WIEN. „Und wo ich lebe, da sieht man noch die Sterne am Himmel leuchten“: Dieser Satz ist auf einen alten Bauwagen gesprayt, der mit Dutzenden anderen umgebauten Bussen und Lkw einen Kreis inmitten der Glashäuser und Gemüsefelder der Simmeringer Gärtnereien bildet. Hier, auf Österreichs einzigem Wagenplatz, leben seit acht Monaten gut 20 Menschen, mit ihnen Dutzende Hunde.
Die Bewohner, erzählt Studentin Lena, bildeten eine echte Gemeinschaft, geeint durch den Wunsch nach einem „alternativen“ Leben ohne „ferngesteuerten Konsumzwang“. Nun müssen sie das Grundstück räumen – schon wieder. Es ist der dritte erzwungene Umzug seit Gründung des Wagenplatzes im Herbst 2006.
Ohne Bewilligung errichtet
Vor wenigen Tagen, am 4.April, wurde den Bewohnern ein Räumungsbescheid der Baupolizei zugestellt. Die Begründung: Das 4000 m2 große Privatareal sei als Grünland gewidmet. „Eine Widmung für Zeltplätze, wie im gegenständlichen Fall erforderlich wäre, liegt nicht vor“, heißt es in dem Schreiben, das der „Presse“ vorliegt. Die Lkw, Bau- und Wohnwägen seien „ohne baubehördliche Bewilligung errichtet beziehungsweise aufgestellt worden“.
Noch bis 18. April können die Bewohner des Wagenplatzes Einspruch gegen den Bescheid erheben. Bringt die Berufung nichts, müssen sie innerhalb von zwei Wochen das Areal räumen. Zusätzlich droht eine 21.000 Euro-Strafe – wegen „Übertretung der Bauordnung“. Um die Fahrzeuge auf dem Wagenplatz abstellen zu dürfen, hätten die Mieter des Grundstückes nämlich um Baugenehmigung ansuchen müssen. Denn laut Wiener Bauordnung gelten die Lkw und Wohnwägen als „bauliche Anlagen“, da sie durch ihr Gewicht mit dem Boden verbunden sind.
Die Wagenplatz-Bewohner fühlen sich zu Unrecht von den Behörden „illegalisiert“. Schließlich sei der Platz regulär gemietet, der Besitzer mit der Nutzung einverstanden und sie befänden sich am Rande von Wien: „Unsere Kooperationsmöglichkeiten sind damit ausgereizt“, heißt es in einer Stellungnahme. Und jetzt?
Anderes Areal besetzen
Auch wenn er den Räumungsbescheid beeinspruchen will, macht sich Wagenplatz-Gründer Jacob keine Illusionen darüber, dass die Zeit auf dem derzeitigen Areal zu Ende geht. „Wir können höchstens die Räumung hinauszögern“, sagt er. Und, etwas kämpferischer: „Wir werden nicht dieses Areal verteidigen, sondern ein anderes besetzen.“ Schon einmal hat sich die Gruppe, nachdem ihr damaliger Vermieter seinen Grund verkauft hatte, auf einer ungenutzten öffentlichen Brachfläche illegal niedergelassen.
Gespräche mit der Stadt
Vorerst hofft Jacob noch auf eine Einigung mit der Stadt. Diese Woche soll bei einem Treffen geklärt werden, ob und wo es in Wien für den Wagenplatz geeignete, ungenutzte Grundstücke gibt. „So etwas kann man eigentlich nur auf Bauland machen“, erklärt Martin Orner, der für das Wohnbauressort an den Gesprächen teilnehmen wird. Den können und wollen sich die Wagenplatz-Bewohner nicht leisten. Die andere Option wären Zeltplätze, die dem Wunsch nach einem selbstorganisierten, „alternativen Wohnprojekt“ zuwider laufen. Stadt und Bezirk habe man nur deshalb in die Suche nach einem neuen Grundstück eingebunden, weil offensichtlich auch ein Mietvertrag den Wagenplatz nicht vor „Beamten, die ,ihre Pflicht ausüben‘“ schütze. Orner widerspricht. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass ein Wagenplatz auf dem Simmeringer Grund gegen die Bauordnung verstoße.
Aufgeben wollen die Wagenplatz-Betreiber nicht. „Wir wollen nichts von der Stadt geschenkt bekommen“, stellt Jacob klar. Aber man müsse eine Lösung finden; etwa ein temporäres Bleiberecht auf Baugrund, bei dem klar sei, dass er in einigen Jahren bebaut werde. Schließlich, so Jacob: „Es gibt in Wien Nachfrage nach einem Wagenplatz.“
www.wagenplatz.atÖsterreichs einziger Wagenplatz wurde im Herbst 2006 gegründet. Auf dem derzeitigen Standplatz bei den Simmeringer Gärtnereien leben etwa 20 Alternative zwischen 19 und 52 Jahren in umgebauten Bauwägen und Lkw.
Am 4.April kam der Räumungsbescheid wegen Verstößen gegen die Bauordnung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)
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