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Wenn Nackte nicht lachen dürfen

12.05.2008 | 18:16 |  ULRIKE WEISER (Die Presse)

Sechseinhalb Stunden inszenierte der Künstler Spencer Tunick bloße Körper im Stadion. 1840 Menschen hielten still.

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Wien. 15.30 Uhr. So langsam kann das gehen. Eineinhalb Stunden und noch immer ist keiner im Ernst-Happel-Stadion nackt. Woraus man folgern kann. Erstens: Das wird wirklich lange dauern. Und zweitens: Das wird – Nackte hin oder her – sich auch wirklich so anfühlen.

Für die Zuschauer, sprich die Medien nämlich. Für die 1840 Beteiligten (3000 waren angemeldet, gerechnet hatte man mit 1500, die tatsächlich erscheinen) ist eine Installation mit Spencer Tunick hingegen anstrengend. Auch was den Ton betrifft. Nach dem ersten „Hello, I'm Spencer“ und nachdem alle über die Sitzreihen im Sektor B verteilt sind, hallen Befehle überlaut durchs Megafon: Kein Schmuck, keine Sonnenbrillen, kein Lächeln. Bitte, danke. Und auf drei alle ausziehen.

15.40 Uhr. Drei! Ein hübscher Moment. Aus 1840 bunten Individuen wird eine homogen fleischfarbene Masse. Eine exakt 1838 Kopf-starke. Denn zwei Personen (darunter ein Mann mit Kind) haben es sich anders überlegt. Und müssen gehen.

15.50 Uhr. Hinauf auf den Sessel. Rücken zum Fotografen. Arme zur Seite: „Seid stark, seid Flugzeuge“. Der Übersetzer hat hörbar den Ehrgeiz, möglichst monoton und mechanisch zu klingen. Die Menge nimmt es trotzdem gelassen. Mit zäher Zeitverzögerung bewegen sich die Gliedmaßen. Es dauert, bis – das dann aber überraschend knapp und exakt – die vier Kameras klicken können. Die Journaille (80 aus acht Ländern) schwitzt fade in der Sonne. Nackte – na und? Man hat sich schnell gewöhnt.

16. 30 Uhr. Der Tross ist zu den türkisen Sitzen übersiedelt. Man ist in Liegeposition, wirkt entspannt. „Die ersten zwanzig Minuten“, meint Christian Hofbauer später, „schaut man schon. Danach nur mehr ins Gesicht. Das ist ja das Einzige, wodurch man die Leute unterscheidet.“ Mitgemacht hat der Niederösterreicher aus Neugier. Wie viele hier. Neugier auch darauf, wie man selbst auf eine solche Situation reagiert: „Im Prinzip habe ich Angst davor“, so Janina Scheibenpflug, „aber das zu überwinden, ist psychologisch interessant.“

Interessant auch die Palette der – im Resümee dann enthusiasmierten – Teilnehmer: Sie reicht vom US-Geschäftsmann, der nach einer Konferenz zufällig vorbeischaut, über studentische Freundes-Grüppchen bis zum 82-jährigen „Naturisten“ und Ex-Mönch. Insgesamt mehr Männer als Frauen, Teilnehmer aus 31 Ländern. Nicht alle mit lauteren Motiven: Einem Mann, der heimlich fotografiert (unter dem über den Arm gelegten T-Shirt), wird die Kamera abgenommen. Handy-Fotos werden aber toleriert.

18.30 Uhr. Eine halbe Stundenach dem anvisierten Ende. Die einseitig dezimierte Gruppe – die Frauen frieren schon – marschiert vorbei am Medien-Eck zur vorletzten Station. Vorwitzige schlagen Rad. Auch sonst gibt es Einlagen: Die Crew vom kolumbianischen TV zieht sich aus, ein „Germany's Next Top Model“ posiert und ein fiebriger Gerald Matt kommt – mit Hut und Anzug. Die Grippe hätte ihn gezwungen, so der Kunsthalle-Direktor, seine Teilnahme vorzeitig zu beenden. Ansonsten laufe aber alles nach Plan. Zeitplan?


Der Höhepunkt: Stachliger Rasen

19.30 Uhr. Der Höhepunkt. Zuerst die Männer, dann die Frauen liegen auf dem stacheligen Kunstrasen mit tausend Fußbällen. Mit Argusaugen wacht die Crew, dass niemand den echten Rasen (Uefa-Verbot!) betritt.

20.30 Uhr. Es ist kalt, fast zu Ende. Die Gespräche drehen sich um Dringendes: WC. Schweizerhaus. Noch ein paar Danke. Klatschen.

20.40 Uhr. So schnell kann das gehen. Nur ein Moment, dann sind die devoten nackten Massen weg und die Studenten, Geschäftsleute wieder zurück. Und haben – nach sechseinhalb Stunden Lebenszeit – ein Leben lang was zu erzählen.

