Uni-Wien-Rektor: "Halte nicht viel von Aufnahmetests"

Heinz Engl, Rektor der Uni Wien, ist dafür, dass Maturanten (fast) jedes Studium beginnen dürfen. Nach zwei Semestern soll sich entscheiden, wer bleibt. Schranken bei Jus lehnt er ab.

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(c) Die Presse (Gabriele Paar)

Die Presse: Demnächst soll feststehen, wie viel Geld die Unis für die kommenden Jahre bekommen. Da ist immer die Rede vom Status quo, den man halten kann oder nicht. Wie fürchterlich ist denn der Status quo?

Heinz Engl: Er ist nicht fürchterlich. Er bedeutet: Einen nicht unproblematischen, aber doch relativ stabilen und in den meisten Fächern auch durchaus vernünftigen Stand. Und: Wir spielen trotz der schwierigen Finanzierungssituation in der Forschung in vielen Fächern eine starke internationale Rolle.

 

Beim aktuellen THE-Uniranking rutscht die Uni Wien wieder ab. Macht Ihnen das noch Sorgen?

Ein paar Plätze auf oder ab ist nicht das Problem. Aber wenn man den langjährigen Schnitt ansieht, ist das bedenklich. Ohne Zusatzinvestitionen verlieren wir an Boden. Heuer hat etwa die Uni München stark zugelegt. Auch türkische Unis haben uns überholt. Das ist das Ergebnis jahrelanger Investitionen.

 

Was passiert, wenn es für 2016 bis 2018 kein Extra-Geld gibt?

Dann fehlen der Uni Wien pro Jahr 20 Millionen Euro. Teils haben wir schon jetzt Probleme. Nicht nur in klassischen Massenfächern – auch in den Naturwissenschaften. Etwa, was Laborplätze betrifft. Aber ich bin optimistisch, dass für alle Unis etwa 600 Millionen Euro zusätzlich kommen. Was ich erreichen will, ist: den Status quo erhalten und punktuelle Verbesserungen. Damit wäre das auch erreichbar.

 

Ist die Milliarde, auf die gepocht wurde, für Sie vom Tisch?

Natürlich wäre uns eine Uni-Milliarde lieber. Mit den 600 Millionen können wir aber unser Defizit abfangen und selektiv investieren. Die Frage ist: Was ist nötig, um über die Runden zu kommen, bis 2020 die von der Regierung angekündigten zwei Prozent des BIP in tertiäre Bildung investiert werden?

 

An die zwei Prozent glauben Sie?

Mir ist klar, dass es nicht so einfach ist und dass man die Budgets dann sehr stark steigern müsste. Aber ich glaube an die Bemühungen.

 

Der Minister hat die Unis jüngst aufgefordert, Mittel umzuschichten. Sehen Sie da Potenzial?

Wir sehen uns derzeit die 115 Masterstudien an. Das ist zu viel. Wir werden sicher keine einfach streichen, wir könnten aber verwandte Studien zusammenlegen. So, dass etwa 90 Prozent bleiben. Und wir überlegen einen Schwerpunkt in den Neurowissenschaften.

 

Eine letzte Geldfrage: Was haben die Aufnahmetests gekostet?

Vergangenes Jahr waren es inklusive Testentwicklung 500.000 Euro. Ungefähr die Hälfte für Raummieten. Das ist nicht billig.

 

In der Wirtschaft kamen weniger Kandidaten als es Plätze gab. Muss man so viel Geld investieren, um Leute abzuschrecken?

Wir haben uns das nicht ausgesucht. Ich halte von punktuellen Aufnahmetests nicht besonders viel. Es ist nicht die sinnvollste Möglichkeit, den Zugang zu regeln.

 

Über einen Teil der Beschränkungen wird demnächst neu verhandelt. Was soll sich ändern?

Es soll möglich werden, den Zugang ohne punktuelles Aufnahmeverfahren zu regeln – und stattdessen über die Studieneingangs- und Orientierungsphase. Derzeit ist das theoretisch möglich, man dürfte aber keine Prüfung wiederholen.

 

Und jeder soll jedes Studium zumindest beginnen dürfen?

Es wird Fächer geben, in denen es nicht geht – etwa Psychologie. Wir sollten es uns aber leisten können, dass jeder, der die Hochschulreife hat, die meisten Studien beginnen darf. Und sich dann zwar bewähren muss, aber auch die Chance hat, eingeführt zu werden oder Dinge nachzuholen.

 

Wer das nicht schafft, der muss nach zwei Semestern wechseln?

Wenn wir eine maximale Platzzahl definieren, fände ich es fairer, anhand dieser Eingangsphase zu entscheiden und nicht anhand eines punktuellen Tests an einem Tag.

Uni-Minister Reinhold Mitterlehner hat sehr früh neue Schranken in Jus und Sprachen anklingen lassen. Brauchen Sie das?

Nein, das wird Sie wundern. Unsere Rechtswissenschaften halten Zugangsregelungen nicht für nötig. Sie kommen mit der Studieneingangsphase zurecht. Über Sprachen haben wir noch nicht diskutiert.

 

Rektorenchef Heinrich Schmidinger will eine EU-weit einheitliche Zugangslösung. Sie auch?

Das ist sicher ein erstrebenswertes Ziel, aber ich frage mich, wie realistisch das ist. Darauf werden wir jedenfalls nicht warten können.

 

Zum Lehramt: Sie haben einen Eignungstest gemacht – ohne Konsequenzen für die Aufnahme ins Studium. Doch seltsam, oder?

Ich fand es eigenartig, dass wir laut Gesetz die für den Lehrerberuf Geeigneten durch Eignungsverfahren herausfinden müssen. Ich glaube nicht, dass man mit einem Test im September feststellen kann, ob jemand ein guter Lehrer wird. Unser Eignungstest wird sich in absehbarer Zeit also nicht ändern.

 

Hätten Sie lieber verzichtet?

Nein. Zumindest ist die Studienwahl etwas bewusster erfolgt. Ob damit auch die hohen Drop-out-Raten sinken, wird man sehen.

ZUR PERSON

Heinz Engl (61) ist seit
dem Jahr 2011 Rektor der Uni Wien. Im Mittwochabend veröffentlichten THE-Uniranking ist die Uni weiter abgerutscht: von Rang 170 auf Rang 182. Sie ist damit nach wie vor die einzige österreichische Uni in den Top 200. Mehr dazu: diepresse.com/uniranking [ Katrin Bruder]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2014)

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