Zwangsheirat, Gewalt: „Nicht schweigen“

Die deutsch-türkische Autorin Seyran Ates beschuldigt die Gesellschaft, Probleme wie Zwangsheirat und Ehrenmord auszublenden – aus Angst, als Ausländerfeind zu gelten.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie sehen Multikulti als organisierte Verantwortungslosigkeit. Behandeln wir Migranten zu gut?

Seyran Ates: Das heißt nicht, dass man sie schlechter behandeln sollte. Dass man sie zu gut behandelt, sehe ich auch nicht. Ich meine damit, dass es Menschen gibt, die glauben, gut zu sein, weil sie Ausländer gut finden. Und nicht sagen, dass etwas nicht stimmt, weil sie nicht genau hinsehen, wie es den Menschen eigentlich geht.

Politisch korrekt, aber ignorant?

Ates: Gerade Frauen und Kinder leiden in Parallelgesellschaften am meisten. Wenn ein Multikulti sagt, man soll sie in Ruhe lassen, unterstützt man patriarchale Strukturen, die aufrechterhalten und nicht hinterfragt werden.

Ist Gutmensch etwas Negatives?

Ates: Natürlich will ich auch ein guter Mensch sein. Aber es gibt Menschen, die meinen, Gutsein für sich gepachtet zu haben. Ich nehme eher für mich in Anspruch, ein guter Mensch zu sein als sie.

Also ist Härte gegenüber Migranten besser für das Zusammenleben?

Ates: Es ist weniger Härte als Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit gefragt. Man muss schauen, was in den Communities überhaupt passiert, und ob das mit unserer Verfassung, unseren Werten vereinbar ist. Genauso muss man sich auch die österreichische, deutsche, europäische Seite anschauen, wie man mit Minderheiten umgeht. Es geht ja nicht, dass man nach außen hin freundlich ist und dann per Gesetz und in der gesellschaftlichen Realität doch diskriminiert.

Die Niederlande wurden oft als Vorbild genannt, dort ist die Multikulti Gesellschaft aufgebrochen.

Ates: Man hat die multikulturelle Gesellschaft dort so verherrlicht und gesagt, dass alles prima funktioniert. Doch die meisten dieser Gutmenschen kennen keinen einzigen Ausländer oder Menschen aus einer anderen Kultur.

Hatten also die Rechtspopulisten vor zehn Jahren Recht?

Ates: Auf keinen Fall. Die haben nur das Thema für sich verwendet. Das muss ich auch den linken und liberalen Gutmenschen vorwerfen. Wir arbeiten den Rechtspopulisten zu, wenn wir über Ehrenmorde, Zwangsheirat und häusliche Gewalt deswegen nicht sprechen, weil es als ausländerfeindlich gelten könnte.

Sie schreiben, dass türkische Kinder abgetrieben werden, wenn es ein Mädchen wird – auch in Europa. Sie legen aber keine Beweise vor.

Ates: Ich frage Sie, wer gibt das zu? Sie können mit Ärzten reden, aber welcher Arzt darf das erzählen.

Dann müssen Sie sich gefallen lassen, dass das ein Totschlagargument ist.

Ates: Ich berichte von Dingen, die mir zu Ohren kommen. Und ich behalte leider Recht. 1983 habe ich erstmals über Zwangsheiraten gesprochen, da gab es auch keine Belege. Inzwischen ist akzeptiert, dass es das auch in Österreich gibt. Bei Genitalverstümmelung hieß es lange, dass es das hier nicht gibt. Aber es gibt mittlerweile Beispiele von Ärzten, die das praktizieren.

Gesamt gesehen ist das aber eine verschwindende Minderheit.

Ates: Das lasse ich nicht gelten. Jedes einzelne Kind ist ein Kind zu viel.

Damit nehmen Sie aber alle anderen Migranten in Geiselhaft.

Ates: Da machen es sich auch wieder die Gutmenschen einfach mit diesem Totschlagargument. Die sollen Konzepte bringen, wie man das verhindern kann. Wenn man sagt, das sind alles Einzelfälle, ändert sich nichts an der Situation der Frauen, Mädchen und Kinder.

Wo bleibt dann der große Aufschrei der muslimischen Frauen?

Ates: Wie viele Frauen trauen sich öffentlich kund zu tun, dass sie das Kopftuch unfreiwillig tragen? In den Siebzigern hat Alice Schwarzer die Aktion „Ich habe abgetrieben“ gestartet. Wie lange hat es gedauert, bis Frauen das zugeben konnten. Warum hängt man bei muslimischen Frauen die Latte niedriger. Warum erwartet man, dass sie plötzlich frei reden?

Aber es gibt doch tatsächlich viele Frauen, die es freiwillig tragen.

Ates: Das sagen Sie. Eine Behauptung, die sie nicht belegen können.

Ich habe mit vielen gesprochen.

Ates: Haben Sie gefragt, wenn ein Kind im Schulalter ein Kopftuch tragen musste, ob es das als Erwachsener überhaupt ablegen kann? Und warum soll es Ihnen sagen, dass es das Kopftuch nicht freiwillig trägt?

Viele tragen es als Protest gegen die Eltern oder gegen die Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft.

Ates: Damit beweisen Sie meine Aussage, dass es eine politische Provokation ist. Ich möchte, dass Frauen sich anders emanzipieren.

Ist es da hilfreich, dass viele ausschließlich türkisches Fernsehen über Satellit schauen?

Ates: Es ist ein Vorurteil, dass Menschen im Heimatfernsehen nur mit alten Traditionen berieselt werden. Im türkischen Fernsehen sehen sie die Bearbeitung der Themen Ehrenmord, häusliche Gewalt und Zwangsverheiratung.

Ist die Türkei bei diesen Themen weiter als wir?

Ates: Ja. Dort wird das nicht aus getarnter Gleichgültigkeit totgeschwiegen.

ZUR PERSON

Seyran Ates, am 20. April 1963 in der Türkei geboren, lebt als Rechtsanwältin und Autorin in Berlin. In ihrem Buch „Der Multikulti-Irrtum“ (Ullstein) berichtet sie über Erfahrungen mit Klientinnen, die zwangsverheiratet oder verschleppt wurden. Bei ihrer Arbeit in einer Beratungsstelle wurde sie 1984 angeschossen und schwer verletzt.

Für einen Vortrag für die Plattform „Weltstadt Wien“ war sie am Mittwoch in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2008)

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