Islam-Vortrag: Eklat um Absage

SP-Gemeinderat Al-Rawi kritisierte Wissenschaftlerin Chritine Schirrmacher als „Islamophobikerin“. Diese wehrte sich gegen die "Verleumdung".

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(c) AP (B.K.Bangash)

WIEN. Interventionen bei Veranstaltungen zum Islam werden langsam zur Gewohnheit. Jüngster Fall: Ein Vortrag in Traun wurde vergangene Woche abgesagt. Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft und Wiener SP-Gemeinderat hatte im Vorfeld die Referentin Christine Schirrmacher als „Islamophobikerin“ bezeichnet.

Die Islamwissenschaftlerin sei eine bekannte antimuslimische Aktivistin, die der evangelikalen „Lausanner Bewegung“ angehöre. Gerade Evangelikale, so Al-Rawi, würden durch Unterstützung antiislamischer Tätigkeiten auffallen. Konsequenz: Die Veranstalter luden die Leiterin des Bonner Instituts für Islamfragen aus. Man befürchte, so die Begründung, eine unsachliche Darstellung des Islam.

Der Protest gegen die Absage ließ nicht lange auf sich warten. Von Vertretern der Evangelikalen Bewegung bis zu Schirrmacher selbst wurden Briefe verfasst, in denen Al-Rawis Behauptungen als Verleumdung oder Falschinformation bezeichnet werden. Schirrmacher stößt sich vor allem daran, dass Al-Rawi seine Vorwürfe nicht mit Zitaten aus ihren Schriften oder Vorträgen untermauert habe.

Im Gespräch mit der „Presse“ beruft sich Al-Rawi auf den Klappentext des Buches „Die Frauen und die Scharia“, das von Schirrmacher mitverfasst wurde. Darin heißt es: „Im Namen der Scharia werden Frauen beschnitten, zwangsverheiratet, vergewaltigt, eingesperrt, gesteinigt oder für die Ehre ermordet.“ Für Al-Rawi eine verallgemeinernde Aussage: „Kein Mensch macht das im Namen der Scharia, sondern im Rahmen von patriarchalen Strukturen“. Weitere Infos über die Wissenschaftlerin habe er aus dem Internet bezogen.


„Deckmantel der Integration“

Schirrmachers vermeintliche Islamophobie allein hätte ihn aber nicht bewogen, gegen den Vortrag zu protestieren: „Mich hat gestört, dass jemand islamfeindliche Aussagen unter dem Deckmantel einer Veranstaltung zur Integration machen kann“, sagt er. Noch dazu, wo kein einziger Muslim auf dem Podium vorgesehen war, der Paroli bieten hätte können.

Mit einem ähnlichen Argument hatte vergangenes Jahr Tarafa Baghajati, neben Al-Rawi Mitbegründer der Initiative Muslimischer Österreicher versucht, sich bei einem Vortrag des Islamkritikers Henryk Broder als Diskutant aufs Podium zu reklamieren. Die Veranstaltung, von einer ÖVP-nahen Plattform organisiert, sollte keine einseitige Sichtweise liefern, so Baghajati. Broder lehnte ab.

Interventionen gegen vermeintlich einseitige Veranstaltungen kommen aber nicht nur von islamischer Seite. Mitte Mai war eine Veranstaltung der Initiative „Gaza muss leben“ im evangelischen Albert-Schweitzer-Haus angesetzt. Nach Protesten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) machte das Schweitzer-Haus einen Rückzieher, wie auch die als Ersatzquartier vorgesehene Arbeiterkammer. Letztlich fand die Debatte im Weltcafé in kleinem Rahmen statt.

IKG und DÖW hatten sich vor allem daran gestoßen, dass die Antiimperialistische Koordination (AIK) Mitveranstalter sei – eine „antisemitische Organisation“. Eine Vereinigung, mit der man bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft aber auch so seine Probleme hat. Omar Al-Rawi: „Die greifen mich auch immer wieder an.“ Gastkommentar S. 41, Glosse S. 43

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2008)

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