ZUR PERSON: Spencer Tunick

Der New Yorker Künstler ist bekannt für seine sozialen Skulpturen aus nackten Menschen. (zuletzt auf einem Schweizer Gletscher). Sein Ziel sei es, sagt Spencer Tunick die Anonymität öffentlicher Räume der Verletzlichkeit des Körpers gegenüber zu stellen. In Wien hat Tunick bereits 1999 gearbeitet. Die aktuelle Installation wurde zur EM und in Kooperation mit der Kunsthalle gemacht. Die dazugehörige Ausstellung startet am 23. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)

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7 Kommentare
Gast: Gregor
13.05.2008 15:31
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Ich war dort

Endlich mal ein bericht der so rüberkommt wie es war! Ja es war schon von Anfang an ziemlich kühl und es wurde nicht besser. Nackt auf metallsesseln zu liegen wird sicher keine Leidenschaft von mir. Interessant habe ich den Umgang der Menschen untereinander gefunden, er war von meiner Warte aus sehr freundlich. Anscheinend ist es so, wenn mann nichts anhad, verschwinden Unterschiede. Da ich selbst Akttonist bin, war ich gerne bereit daran mitzuwirken, es ist wirklich nicht leicht Menschen zu finden, die sich trauen einmal etwas anderes zu machen bzw, sich auf neue Erfahrungen einzulassen!

Gregor Orlinski
Gegen die Sprachlosigkeit
www.sprachlosigkeit.com

pjaschke
13.05.2008 21:48
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Re: Ich war dort

Hi, ich war auch dort und ich fand es toll! Da ich seit Jahren FKK-Urlauber bin, war es mir vielleicht weniger fremd als so manchen Anderen, sich plötzlich nackt, ohne Dekor, gegenüber zu stehen. Und plötzlich sieht dein Generaldirektor auch so aus wie du - du hoffendlich besser :-) - Wer war schon mal auf einem Segelschiff auf Törn? Wie schnell ändern sich da auf einmal Kompetenzen!
Das schöne an dieser Veranstaltung war, dass es zum einen einen versuchten Teamgeist gegeben hat (für mehr war die Zeit zu kurz), dass es aber völlig uninteressant war, welchen Mega-Job dein Nachbar hat bzw. was er verdient, ob dein Pimmel zu lang oder zu kurz war, ob die Brust der Nachbarin jugendlich oder halt schon ein wenig älter war!
Du hast dich auf eine Erfahrung eingelassen, hoffendlich nichts bereut und, wie die PRESSE so schön schreib: "nach sechseinhalb Stunden Lebenszeit kann man ein Leben lang was erzählen!"

panda82
13.05.2008 17:09
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Re: Ich war dort

Entschuldigen Sie bitte...

Welchen Sinn hat so eine Nacktfotographie???

Ok. Es ist Kunst!!! Wer sind die Liebhaber dieser Kunst???

pjaschke
13.05.2008 21:12
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Re: Re: Ich war dort

Wennst Nackerte nicht magst, dann halte dich im Sommer von der Donauinsel SÜD fern! Denn da gibts nur Nackerte, und die machen sicher keine Kunst sondern schätzen es, ohne Gwand in der Sonne zu liegen. Und wenns dir nicht gefällt, geh nicht hin, bleib in deiner Wohnung, mach den Vorhang vor und halte die Go!
OK?

panda82
14.05.2008 11:41
0 0

Re: Re: Re: Ich war dort

Ich hatte nach der Fotographie gefragt, nicht nach dem Nacktbaden!!!

Gast: Dr. Teufelsdrökh
13.05.2008 14:59
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ars-ch pour ars-ch

Von Idioten, mit Idioten, für Idioten...

pjaschke
13.05.2008 21:28
0 0

Re: ars-ch pour ars-ch

Akzeptanz, Toleranz und der soziale Umgang mit Menschen wird bereits in der frühen Kindheit geprägt und mit Bildung und Erfahrung gefestigt. Sich mit der Faust, egal ob verbal oder auch physisch auszudrücken, stellt einen großen Mangel an o.a. sozialer Kompetenz/Intelligenz dar. Denn nur Mangel an sozialer Kompetenz/Intelligenz veranlasst jemanden dazu, vorallem nicht dabeigewesend, (ist das Futurum Perfektum?) irgendwelche unbekannte Menschen als Idioten zu bezeichnen! Der Kommentar ist eine sehr sehr bescheiden Ausbeute aus einer seit über 5000 Jahren gepflegten Kommunikation :-(
Und vorallem der PRESSE nicht würdig, bei ÖSTERREICH täte es mich nicht wundern.

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