Missbrauch: Wie kann das hier passieren?

Medien belagern Amstetten: Sie stellen dieselbe Frage wie die Nachbarn, die angeblich nichts gemerkt haben: „Wie konnte dieses Drama passieren?“

AMSTETTEN. Auswärtige verschlägt es eher selten hierher. In die niederösterreichische Bezirkshauptstadt Amstetten. An diesem sonnigen Sonntagnachmittag ist alles anders. Autos aus Wien, Graz, Linz, Bratislava, Köln und sogar Hamburg drängen sich vor dem Haus Ybbsstraße. Hier, in einer ruhigen Wohngegend, soll etwas passiert sein, das selbst die leitenden Ermittler noch nicht begreifen.

Während Reporter aus ganz Europa Anrainer fragen, wie er den so war, der Josef F., der seine 42-jährige Tochter 24 Jahre im Keller seines Hauses hielt und sie sechsmal schwängert, fragen die Anrainer zurück: „Der soll das gewesen sein?“, zweifelt eine Nachbarin und verschwindet mit Tränen in den Augen in ihrem Haus. „Das ist eine Katastrophe“, sagt eine andere Nachbarin, „entsetzlich, mir stellt es die Haare auf.“

Andere sind auskunftsfreudiger. Walter Wemer etwa, der seit elf Jahren neben dem schmucklosen Betonzubau der Familie wohnt. Ende der 1960er Jahre war das Haus schrittweise renoviert und ausgebaut worden: „Im Nachhinein kommt es mir schon seltsam vor, dass der älteste Sohn der Familie, der auch in dem Haus lebte, so viel Lebensmittel in das Haus brachte, dass er dafür eine Schubkarre brauchte.“ Mehr sei ihm aber nicht aufgefallen.


Hinter Bretterzaun und Thujen

Wie auch: Der Garten des Grundstücks ist hinter einem meterhohem Bretterzaun versteckt. Die Fenster des Gebäudes, in dem bis zuletzt zehn Menschen „lebten“ sind teilweise verklebt. Als „sehr zurückgezogen“ beschreibt eine jüngere Nachbarin die Familie. Hin und wieder habe sie die Kinder im Garten spielen gehört hat: Auf dem kleinen Rasenstück und im kleinen Pool hinter einer Thujenhecke. Für sie, sagt die Nachbarin, klang das in keiner Weise auffällig.

Sehr eigenbrötlerisch, sagt ein anderer Nachbar, sei der Verdächtige gewesen, man habe praktisch nichts von ihm gewusst. Im kleinstädtischen Flair des Grätzels südlich des Stadtzentrums ungewöhnlich, denn im Grunde kennt jeder jeden – zumindest „vom Sehen“.

Die Familie war eine der wenigen Ausnahmen, sie lebte so abgeschieden, dass sich alteingesessene Ybbsstraßler sogar einmal gefragt hatten, ob „der Alte“ nicht überhaupt schon gestorben sei.

Zu sehen bekommen die Dutzenden TV-Teams, Fotografen, Reporter und Schaulustige nicht viel. Nur ab und zu huschen Beamte der Spurensicherung in Schutzanzügen zwischen Hauseingang und Dienstfahrzeugen hin und her.

„Wie konnte das passieren?“, wollen Journalisten von Nachbarn und Nachbarn von Journalisten wissen. Selbst die Polizei kennt die Antworten nicht: Erst einmal hatten die Behörden für knapp zwei Stunden die Gelegenheit, die 42-jährige Elisabeth über ihr Martyrium zu befragen: „Wir können das Puzzle noch nicht lösen“, sagt Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich.

„Ich glaube nicht, dass die Frau des Verdächtigen von all dem nichts bemerkt haben kann“, sagt eine junge Nachbarin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Alois Freynschlag hingegen glaubt der Frau, dass sie 24 Jahre lang nicht wusste, dass ihre Tochter nur wenige Meter unter ihr in einem Verlies eingesperrt war.

In den 1980ern war es, als Freynschlag mit seiner Frau die Familie im nahegelegenen Aschbach besuchten. Dort hatten sie ein Gasthaus gepachtet: „Damals war sie ganz verzweifelt, und erzählte, dass ihr ihre verschwundene Tochter ein Kind überlassen habe.“ Ob ihre Geschichte echt war? Freynschlag: „Ich glaube ja.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2008)

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