Wien. Am Ende der Stunde läutet die Pausenglocke, wie in jeder anderen Schule. Doch beim Reizthema Impfen ticken die Uhren in der Rudolf Steiner-Schule in der Wiener Endresstraße ganz anders. Hinter den Mauern des einstigen Schlosses fühlt man sich nach dem Masern-Ausbruch in der Salzburger Waldorf-Schule von der Öffentlichkeit zu Unrecht angegriffen.
„Das ist Panikmache gegen die Waldorf-Schule“, sagt die 16-jährige Johanna. Die Schüler der Oberstufe sind aufgeregt, mit Trotz in der Stimme verteidigen sie ihre Schule, die keine Impfungen gegen Kinderkrankheiten anbietet. Alex sitzt neben Johanna im Sofa des geräumigen Klassenzimmers und findet die Aufregung über die Salzburger Masern-Epidemie „übertrieben“. „Die Krankheit könnte auch an einer normalen Regelschule ausbrechen. Dort sind auch nicht alle geimpft“, sagt er. Die 17-jährige Luise findet Masern „natürlich“ und warnt vor den Nebenwirkungen von Impfungen.
Weniger als die Hälfte der 330 Schüler, die die zwölf-stufige Schule besuchen, sind gegen Masern geimpft. Tetanusschutz haben dafür fast alle. Leichtfertig ginge man nicht mit Krankheiten um, verteidigt sich die Schulärztin Elisabeth Frank. „Differenziertes Impfverhalten“, wohlüberlegte Entscheidungen der Eltern seien das.
Kinder sollen fiebern können
Warum werden an der Steiner-Schule keine Impfungen durchgeführt? „Kinderkrankheiten sind Teil der Entwicklung eines Kindes“, sagt Frank. Und dazu gehöre eben auch das Fiebern lassen, die Bettruhe, der Heilungsprozess – die Krise als familiäre Herausforderung. Aus einer Kinderkrankheit könne ein Kind gestärkt hervorgehen. „Manche machen einen Entwicklungsschub durch.“
Jeden Herbst wird ein Info-Brief mit den amtlichen Impfempfehlungen an die Eltern der Waldorf-Schüler ausgegeben. Der wurde jetzt wegen des akuten Falles erneut ausgesendet. „Die Entscheidung für oder gegen eine Impfung bedeutet, dass man die Konsequenzen akzeptieren muss“, sagt Frank. Sollten Eltern nun Angst bekommen, sei eine Impfung aber besser. Impf-Aufrufe werde sie dennoch nicht ausgeben, erklärt die Kinderärztin. Fahrlässiges Handeln bei akuter Epidemie-Gefahr? Frank, gelassen: „Wir gefährden niemanden, denn wer geimpft ist, dem passiert sowieso nichts. Und die, die nicht geimpft sind, haben darüber nachgedacht.“
Die Eigenverantwortung, auf die man hier so stolz ist, dürfte der Steiner-Schule zum Problem werden. Maria Leutzendorff ist „entsetzt“ darüber, wie die Waldorfschulen von der Öffentlichkeit gesehen werden. „Sie glauben, wir sind eine Sekte“, sagt die römisch-katholische Religionslehrerin. Mit Religion habe die Anthroposophie doch nichts zu tun.
„Hier ist es sehr anders“, sagt Herta Hans über die Waldorf-Schule. Sie ist Sprecherin der Schulleitung – eine Funktion, die in etwa einer Direktorin entspricht. Das die Endresstraße 100 keine normale Schule ist, das sieht und riecht man auch. Das robuste Holzmobiliar, der durchdringende Geruch des Bio-Essens, die Plakate über anthroposophische Seminare im Eingangsbereich. Ein „rhythmisches Leben“, „Hülle“, Grundgesundheit – das sind Begriffe, die Hans verwendet, wenn sie von den Grundsätzen der Waldorf-Pädagogik spricht. Hülle bedeute „sich beschützt fühlen können“. Rhythmus als Lebensprinzip lernen die Kinder bei Bewegungsübungen und den (im Lehrplan wichtigen) Kreativ-Fächern. Ebenfalls wichtig: Gesunde Ernährung (gekocht wird in der Schule nur mit streng-biologischen Produkten) und „gesunde“ Kleidung. Das letztere Gebot dürften – zumindest – die Schüler nicht so ernst nehmen: Wie in jeder anderen Mittelschule laufen da Burschen mit Kapuzenpulli, Mädchen im H&M-Outfit über die Gänge. Es sind die Eltern, die die „aktive Entscheidung“ für die Wahl der Schule treffen, erklärt Hans. Dementsprechend engagiert wären die Erziehungsberechtigten: Neben dem Schuldgeld, das – individuell bemessen – zu zahlen ist, gibt es viermal jährliche Gesprächsabende in den Klassen („nicht einfach ein Elternsprechtag“) und andere Veranstaltungen.
Freie Wahl auch im Ernstfall
Und was, wenn aus dem Zufall Masern-Epidemie ein Ernstfall für Wien-Mauer wird? Schulärztin Elisabeth Frank: „Dann wird entweder die Schule geschlossen oder die Eltern entscheiden, ob sie die Kinder in die Schule schicken oder nicht.“ Fahrlässigkeit? Nein, freie Entscheidung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2008)

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