Missbrauch: Wie kann das hier passieren?

27.04.2008 | 18:44 |  ANDREAS WETZ UND MICHAEL KÖTTRITSCH (Die Presse)

Medien belagern Amstetten: Sie stellen dieselbe Frage wie die Nachbarn, die angeblich nichts gemerkt haben: „Wie konnte dieses Drama passieren?“

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AMSTETTEN. Auswärtige verschlägt es eher selten hierher. In die niederösterreichische Bezirkshauptstadt Amstetten. An diesem sonnigen Sonntagnachmittag ist alles anders. Autos aus Wien, Graz, Linz, Bratislava, Köln und sogar Hamburg drängen sich vor dem Haus Ybbsstraße. Hier, in einer ruhigen Wohngegend, soll etwas passiert sein, das selbst die leitenden Ermittler noch nicht begreifen.

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Während Reporter aus ganz Europa Anrainer fragen, wie er den so war, der Josef F., der seine 42-jährige Tochter 24 Jahre im Keller seines Hauses hielt und sie sechsmal schwängert, fragen die Anrainer zurück: „Der soll das gewesen sein?“, zweifelt eine Nachbarin und verschwindet mit Tränen in den Augen in ihrem Haus. „Das ist eine Katastrophe“, sagt eine andere Nachbarin, „entsetzlich, mir stellt es die Haare auf.“

Andere sind auskunftsfreudiger. Walter Wemer etwa, der seit elf Jahren neben dem schmucklosen Betonzubau der Familie wohnt. Ende der 1960er Jahre war das Haus schrittweise renoviert und ausgebaut worden: „Im Nachhinein kommt es mir schon seltsam vor, dass der älteste Sohn der Familie, der auch in dem Haus lebte, so viel Lebensmittel in das Haus brachte, dass er dafür eine Schubkarre brauchte.“ Mehr sei ihm aber nicht aufgefallen.


Hinter Bretterzaun und Thujen

Wie auch: Der Garten des Grundstücks ist hinter einem meterhohem Bretterzaun versteckt. Die Fenster des Gebäudes, in dem bis zuletzt zehn Menschen „lebten“ sind teilweise verklebt. Als „sehr zurückgezogen“ beschreibt eine jüngere Nachbarin die Familie. Hin und wieder habe sie die Kinder im Garten spielen gehört hat: Auf dem kleinen Rasenstück und im kleinen Pool hinter einer Thujenhecke. Für sie, sagt die Nachbarin, klang das in keiner Weise auffällig.

Sehr eigenbrötlerisch, sagt ein anderer Nachbar, sei der Verdächtige gewesen, man habe praktisch nichts von ihm gewusst. Im kleinstädtischen Flair des Grätzels südlich des Stadtzentrums ungewöhnlich, denn im Grunde kennt jeder jeden – zumindest „vom Sehen“.

Die Familie war eine der wenigen Ausnahmen, sie lebte so abgeschieden, dass sich alteingesessene Ybbsstraßler sogar einmal gefragt hatten, ob „der Alte“ nicht überhaupt schon gestorben sei.

Zu sehen bekommen die Dutzenden TV-Teams, Fotografen, Reporter und Schaulustige nicht viel. Nur ab und zu huschen Beamte der Spurensicherung in Schutzanzügen zwischen Hauseingang und Dienstfahrzeugen hin und her.

„Wie konnte das passieren?“, wollen Journalisten von Nachbarn und Nachbarn von Journalisten wissen. Selbst die Polizei kennt die Antworten nicht: Erst einmal hatten die Behörden für knapp zwei Stunden die Gelegenheit, die 42-jährige Elisabeth über ihr Martyrium zu befragen: „Wir können das Puzzle noch nicht lösen“, sagt Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich.

„Ich glaube nicht, dass die Frau des Verdächtigen von all dem nichts bemerkt haben kann“, sagt eine junge Nachbarin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Alois Freynschlag hingegen glaubt der Frau, dass sie 24 Jahre lang nicht wusste, dass ihre Tochter nur wenige Meter unter ihr in einem Verlies eingesperrt war.

