Wiener Muslime: Ein "Kirchtag" für den Frieden

Wiener Muslime luden am Sonntag zu einem Fest beim Islamischen Zentrum, um ein Zeichen gegen IS-Sympathisanten zu setzen.

Hashim Mahrougi, Direktor der Moschee, sprach am Sonntag von „Liebe und Frieden“. Vorwürfe, seine Moschee sei ein Ort der Radikalisierung, seien „lächerlich“.
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Hashim Mahrougi, Direktor der Moschee, sprach am Sonntag von „Liebe und Frieden“. Vorwürfe, seine Moschee sei ein Ort der Radikalisierung, seien „lächerlich“.
Hashim Mahrougi, Direktor der Moschee, sprach am Sonntag von „Liebe und Frieden“. Vorwürfe, seine Moschee sei ein Ort der Radikalisierung, seien „lächerlich“. – (c) Stanislav Jenis

Wien. Es ist ein unbeschwerter Sonntagnachmittag, Kinder – die Mädchen zum Teil schon im Kindergartenalter mit Kopftuch – purzeln in der Hüpfburg herum, Männer grillen, die Jugendlichen staunen über den kleinen Medienauflauf, den es an diesem Sonntag vor dem Islamischen Zentrum in Floridsdorf gibt. Denn es geht um große Themen: um ein Zeichen gegen Extremismus, um das Zusammenleben verschiedener Religionen.

Omar Al-Rawi, der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, spricht von „einer Art Kirchtag vor der Moschee“. Er habe das Fest initiiert – und auch Vertreter anderer Religionen eingeladen –, um ein klares Zeichen zu setzen. Schließlich sei er immer wieder aufgefordert worden, „etwas zu tun“. Extern, medial und auch von Muslimen habe es immer wieder den Ruf gegeben, man möge sich doch klarer von Radikalen, von Sympathisanten des IS, distanzieren. Eine Demonstration? Eine Mahnwache? Al-Rawi hat sich für ein Fest entschieden, das „ein Zeichen der Lebensfreude gegen Hass und Menschenverachtung“ sein soll. „Wir wollen unsere Religion nicht durch Extremisten missbraucht sehen“, sagt er. Dazu wollte er auch die Nachbarn der Moschee einladen, rief vor dem Fest auf, Familien, Freunde mitzubringen. Gekommen sind Sonntagmittag doch vor allem Mitglieder der muslimischen Community. Und jede Menge Reporter. Schließlich brennt das Thema, besonders im Islamischen Zentrum, das unlängst in Verruf geraten ist, ein Ort der Radikalisierung zu sein, nachdem Austro-Jihadist Firas H. behauptet hat, das Zentrum unterstütze den IS.

„Lächerlich“, sagt Hashim Mahrougi, der Direktor des Islamischen Zentrums, zu solchen Vorwürfen am Sonntag. „Wir sind ganz klar gegen diese Einstellung“, erklärt er auf Englisch, aber, die Moschee sei offen für alle. Wenn freitags 4000 Menschen zum Gebet kommen, könne er nicht kontrollieren, ob welche mit radikalen Ideen darunter sind. „Aber wir distanzieren uns immer wieder“, sagt er. Und spricht vor der Moschee von Liebe und Frieden, von einem Tag gegen Hass und Rassismus, zu dem er auch gern mehr Andersgläubige begrüßt hätte.

 

„Die Jungen hören nicht“

„Die Leute haben Angst, sie verstehen den Islam nicht. Islam ist Friede“, sagt ein junger Mann mit langem, schwarzen Bart und weißer Gebetskappe. Auch die jungen Muslime verstünden ihn nicht. „Der Imam mahnt die Jungen hier immer wieder, aber sie wollen nicht hören“, sagt er auf Radikale angesprochen – konsequent dem männlichen Gegenüber zugewandt, Blickkontakt zur Gesprächspartnerin meidet er strikt. Und erklärt knapp seine Sicht, die er auch, indem er in Wien öffentlich Koran-Ausgaben verteilt, verbreiten will: Wer sich nicht dem Islam zuwende, den nehme Allah nicht auf, wenn es dereinst um den Einlass in das Paradies gehen sollte.

Andere Besucher des spätsommerlichen Fests haben da pragmatischere Zugänge, wenn es um das Verhältnis der Religionen in Wien geht: „Eine Pauschalverurteilung ist völliger Unsinn“, erklärt Amin Abdalla. „Die, die wirklich Angst haben müssen, sind ja die Leute da unten. Da geht es um die Existenz“, sagt er und stellt einen Freund, Jalal Karkour, vor, der vor zwei Monaten aus der Nähe von Damaskus nach Wien geflohen ist. Er ist in einem Notquartier der Caritas untergekommen, im Rucksack, den er bei sich trägt, ist alles, was er noch besitzt. Er schätze die Sicherheit in Österreich. Das lange Warten aber, nichts tun zu können, das sei kein Leben, sagt er, während im Hintergrund die Kinder toben und die Religionsvertreter ihre Sonntagsreden zum Besten geben.

AUF EINEN BLICK

Lebensfreude statt Menschenverachtung – unter diesem Motto stand das Fest des Friedens, das am Sonntagnachmittag beim Islamischen Zentrum am Bruckhaufen in Wien Floridsdorf stattfand. Initiiert wurde das Fest vom Integrationsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Omar Al-Rawi, der damit ein Zeichen gegen IS-Sympathisanten setzen will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2014)

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