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Religionspädagoge Aslan: „Muslime benötigen Friedenskonzepte“

Archivbild: Religionspädagoge Ednan Aslan
Archivbild: Religionspädagoge Ednan Aslan / Bild: Stanislav Jenis 

Religionspädagoge Ednan Aslan spricht im Interview über radikale Imame in Österreich und die Ratlosigkeit der Islamischen Glaubensgemeinschaft.

 (DiePresse.com)

Die Presse: Ein Wiener Imam lobt die Hamas und findet, „dass applaudiert werden sollte, wenn Raketen auf Israel abgefeuert werden“. Darauf angesprochen, bezeichnet die Islamische Glaubensgemeinschaft diesen Imam als „aufgeklärt und reformorientiert“. Wie ist das zu verstehen?

Ednan Aslan: Im Vergleich zu anderen Imamen und ihren Predigten, in denen sie einen islamischen Staat propagieren und die in radikalem Widerspruch zur Demokratie und der hiesigen Lebenswirklichkeit stehen, erscheint der Glaubensgemeinschaft dieser Mann wahrscheinlich wirklich als harmlos. Die Glaubensgemeinschaft kennt die Probleme genau, kann aber keine offene Position beziehen und ist meiner Meinung nach ratlos, weil es ihr nicht nur um die Religion geht, sondern sie auch andere Interessen der Verbände berücksichtigen muss. Eigene Aussendungen der muslimischen Verbände mit Stellungnahmen zur aktuellen Entwicklung sind ein Zeichen dafür, dass sie sich nicht ausreichend von der Glaubensgemeinschaft vertreten fühlen.

Welche anderen Interessen?

Die Glaubensgemeinschaft besteht im Wesentlichen aus drei Organisationen – Milli Görüs, der Muslimbrüderschaft und Atib. Drei Gruppierungen, die nicht zuletzt durch den Einfluss des türkischen Staatspräsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, einander immer ähnlicher werden, sodass sie kaum noch differenzierbar sind und alle einen islamischen Staat fordern. Legt sich der Präsident der Glaubensgemeinschaft (Fuat Sanac, Anm.) mit ihnen an, wird er 2015 nicht wiedergewählt. Die Anweisungen zur Gestaltung der Gemeindearbeit erhalten diese Verbände nicht von der Glaubensgemeinschaft, sondern von den ausländischen politischen Zentren. Die Glaubensgemeinschaft ist mehr oder weniger nur ein Schutzschild für die Aktivitäten solcher Verbände.

Wie definieren Sie „islamischer Staat“?

Ein Staat nach islamischem Recht, wie ihn IS-Chef al-Bagdadi gern hätte.

Inklusive Scharia, Kalifat, des Heiligen Krieges, Steinigung etc.?

Ja.

Wenn die Glaubensgemeinschaft aus Organisationen besteht, die einen solchen Staat anstreben, kann sie ja schlecht kritische Worte finden. Sie müsste sich von sich selbst distanzieren.

Da ist etwas Wahres dran. Weder von den Verbänden noch von der Glaubensgemeinschaft habe ich eine Stellungnahme gesehen, die sich vom politischen Islam bzw. von einem islamischen Staat nach klassischen theologischen Normen distanziert. Wenn man sich von der Illusion eines hoch idealisierten islamischen Staates nicht ablösen kann, muss man immer mit den gewalttätigen Versuchen zur Etablierung eines solchen Staates rechnen. Die Glaubensgemeinschaft vertritt die Meinung, dass in Österreich die Scharia nicht möglich ist, weil die Muslime hier in der Minderheit sind. Diese Aussage muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Sie impliziert nämlich, dass die Muslime in Österreich nicht nach ihren eigenen Gesetzen leben können, das aber gern tun würden.

Halten Sie es für legitim, dass sich die Terrorgruppe IS bei ihren Aktivitäten auf den Koran beruft?

Theologisch betrachtet ist es zu 100 Prozent legitim. Alles, was der IS macht und fordert, ist theologisch richtig und kommt in allen Grundwerken des Islam vor. Ein Kalif hat nun einmal einen Kriegsauftrag, keinen Friedensauftrag. Er muss den Islam auch mit Gewalt verbreiten und sollte dazu mindestens einmal im Jahr Krieg führen.

Heißt das, der Islam ist grundsätzlich eine gewalttätige Religion?

Nein, der Islam ist eine Religion des Friedens. Nur muss er seine veraltete Kriegstheologie hinterfragen und unserer modernen Lebenswirklichkeit entsprechend neu interpretieren. Sonst werden Muslime immer Sklaven einer Theologie bleiben, die von Rache, Krieg und Gewalt geprägt ist. Die Folgen sind fatal. In ganz Europa riskieren die Muslime, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Was bedeutet das genau? Sollte sich der Islam neu erfinden?

Muslime müssen sich ehrlich und kritisch mit ihrer Theologie bzw. Lehre auseinandersetzen und neue Friedenskonzepte entwickeln anstelle der alten Kriegs- und Rachekonzepte. Das trifft auch auf die Glaubensgemeinschaft zu. Es gibt eine Kluft zwischen der islamischen Theologie und der Lebenswirklichkeit der Muslime.

Überrascht es Sie, dass aus Österreich immer wieder junge Männer und Frauen als Jihadisten in den Heiligen Krieg nach Syrien oder in den Irak ziehen?

Nicht im Geringsten. Wenn Kinder von Imamen ständig zu hören bekommen, dass ein islamischer Staat erstrebenswert ist, darf man sich nicht wundern, wenn sie irgendwann in einem solchen Staat leben wollen. Selbst, wenn der Imam gar nicht wollte, dass die Jugendlichen in den Krieg ziehen, kann er das oft nicht verhindern, weil sie irgendwann eigene Gedanken entwickeln und auf eigene Faust handeln. Diese Jugendlichen sind keine Terroristen, sondern Produkte einer veralteten Theologie.

Was ist mit den vielen aufgeklärten Muslimen in Österreich, die nichts mit Krieg und Gewalt zu tun haben wollen. Wo bleibt ihr Aufstand?

Gute Frage. Das Problem ist, dass die Mehrheit der Muslime nicht organisiert ist. Und die, die organisiert sind, wollen sich – wie schon erwähnt – nicht distanzieren.

Wie kann in diesem Zusammenhang der Staat eingreifen?

Er kann die Probleme eindeutiger ansprechen und präventiv tätig sein, indem er in Schulen die Demokratieerziehung forciert und verbessert. Teilweise ist es schon zu spät, aber man sollte dennoch damit anfangen. In Wien gibt es beispielsweise rund 150 islamische Kindergärten, zumeist betrieben von Salafisten. Wie kann das sein? Nach welchen Kriterien werden diese Kindergärten bewilligt? Diese Kinder werden irgendwann erwachsen und wollen das, was ihnen all die Jahre gepredigt wurde, vielleicht auch umsetzen. Ich selbst habe vor Jahren den Stadtschulrat Wien und das Unterrichtsministerium auf einige Schulen hingewiesen und vor Problemen gewarnt. Aus einer dieser Schulen sind mittlerweile zwei Jugendliche in den Heiligen Krieg in den Irak und nach Syrien gezogen und versuchen, über das Internet weitere Schüler ebenfalls dafür zu begeistern.

Dann glauben Sie, dass in Zukunft noch viel mehr Jihadisten von Österreich aus in den Heiligen Krieg ziehen werden?

Davon bin ich überzeugt. Von machen werden wir hören, von anderen nicht.

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