In den 1980ern war es, als Freynschlag mit seiner Frau die Familie im nahegelegenen Aschbach besuchten. Dort hatten sie ein Gasthaus gepachtet: „Damals war sie ganz verzweifelt, und erzählte, dass ihr ihre verschwundene Tochter ein Kind überlassen habe.“ Ob ihre Geschichte echt war? Freynschlag: „Ich glaube ja.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2008)

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26 Kommentare
 
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Gast: pedro111
01.05.2008 22:11
0

Jugendamt Amstetten: Beispielhaft?

Zum Jugendamt Amstetten ist zu sagen, dass dies auch bei Drogenabgabe (geschehen durch die Mutter an meine Tochter) nicht aktiv wird. "Wir werden zur Mutter fahren und ihr sagen sie soll es (Drogen an sechsjährige) nicht mehr tun"
Doch nicht mal das geschah: Just vor der Hausdurchsuchung durch die Polizei erfolgte lediglich ein Anruf durch das Jugendamt, das Zeug verschwinden zu lassen. Eine Untersuchung des Kindes wurde nicht angeordnet, es wurden Maßnahmen ergriffen, die Sache zu vertuschen.

Vater des Kindes

PS: Hervorzuheben ist der Einsatz des Bezirkshauptmanns, der allerdings energisch gegen den Vorfall aufgetreten war

Wie kann man für so ein Monstrum

eine Baubewilligung bekommen?

Gast: peter
28.04.2008 18:43
0

gestern im ORF

die ORF Sendung "im Zentrum" gestern bot ein fast so schauderhafte Bild wie der ganze Fall.

Da sassen alle Verantwortlichen bis hin zum Minister im Kreis und waren sich total einig:

" ja tragisch das Ganze,
aber da kamma halt nix machen"

UND:
"WIR haben alles richtig gemacht uns trifft keinerlei Schuld"

na bavo!

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 16:15
0

...

Aber ich bin die Böse, wenn ich einmal gegen jemanden etwas sage, vielleicht sogar politisch inkorrekt im Zorn. Ich kann mir vorstellen, dass mir das manche Leute nachzuweisen versuchten, und mich deshalb diskriminieren, auch in meiner Problematik. Vielleicht Frau Z., weil ich als 11 Jährige einmal ihrem Buben, der war 10, eine Ohrfeige verpaßt habe. Sie freut sich heute sicher, dass ich ein Problem habe. Es steht auch absolut in einer Relation.
Hauptsache Frau Spera ist politisch und publizistisch korrekt.

Die

In unserer Kultur gilt eben die Privatsphäre als "heilig". Nur in Diktaturen, im 3. Reich und im Kommunismus, haben staatliche Organe jederzeit Zutritt in die Wohnungen ihrer Bürger. In einer freien Gesellschaft hat man eben Respekt vor dem "Revier" des anderen.

Der heute 73jährige Vater hatte zudem ein äußerst raffiniertes Verschleierungssystem entwickelt. Für die meisten hatten seine "Legenden" durchaus glaubhaft geklungen. Und wenn anderen vielleicht ein seltsames Gefühl beschlich - wie hätten sie denn den Behörden gegenüber ihren Verdacht begründen sollen? Und wo wäre der Staatsanwalt gewesen, der die Bewilligung für einen Hausdurchsuchungsbefelhl erteilt hätte?

Meiner Meinung nach ist das, was da über Jahrzehnte ablief, derart fern jeder normalen menschlichen Vorstellungskraft und daher monströs, daß verständlicherweise Nachbarn und Behörden jetzt mit totaler Fassungslosigkeit reagieren.

Oder soll man jetzt jede Wohnung und jeden Keller mit Videokameras ausstatten?

Re: Die "heilige" Privatsphäre

Genau so hätte der Titel eigentlich lauten sollen!

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:39
0

...

Das können wir alles unter weniger Augen klären?! Seit wann? Dann schreibt das Tiergeschäft Welpen zu verkaufen, und beschuldigt mich des Geschäfts verweisend, ich habe bei meinem letzten Besuch einen Kontrolleur verständigt und mitgebracht.

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:35
0

...

Lassen sie uns ja alle in Ruhe endlich!

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:28
0

...

