KLAGENFURT. „Unsere Gemeindevertreter und Tourismus-Experten fördern auf öffentlichen Plätzen zur Schau getragenen Vandalismus, missbräuchlichen Alkoholkonsum und Auto-Rowdytum“, sagt Franz Egger aus Reifnitz. Was er mit so drastischen Worten beschreibt, ist tatsächlich das GTI-Treffen, das alljährlich am Wörthersee stattfindet.
In dieser Woche nimmt dieses Event erneut seinen Lauf, rund 200.000 Auto-Freaks werden erwartet. Das Zentrum des Treffens ist der sonst so idyllische Flecken Reifnitz am Südufer des Sees. Dessen Bürgermeister Adolf Stark verteidigt das wilde Treiben samt „Gummi-Gummi“ und Alkoholexzessen. Das Treffen der Autofans sei ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, betont der Ortschef. Im vergangenen Jahr hätten die Besucher mehr als neun Millionen Euro im Land gelassen.
Auch heuer könne man wieder mit der Belebung der Tourismusregion in der Vorsaison rechnen. Denn die GTI-Fans sorgen für rund 150.000 zusätzliche Übernachtungen.
Viele seiner Mitbürger sind mit der Haltung des Bürgermeisters nicht einverstanden. „Wer kann, packt seine Sachen und verlässt Reifnitz in der GTI-Woche“, bestätigt Elke Treichl die Abneigung der betroffenen Anrainer gegenüber dem Motoren-Spektakel.
Leidensgenosse Franz Egger gibt sich mit der Flucht auf Zeit heuer nicht zufrieden: Er will seinen Wohnort im nächsten Jahr überhaupt verlassen. Er möchte seiner fünfköpfigen Familie – die Kinder sind im Alter zwischen zwei und sieben Jahren – den Tumult nicht länger zumuten.
„Kulturelles, geistiges Vakuum“
Was er zu berichten hat, lässt zumindest Verständnis für dieses Vorhaben aufkommen: „Die üblichen Normen werden während der GTI-Woche sträflich verletzt.“ Der Reifnitzbach werde durch Kot, Urin und Erbrochenes, Alkohol und Müll verschmutzt. Das verunreinigte Wasser gelange in den Wörthersee, der bis dorthin Trinkwasserqualität aufweist. Und: Der CO2-Ausstoß erhöhe sich in der Wörthersee-Region durch tausende zusätzliche Pkw um das Zigfache.
Egger: „Trotz eines hohen Polizeiaufgebotes müssen die Anrainer ihre Häuser und Gärten verbarrikadieren. Öffentliche Anlagen, wie Spielplätze, Gehsteige, Straßen und Parkplätze sind in dieser Zeit unbenützbar. Über Reifnitz entsteht ein kulturelles und geistiges Vakuum.“ Schulen und Kindergärten sind gesperrt, das öffentliche Leben kommt zum Erliegen.
Vergangenen Freitag hat auf der Klagenfurter Messe die „Autoshow 2008“ begonnen. Diese Messe rund ums Autotuning gilt als informeller Start des GTI-Treffens, das am kommenden Mittwoch offiziell beginnt.
Erste Vorboten mit ihren „aufgemotzten“ Boliden sind schon unterwegs rund um den See. Die Polizei sieht das heurige Treffen als „Generalprobe“ für die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft.
Nach Angaben von Polizeisprecher Gottlieb Türk trainiere man in dieser Woche den Einsatzstab, die Einsatzstrukturen und die Kommunikationswege im Hinblick auf die Euro. Insgesamt 100 Polizisten und 150 Leute privater Sicherheitsfirmen wollen beim GTI-Treffen für Sicherheit und Ordnung sorgen.
Das GTI-Treffen am Wörthersee lockt jährlich bis zu 200.000 Fans nach Kärnten.
Die Gastronomie erlebt einen Boom, viele Bewohner lehnen das Spektakel ab.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)

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