Als Neapel nach Mistelbach kam

Drei Denkmäler für Berühmtheiten und ein Weinweg, der Dionysos huldigt. In Mistelbach liegt Skurriles neben Genuss und anerkannter Kunst.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wenn bei Capri die Sonne im Meer versinkt, dann kann man im nahen Neapel österreichische Kunst besichtigen, und zwar im Museo Hermann Nitsch. „Werke aus dem Werk“, also Relikte aus Kunstauktionen von Hermann Nitsch sind normalerweise in Neapel zu sehen – bis vor Kurzem zumindest, denn derzeit sind sie in Mistelbach. Die beiden Nitsch-Museen haben ihre Ausstellungen getauscht.

Die Nitsch-Relikte wanderten nach Wien, dafür sind ab Ende Oktober Mistelbacher Exponate in Neapel zu sehen. Grund genug, die rund 11.000 Einwohner zählende Bezirkshauptstadt als Ziel einer Stadtflucht anzupeilen. Weil ein bisschen Landluft am Wochenende ja auch glücklich macht.


Wo jede Aufregung fern ist. Also rein in den Zug am Wiener Praterstern und nach einer knappen Stunde raus in Mistelbach an der Zaya. Hier mündet der Namen gebende Mistelbach in die Zaya, hier geht es geruhsam, fast schaumgebremst zu. Wenig Aufregung herrscht in den Straßen zwischen den meist zweistöckigen Bürgerhäusern. Eine typisch österreichische Stadt. Mistelbach ist still, bescheiden, unauffällig. Umso mehr überrascht, dass sich gerade hier die blutigen Welten des Herrmann Nitsch auftun.

Vom Bahnhof führt der Weg entlang in Richtung Zentrum. Die Häuser sind niedrig und direkt an die Straße gebaut. Lust auf Kaffee? Zeit für eine Einkehr im Café Harlekin.

Hawelka in Mistelbach. Das Harlekin ist der Klassiker, praktisch immer geöffnet und Besuchern vielleicht auch bekannt, weil es – völlig ironiefrei – dem verstorbenen Wiener Kaffeehausbesitzer Leopold Hawelka mit einer Statue ein Denkmal gesetzt hat. Hawelka hat einen Teil seines Lebens in der 11.000-Einwohner-Stadt verbracht.

Nach der Stärkung wird links abgebogen in den lang gestreckten Hauptplatz, mit dem 1901 erbauten Rathaus. Von hier aus ist das Nitsch-Museum nicht mehr weit. „In Mistelbach zeigen wir die Relikte der Installationen aus den Jahren 1974 bis 2014“, erklärt der Kurator der Ausstellung, Giuseppe Morra, der auch der Direktor des Nitsch-Museums in Neapel ist. Abtupfwattebäuschchen bis Zucker sind nun hier zu sehen – alles, was das Orgienmysterientheater eben so braucht.

Die Objekte, die Giuseppe Morra aus Neapel nach Mistelbach brachte, reflektieren auch 40 Jahre Freundschaft mit Hermann Nitsch, 40 Jahre voller Kunst, mit allen dazugehörigen Auf und Abs. Seit 1974 sind Nitsch und Morra befreundet, alles begann mit einer Ausstellung in Neapel, nach der Nitsch des Landes verwiesen wurde und die ihm das Verbot einbrachte, italienischen Boden zu betreten. Nach einem Jahr wurde der Bann aufgehoben. „Mistelbach kannte ich in den 1970er-Jahren als einen viel kleineren Ort“, erinnert sich Morra.

Jungen Wein und einfache Speisen finden Nitsch und Morra nach wie vor bei den Heurigen in der Gegend. „Das gefällt mir“, sagt Morra, „denn ich lebe ja schließlich auch auf dem Land.“ Die grauen Gebäude des Museums spielen auf den katholisch-kirchlichen Hintergrund der Arbeiten des Mistelbacher Meisters an. Die ehemalige Fabrik wurde nach den Prinzipien des idealen Klosterplans von St. Gallen umgebaut, mit Langhalle, Seitenschiff und Krypta.