Spera legitimiert unbegründete Dinge. Für eine Meinung scheint sie zu feig. Und das ist ein publizistischer Skandal! Möge alles noch so grausam sein!


Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:25
0

Muss

man auch nicht zurechnungsfähig sein, um der Meinung sein zu dürfen, dass einen die Gesellschaft nicht interessiert. Jedenfall ist auch der Möst privat keinesfalls interessanter.

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:23
0

Vielleicht

ist es noch immer ein Tabu für Nachbarn sich mit solchen Dingen zu befassen. Niemand möchte jemand verdächtigen, schlecht machen, etc..

Warum nicht noch Steininger? Sie hätte sicher Interesse an der öffentlichen Kommunikation teilzunehmen. Hat sie den Schülern doch den Code of Honour gepredigt.


Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:17
0

Dass immer nur

Verbrechen im Zusammenhang mit sexuellem Mißbrauch so bedauernswert interessant zu sein scheinen ...! Je detaillierter beschrieben, desto lieber!
Fehlt noch, dass Sulzer auf Besuch kommt!

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:14
0

Und dann geht es wieder:

... sollte man sofort die Todesstrafe wieder einführen, ... tatatatata ...

Gast: Frau Sch ...
28.04.2008 15:12
0

Wie das in einer Wohlstandsgesellschaft

ein Vierteljahrhundert passieren kann? In einer Wohlstandsgesellschaft können furchtbare Ungerechtigkeiten auch öffentlich geschehen, und gerade das scheint eine Wohlstandsgesellschaft zu legitimieren. Nur z.B. ein Welser-Möst läßt über die Medien ausrichten, er sei eben wahnsinnig, und das müssen alle mitmachen, weil er eben ein großer Künstler sein möchte.

Ermittlungen

Nach dem Fall Kampusch dachte ich noch. OK kann den besten Ermittlern passieren, das etwas übersehen wird. Jetzt denke ich, daß in etlichen Fällen einfach nicht ernsthaft ermittelt wird. Siehe im übrigen auch die jüngsten Mordfälle in Tirol. Daß im übrigen auch eine äußerst schnelle Ermittlung möglich ist, zeigt der jüngste Fall, in dem ein Angehöriger der Nomenklatura betroffen war. Ansonsten scheint so manchem in der Polizei und Justizbehörde alles über den Kopf zu wachsen. Da pragmatisiert flüchten sich die genannten Personen dann in die innere Emigration. Resultat siehe oben.

Die Behörden haben völlig versagt -

hier muss rücksichtslos aufgeräumt werden!
Die "unschuldige" Ehefrau ist sofort in Haft zu nehmen!
Für solche Fälle muss die Todesstrafe wieder eingeführt werden.

Antworten Gast: TS12
28.04.2008 13:45
0

Re: Die Behörden haben völlig versagt -

"für solle fälle muss die todesstrafe wieder eingeführt werden" - das ist zu gut für diesen Perversen, man sollte ihn bis zum rest seines lebens (und hoffentlich ist das noch eine weile) ebenfalls in einer zelle ohne licht sperren und ihn quälen!

Gast: Odi
27.04.2008 21:47
0

Dreimal legt die ...

... abgängige Tochter dem "gebrochenen" Grossvater Neugeborene vor die Tür - und niemand wird da misstrauisch? HALLOOOOOO?? Die Exekutive wird nie alle Psychopaten erwischen - wie auch? Das kann keiner seriöserweise verlangen. Aber in diesem Fall würde mich eine lückenlose Information über die Ermittlungen und deren Fortgang in all diesen Jahren doch sehr interssieren.

Gast: Gast
27.04.2008 19:19
0

Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs


Jetzt muß man den niederösterreichischen Behörden (angefangen vom Jugendamt) auf die Finger schauen.


