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Krimi-Stadt: Wer in Wien vom Mord lebt

11.04.2008 | 18:28 |  ULRIKE WEISER (Die Presse)

Tatort Schreibtisch. In Wien häufen sich die Krimi-Veranstaltungen – und rücken eine Branche ins Rampenlicht. Von den zirka 50 österreichischen Krimi-Autoren und -Autorinnen leben 35 in der Bundeshauptstadt.

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Wien. „Krimis“, sagt Franz Schuh, „sind eine Großstadtgattung – außer sie spielen auf dem Land.“ Entweder, so der Literat und bekannte Krimi-Rezensent, brauche das Verbrechen Beton-Anonymität oder Dorftratsch. Dazwischen gibt es wenig, in Österreich eigentlich nur eine Kulisse, die beides gut kann: Wien.

Der heimische Krimi liebt Wien (die meisten Romane spielen hier) und die Stadt liebt ihn zurück. Zuletzt auch öffentlich. Parallel zum Krimi-Wunder am Büchermarkt – laut der Statistik der „Thalia“-Kette steigt seit 2004 die Nachfrage nach Krimis in Österreich jährlich um 15 Prozent – mehren sich nämlich Events und Lesungen: Begonnen hat es 2002 mit der von Autorin Sabina Naber initiierten Wiener „Kriminacht im Kaffeehaus“. Mittlerweile wurde diese vom SPÖ-nahen Echo Medienhaus übernommen und zog im Vorjahr 20.000 Besucher an.

Kommende Woche dürften es einige mehr sein: Geschätzte 80.000 werden zur „Criminale“ (s. u.) erwartet. Europas größer Krimiautoren-Kongress mit 250 Teilnehmern gibt sein Wien-Debüt und das erste außerhalb Deutschlands. Für Echo-Geschäftsführer Christian Pöttler ist Wien damit endgültig „auf dem Weg zur Krimi-Metropole Nummer eins“.


35 Wiener „Schreibtischtäter“

Was immer das heißt. Denn „Krimi-Metropolen“ sind weder dem Literaturbetrieb noch dem Tourismus ein Begriff. Da kann Bürgermeister Michael Häupl im Vorwort zur Criminale-Anthologie „Schöne Leich' in Wien“ noch so von Graham Greene und dem Riesenrad schwärmen: Dass Wiener Krimis oder Krimi-Events der Stadt merkbar zusätzliche Gäste brächten, wäre Tourismuschef Norbert Kettner neu.

Was aber stimmt, ist, dass der Rummel jene ins Scheinwerferlicht rückt, die still hinter Wiener Fassaden am Schreibtisch morden: Von den zirka 50 österreichischen Krimi-Autoren und -Autorinnen (zirka Hälfte, Hälfte) leben 35 in der Bundeshauptstadt. Wobei die Verbrechensarbeit still, aber nicht einsam ist, gilt die Branche doch – ungewöhnlich für den Literaturbetrieb – als gesellig und vernetzt. Jeder kennt jeden, jeder trifft jeden, es gibt sogar einen Autoren-Stammtisch.

Woher der Hang zur Gruppe kommt? „Vielleicht daher“, sagt Naber, „dass der Krimi gern von Kritikern abgetan wurde.“ Das verbinde. „Vielleicht daher“, sagt Thomas Raab, „dass der kalte intellektuelle Hauch fehlt. Krimi ist da toleranter, wie Rock'n'Roll.“ Weswegen er sich als Singer/Songwriter/Lehrer einfach so getraut habe, einen zu schreiben. „Der Metzger muss nachsitzen“ wurde zum Überraschungserfolg und Raab, der für den Friedrich Glauser-Preis für das beste Debüt nominiert ist (s. u.), zum überraschend doch Beneideten. Rock'n'Roll hin oder her.

Und, Stadt-Autoren hin oder her, existiert soetwas wie der „Wiener Krimi“? Nicht in dem Sinn, so Schuh, in dem der zuletzt wieder modern gewordene Regionalkrimi verstanden wird, nämlich als besserer Stadtführer, der mit Lokalkolorit protzt. Trotzdem ist die Stadt beim Krimi allgegenwärtig, weil der, so Schuh, „ein präzises Außen“ braucht. Wie präzis, das variiert: Der Bogen reicht von Heinrich Steinfest, der als Ex-Wiener gekonnt jede Gasse – und böse gut den ersten Bezirk – charakterisiert. Über die Teilzeit-Städterin Eva Rossmann, die Namen beiläufig einfließen lässt. Bis zu Raab, der Wien nie erwähnt, aber zwischen Hundstrümmerl-Park und Punschständen auferstehen lässt. Witzig ist, dass am genauesten zwei Römer sind: Exakter als die Wahlwiener Rita Monaldi, Francesco Sorti kann man das Schloss Neugebäude schwer beschreiben.


Einarmige, Süchtige, Traurige

Andere Wiener Gemeinsamkeiten sind subtiler: Zum Beispiel fallen oder fielen Wiener Morde meist kompliziert aus, weil, so Naber, „die Gerichtsmedizin früher fast jeden Todesfall untersucht hat“. (s. S. 14). Wieder andere regionale Gemeinsamkeiten gibt es, obwohl oft zitiert, eigentlich gar nicht: So ist der skurrile Anti-Held ein hier zwar beliebtes, aber letztlich globales Phänomen. „Ab 1930 hat die Zuversicht, Fälle mittels Intellekt und Deduktion lösen zu können, abgenommen“, sagt Michael Rohrwasser, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Uni Wien.

Der melancholische, beeinträchtigte Ermittler war geboren und mit ihm Zenkers alkoholsüchtige Minni Mann, Steinfests einarmiger Cheng oder der traurige Brenner von Wolf Haas. Wobei die männlichen Ermittler tendenziell schlimmer dran sind als weibliche: „Bei manchen wundere ich mich, dass sie sich nicht selbst umbringen“, sagt Rossmann.

Apropos Ende: Wie geht es nun, da der Krimi salonfähig geworden ist (ob nun wegen der Aufhebung von E-und U-Kultur oder der Krimi-Hausse im TV oder weil es Krimis inzwischen für jeden Geschmack gibt) weiter? Eigentlich, sagt Rohrwasser, ist der Hype ja schon fast vorbei. Und eigentlich ist das gut so, denn durch die Aufnahme in den bürgerlichen Kanon, sagt Schuh, habe der Krimi an Oppositionskraft verloren. Gemeuchelt quasi vom eigenen Erfolg: Ein perfides Schicksal – und irgendwie ein sehr Wienerisches.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2008)

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