos runterlabern? Da musst du mir aber lange zuhören.“ Lolly ist 14, hat rosa-hellblond gestreifte Haare und drei Piercings auf Unterlippe und Augenbraue – und wer je jemandem eine „große Klappe“ zuschrieb, der hat sie noch nicht kennen gelernt.
„In der Gesellschaft sehen alle gleich aus“, sagt sie und wirft einen verächtlichen Blick auf die Passanten, die am Generali Center (dieses und umliegende Gassen fungieren als eine Art Hauptquartier der Wiener Emo-Szene) vorbei die laute Mariahilferstraße hinabeilen, „aber Emos sind anders, Emos sind Anarchie. Verstehst du?“ Noch nicht ganz. Wie steht es zum Beispiel um Lollys Selbstverständnis – ist sie ein Emo, also Teil jener Szene, deren Name sich vom Punkmusik-Genre Emotional Hardcore ableitet? „Ich hab' längst meinen eigenen Stil gefunden, ich bin nur noch Lolly“, meint sie selbstbewusst und trifft damit ziemlich genau ins Schwarze. Denn dass viele Emos – vor allem ältere – sich nicht als solche gebrandmarkt sehen wollen, entspricht auch den Einschätzungen der Jugendforschung. Zwischen 12- und 15-jährige Schüler, meist ohne Migrationshintergrund und aus mittlerem Milieu, will diese sonst als Hauptakteure der Emo-Szene erkennen. Die finanziell gestärkte Basis ist dabei keine Nebensache, schließlich schlagen sich Kleidung und Accessoires des Emo-Stils, aufs Taschengeld: Bunte oder schwarze Röhrenjeans, Nietengürtel, neonfarbene Tüllröcke, mädchenhafte Broschen und Taschen mit Totenkopf- oder Kirschen-Emblemen von Marken wie Hello Kitty und Living Dead Souls, dazu Schuhe von Converse oder der Skatermarke Vans.
Nicht nur Emotional Hardcore
Punk und Zuckersüße in einem quasi – die Musik als Merkmal tritt dabei in den Hintergrund. Denn auf den namengebenden Emotional Hardcore, ein Subgenre, das den Punk seine Emotionalität und Themen wie Liebe und Freundschaft forcieren ließ, lässt sich Emo-Sein nicht beschränken. Doch davon will Protagonistin Lolly selbst berichten – diese hat zu einem weiteren Redeschwall ausgeholt, der ihren männlichen Begleitern in Emo-Kluft genug Zeit lässt, um sich eine Zigarette anzuzünden und erst einmal ein wenig Rauch in die feuchtkalte Frühlingsluft zu blasen. Schließlich sind Oli und Gunnar gerade extra aus Hannover angereist um „Wiener Emos zu treffen“ – und haben Lolly, mit der sie sich zuvor nur über das Internetportal myspace.com austauschten, in dieser Minute persönlich kennen gelernt. Die turnt nun auf ihrem Skateboard herum, Oli nestelt am Pullover – so sieht es also aus, wenn myspace.com (eine unter Emos besonders beliebte Website) mitten in Mariahilf plötzlich verdammt real wird.
„Emos sind immer gerade dann extreme Emos, wenn sie sich nicht als solche bezeichnen. Das ist immer so in der Szene“, meint Gunnar und zeigt hinter Lollys Rücken auf das Mädchen. Über die Lokale, die Musik der Emos und ihre Identität will Lolly nur widerwillig Auskunft geben. Das sei alles „nicht so wichtig“. Viel eher das Lebensgefühl, „die Hilfer“ als Treffpunkt, das „Hippie-Café“ in der Otto-Bauer-Gasse oder „Burggarten“, da gehe man auch hin („Kennst du Burggarten?“).
Und während das Mädchen über die „Pseudo-Kinder“ herzieht, die jetzt „glauben, Emos, zu sein, aber sich nicht g'scheit schminken“ (womit sie auch auf das Publikum im Generali Center anspielt, siehe Artikel rechts) bricht die Dunkelheit über die „Hilfer“ herein. Zeit für das Grüppchen, die Pläne für den Abend in die Tat umzusetzen. Ciao also und viel Spaß noch – oder doch nicht? Oli will „Die Presse“ wiedertreffen, um einige Dinge „über Emos klarzustellen“, das sei ihm wichtig. Also morgen auf einen Kaffee ins Café Ritter dort vorne? „Treffen wir uns lieber hier im Center“, lehnt Oli ab. Man bleibt eben lieber unter sich, in der Szene. Kommt Lolly auch? „Ich bin sowieso ab acht hier“, sagt sie. „Hast du nicht Schule?“, fragt Oli vorsichtig. Lollys Antwort: „Ich schwänz' doch sowieso.“
„Ich hab' eine Träne zerdrückt“
Zum Treffpunkt „Segafredo-Café“ am nächsten Morgen erscheint sie nicht. „Die ist nicht aus dem Bett gekommen“, meint Oli, der Cola Light schlürft und seine Augenringe von einer langen Nacht erzählen lässt. „Die Wiener Emo-Szene ist unglaublich, da ist so viel los wie in ganz Deutschland“, schwärmt er. Alles klar – aber gibt es nun eine verbindende Emo-Attitüde abseits vom Partymachen? Oli spricht von Rebellion, Individualität, von Szenemitgliedern, die einander Liebe und Geborgenheit geben: „Wenn Emos sagen, sie treffen sich, dann kommen sie wirklich.“ Aber, betont er: „Es ist auch nicht so, dass Emos den ganzen Tag weinen – das sind kreative Köpfe, die sehr wohl Macherqualitäten haben.“ So wie Oli selbst, der alias Oliver Deville mit Musikproduktion arbeitet. Und apropos Weinen, ein wenig später erzählt er dann selbst: „Wie nett wir da gestern im Hippie-Café aufgenommen wurden – ich hab' heimlich am Klo eine Träne zerdrückt.“
Merkmale: Tiefschwarz geschminkte Augen, schwarze oder pinke Haare, Kleidung in Schwarz, Rot, Pink und Neonfarben, mädchenhafte Accessoires mit Totenköpfen und Turnschuhe von Converse oder Van.
Musikalischer Ursprung: Emotional Hardcore (daher der Name Emo), ein Subgenre des Punk, mittlerweile aber auch Indie-Rock und andere Punk-Richtungen.
Soziales Milieu& Alter:
Etwa 12- bis 15-jährige Schüler, meist ohne Migrationshintergrund und aus der Mittelschicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2008)

Individuelle Uniform: Wir basteln uns einen Emo
Emos: Neonschwarz im Generali Center
Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google
Buskashi in Afghanistan:Polo-Spiel mit toter Ziege
ReutersDie Fotos eines Jahrzehnts
Welt der RekordeBikini-Parade und Massen-Umarmung