Re: Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs

die allerdümmsten sind aber jene, die bei allem und jeden sofort nach dem staat schreien und ihm die schuld geben; der staat kann und soll nicht alle potentiellen psychopathen überwachen, weil es in der natur der sache liegt, dass man erst im nachhinein weiß, wann es sich um einen ebensolchen handelt; wenn der staat trotzfdem damit beginnen sollte, dann soll er gefälligst mit solchen leuten, wie mit ihnen anfangen, die bei jedem zwischenfall sofort die totale überwachung fordern

Antworten Antworten Gast: kh123
27.04.2008 20:53
0

Re: Re: Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs

Wie würden Sie es erklären, dass dreimal (!!) eine Geschichte durchgespielt werden konnte, dass eine seit Jahrzehnten abhängige Tochter ihre Kinder bei den Grosseltern abgelegt hat. Ist es nicht erstaunlich, dass eine solange abgängige mehrmals ohne weiteres zu ihrem früheren Wohnort fahren konnte, ohne dass da nachermittelt wurde, wo sie sich aufhalten könnte. Wurde da nicht eine genetische Untersuchung, ob eine Verwandtschaft zu den Grosseltern tatsächlich besteht, durchgeführt (schon um Nachahmungstäterinnen auszuschliessen)? Und fiel da keinem der Genetiker auf, dass die Übereinstimmung mit dem Großvater 75% statt 50% ist?? Wenn man eine Abgängige sucht, wird man doch zumindest geschaut haben, ob die unbekannten Väter identisch waren, um Rückschlüsse zu ziehen. Das sind eklatante Ermittlungsfehler, passiert im selben Bundesland wie auch beim Fall Kampusch. Dort sind Dilettanten am Werk. Offenbar brauchen wir hier tatsächlich eine totale Überwachung, und zwar der Behörden!

Re: Re: Re: Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs

ermittler, genetiker ... und der staat hat sowiso an allem schuld - und denken tun wir soviel wie getrocknetes brot; tatsächlich versagt hat hier die zivilgesellschaft und nicht der staat: was ist mit verwandten, bekannten, nachbarn usw. so etwas wie zivilcourage scheint es nicht zu geben und was man nicht sehen will, sieht man auch nicht; ist ja ein phänomen, das auch aus unserer zeitgeschichte hinlänglich bekannt ist, damals gab es ja den von ihnen gewünschten staat mit totaler überwachung

@imperator augustus

Was uns heutzutage abgeht, sind einfach die alten Frauen, die früher mangels Fernseher am Fenster saßen und denen nichts entging. Man hat diese alten Frauen als Drachen und Blockwarte denunziert. Heute gibt es sie nicht mehr und man hätte sie gern wieder.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: kh123
28.04.2008 07:35
0

Re: Re: Re: Re: Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs

Sie scheinen es einfach nicht kapieren zu wollen: weder ich noch "Gast" fordern den totalen Überwachungsstaat, sondern haben im Gegenteil massives Misstrauen in die Behörden, die dieser beschäftigt. Oder noch etwas härter: dieser Staat, der immer häufiger solche Ansinnen (vor allem aus der Ecke unseres allseits überforderten Innenministers) fordert, ist mit den bereits zur Verfügung stehenden Mitteln unfähig, vernünftiges umzusetzen. Mehr Überwachung durch den Staat ist das letzte was ich fordern würde. Im Gegenteil: gegen diesen Apparat benötigen wir mehr Kontrolle. Auch Schuld ist ein Begriff, den nur Sie verwenden. Weder Gast noch ich haben das angeschnitten. Juristisch ist die Schuld hier ziemlich klar: beim Täter. Das löst aber leider kein Problem. Zivilcourage bei der NÖ Landbevölkerung zu fordern ist müssig, Kompetenz bei Behörden dagegen muss man voraussetzen dürfen, die werden schliesslich um teures Geld finanziert.

Wenn Du keinen Überwachungsstaat willst,

darfst Du von ihm auch nicht fordern, derartiges zu verhindern - ein liberaler Rechtsstaat kann soetwas nie vollkommen verhindern, ein totalitärer Staat meist auch nicht.
Alles andere wäre "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!" - und ein gefundenes Fressen für jeden Möchtegern-Überwacher obendrein.

Re: Re: Re: Re: Re: Vielleicht der größte Behördenskandal Österreichs

naja, wenn vom größten behördenskandal österreichs die rede ist - der täter kommt ja im posting nicht vor - dann wird schon der behörde die schuld gegeben;

 
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