Wein zum Durchatmen. Durchatmen heißt es nach einem Rundgang durch die blutbefleckte Klosterwelt des Nitsch-Museums, am besten auf dem Dionysosweg. Der Dionysosweg führt vom Museumsparkplatz durch die Weinberge zum „Weinviertelfries“ von Heinz Cibulka, einem Nitsch-Schüler.

Im blau-weißen Container wird das Weinviertel mit seinen Bewohnern und mit seiner Landschaft in Fotos festgehalten zum eigenständigen Kunstwerk. Vom Container aus ist der Blick frei über das weite, offene Land.

Im Weinsortenkostgarten gibt es im Herbst die wichtigsten Traubensorten des Weinviertels zum probieren: Grünen Veltliner, Weißburgunder, Welschriesling, Zweigelt und Blauen Portugieser. Im Bauernarnt Heurigen – „Arnt“ bedeutet auf Weinviertlerisch „Ernte“ – oder im Heurigen in der Landwirtschaftlichen Fachschule Mistelbach geht es weiter mit dem Weintesten. Hier kann man sich auch mit den Spezialitäten der Bauernhöfe der Gegend eindecken.

Neben Nitsch (und Hawelka) wurde in Mistelbach vor einiger Zeit auch ein anderer verewigt, einer, der selbst nie in Mistelbach war. „The King of Pop“, Michael Jackson, hat hier eine Adresse: Josef-Dunkel-Straße 19 – dort liegt der Landesbahnpark. Martina Kainz heißt die umtriebige Initiatorin und Besitzerin des Denkmals: „Prag, Budapest und München sind nur einige der Städte, in denen man es nicht schaffte, ein Jackson-Denkmal aufzustellen. Das hat mich motiviert, ich wollte wissen, ob es in Mistelbach möglich ist.“ Und so ging Martina Kainz nach Jacksons Tod zur Gemeinde und war erstaunt, als ihr tatsächlich drei Quadratmeter Grund im Landesbahnpark zur Verfügung gestellt wurden. „Ich bin für das Denkmal verantwortlich, es ist eine reine Privatinitiative, Kerzen und Blumen muss ich regelmäßig wegräumen und alles rund um die Jackson-Statue sauber halten.“ Briefe und ausgeschnittene und folierte Fotos und Bilder legen die Michael-Jackson-Fans vor die weiße Statue mit der goldenen Krawatte und der goldenen Armbinde.

Michael Jackson und zurück. Die Statuenstifterin Martina Kainz wohnt eigentlich im Bezirk Gänserndorf, kommt aber regelmäßig nach Mistelbach zum Einkaufen und zum Jackson-Statue-Warten. Zwei Meter zehn hoch ist die Popikone, sie steht auf einem 80 Zentimeter hohen Sockel. Zu Jackson kam die Künstlerin und Malerin Martina Kainz gar nicht über die Musik: „Aus Deutschland bekam ich eine Anfrage, ob ich Michael Jackson malen kann, das Bild stellte ich in ein Forum, damit der Käufer es sich ansehen konnte, daraufhin langten unzählige Bestellungen ein, eineinhalb Jahre lang malte ich Bilder von Michael Jackson.“

Mittlerweile kann sie mit dem Künstler nicht mehr so viel anfangen. „Ich bin geheilt, ich kann die Musik und den Namen schon nicht mehr hören, vier Jahre lang drehte sich bei mir alles nur um Michael Jackson“, sagt die Malerin. Doch die Freude über die Statue ist groß, immerhin eine sichtbare Bestätigung für die Mühe.

Mistelbach-Tipps

Nitsch-Museum. Waldstraße 44–46, 2130 Mistelbach, ✆ 0676/640 35 54, Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr.

Lokale. Hotel Restaurant zur Linde, Josef-Dunkl-Straße 8,
✆ 02572/2409; Wirtshauskultur mit einer Gault-Millau-Haube.

Heuriger Bauernarnt: Winzerschulgasse 50, ✆ 02572/200 482.

Bücher. Martina Kainz: „Die Enthüllung: Der King ist in der Stadt“

Jürgen Zahrl und Markus Foschum: „Das gibt's doch nicht! Österreichs skurrilste Orte“ (Metro Verlag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2014)

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